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Wieder zugänglich für die Literaturwissenschaft: ein Brief des 17 Jahre alten Friedrich von Hardenberg (1772 – 1801), als Novalis bekannter Schriftsteller der deutschen Frühromantik, an den verehrten Dichter (Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen!) und Göttinger Universitätsprofessor Gottfried August Bürger in Versform:

 

An den Herrn Professor Bürger.

Ein Brief ward rnir, von jener Hand geschrieben,
Die einst Lenoren schrieb und mit Homeren rang,
Und sauern Ehrenkranz um Deine Stirne schlang,
Die frey und deutsch stets unbewölkt geblieben,
Der Hand, die zu dem tief gefühltesten Gesang,
Den alle Enkels Mana’s Iieben,
Die rein gestimmte Leyer zwang.
Ich freute mich, da keimte mir im Busen
Dies Lid denn die Gefühle wurden Musen,
Die Freude gab den Ton, und je der Nerve klang,
Bis es aus der schon oft geübten Feder sank.
Doch rechne nicht darob mich zu den Dichterlingen,
Die stantepe sechshundert Reime singen,
Und denen Freund Horaz noch einen Jambus lehrt,
Der, Wieland, Freund und Du, verzeih den trauten Namen,
Ihr streutet mir ins Herz den holden Dichter Samen
Der, wenn ihn Unkraut nicht verzehrt,
Vielleicht dereinst mit reicher Frucht beschwert
Mit einem Kränzchen rnehr Euch Eure Locken schmücket;
Gedencke nur im Jahre einmal mein
Das ist mein Wunsch zulezt, der mich entzücket,
Der zu der seltnen Kunst des Lebens froh zu seyn
Selbst wenn der Neid die giftigen Zähne wetzet,
Und zwischen Klippen, wo der gröste Haufen bebt,
Der Kunst die Flakkus über alles schätzet
Und über sie nicht Gold, nicht Fürstenliebe setzet,
Hat ja die Parze Dir auch Güte eingewebt.

 

Sie sehen meine Unbescheidenheit, daß ich es wage, Sie sogar mit schlechten Reimen zu belästigen, doch schieben Sie die Schuld auf meinen Enthusiasmus, der gewiß so groß ist als die Hochachtung mit der ich verharre

Dero gehorsamster Diener
Fridrich von Hardenberg
Weißenfels am 18ten May 1789.

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