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sommer 2009

Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser,

Sommerzeit ist Reisezeit. Der Drang nach draußen wird unwiderstehlich, man muss mal weg, was anderes sehen. Es ist schon klar, unterwegs sind wir immer – aber die Fragen woher, wohin, wozu sind virulenter im Sommer. Was sagt uns Kant, der Königsberger Weltweise, dazu: „Eine Lehre von der Kenntniß des Menschen, systematisch abgefaßt (Anthropologie), kann es entweder in physiologischer oder in pragmatischer Hinsicht sein. Die physiologische Menschenkenntniß geht auf die Erforschung dessen, was die Natur aus dem Menschen macht, die pragmatische auf das, was er als freihandelndes Wesen aus sich selber macht, oder machen kann und soll.“ (AA VII, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, 1798, Vorrede) Und später ebenda: „Zu den Mitteln der Erweiterung der Anthropologie im Umfange gehört das Reisen, sei es auch nur das Lesen der Reisebeschreibungen. Man muß aber doch vorher zu Hause durch Umgang mit seinen Stadt oder Landesgenossen*) sich Menschenkenntniß erworben haben, wenn man wissen will, wornach man auswärts suchen solle, um sie in größerem Umfange zu erweitern. Ohne einen solchen Plan (der schon Menschenkenntniß voraussetzt) bleibt der Weltbürger in Ansehung seiner Anthropologie immer sehr eingeschränkt.“

Also dann, reisen wir. Zum Beispiel mit unserer Stipendiatin Lisa Jugert, sie war für längere Zeit in den USA und berichtet im Interview über ihre Beobachtungen während und nach der politischen Wende dort. Für soziale Experimente interessiert sich ebenfalls der in Frankfurt lebende Künstler Murray Gaylard. Seine Untersuchungen zum Heimatbegriff siedelt er im globalen Kontext als auch in der unmittelbaren Umgebung an: Nach langen, vergeblichen Versuchen mit seinem Etagennachbarn Kontakt aufzunehmen, griff Gaylard schließlich zur Nadel und vernähte die Fußmatte des Nachbarn mit seiner eigenen. Ob er damit sein Ziel erreich-te, können Sie in seiner Ausstellung im Wiesbadener Kunstverein nachverfolgen.

Von sehr weit her kommen zwei KünstlerInnen in die Wetterau, die zu den Effekten der Kolonial- und Wissenschaftsgeschichte arbeiten. Reisen Sie bitte Ihrerseits auf kürzestem Weg nach Groß-Karben!

Ebenfalls ohne große Schwierigkeiten erreichbar ist die Desti-nation Kassel. Die Gemäldegalerie Alte Meister richtet ab Juli in Schloss Wilhelmshöhe für Zoologen und andere Liebhaber eine bemerkenswerte Forschungsstation ein. Im Anschluss könnten Sie unten in der Stadt ein Treffen arrangieren mit einem der raren deutschen Universalkünstler und Exzentriker, Hans Jürgen von der Wense, der einen großen Teil seines Lebens in Hessen verbracht hat.

Einen schönen Sommer wünscht Ihnen
Claudia Scholtz
Geschäftsführerin

retrospective

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