Lena Henke: My History of Flow, 2016, Installationsansicht S.A.L.T.S. BaselLena Henke: My History of Flow, 2016, Installationsansicht S.A.L.T.S. Basel Foto: Gunnar Meier, courtesy Lena Henke
Lena Henke: My History of Flow, 2016, Installationsansicht S.A.L.T.S. Basel ©
Lena Henke: Mulberry House after Orsini, 2016Lena Henke: Mulberry House after Orsini, 2016 Foto: Gunnar Meier, courtesy Lena Henke
Lena Henke: Mulberry House after Orsini, 2016 ©
Lena Henke: My History of Flow, 2016, Installationsansicht S.A.L.T.S. BaselLena Henke: My History of Flow, 2016, Installationsansicht S.A.L.T.S. Basel Foto: Gunnar Meier, courtesy Lena Henke
Lena Henke: My History of Flow, 2016, Installationsansicht S.A.L.T.S. Basel ©
Lena Henke: City Lights (Dead Horse Bay), Detail, 2016, Kunstverein BraunschweigLena Henke: City Lights (Dead Horse Bay), Detail, 2016, Kunstverein Braunschweig Foto: Stefan Stark, courtesy Lena Henke
Lena Henke: City Lights (Dead Horse Bay), Detail, 2016, Kunstverein Braunschweig ©
Lena Henke: City Lights (Dead Horse Bay), 2016, Installationsansicht Kunstverein BraunschweigLena Henke: City Lights (Dead Horse Bay), Detail, 2016, Kunstverein Braunschweig Foto: Stefan Stark, courtesy Lena Henke
Lena Henke: City Lights (Dead Horse Bay), 2016, Installationsansicht Kunstverein Braunschweig ©

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Stipendiatin
Lena Henke

Lena Henke, 1982 in Warburg geboren, hat ihr Studium an der Glasgow School of Art und der Frankfurter Städelschule 2010 als Meisterschülerin bei Prof. Michael Krebber abgeschlossen. Ihre skulpturalen Arbeiten, häufig zu komplexen Installationen verdichtet, bewegen sich in dem Themenfeld Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung mit Referenzen an ästhetische Konzepte aus der Kunstgeschichte und deren patriarchale Strukturen. Die formale Sprache und die verwendeten unterschiedlichsten Materialien ihrer Arbeiten verknüpfen minimalistische mit surrealen Bildern aus Erfahrungen des gegenwärtigen urbanen Alltags.

Während ihres Atelierstipendiums hat die Künstlerin, die inzwischen in Frankfurt am Main und in New York lebt, das städtische Umfeld des Ateliers und die Stadtgeschichte New Yorks untersucht. Im Interview sprachen Lena Henke und die Frankfurter Kuratorin Anna Goetz über die umfassenden Recherchen und das daraus entstandene künstlerische Projekt, das beide gemeinsam entwickelt haben.

Ihren bereits umfangreichen Werkkomplex hat Lena Henke in internationalen Ausstellungen gezeigt, zuletzt unter anderem solo in Available Light im Kunstverein Braunschweig, My History of Flow (2016) bei S.A.L.T.S. in Basel, und in Heartbreak Highway bei Real Fine Arts, New York. Sie gründete zusammen mit Marie Karlberg 2013 den M/L Artspace und hat den GWK-Förderpeis Kunst 2015 des Dortmunder Kunstvereins erhalten.

Ab 28. April 2017 wird eine neue Arbeit der Künstlerin für die Rotunde der Kunsthalle Schirn in Frankfurt am Main zu sehen sein.

Anna Goetz Vor ungefähr zwei Jahren haben wir gemeinsam angefangen über skulpturale Ansätze unterschiedlicher historischer sowie aktueller Landschafts- und Gartenanlagen nachzudenken. Seither haben wir einige ausgewählte Beispiele auch persönlich besucht. Unser Recherchefokus liegt auf Anlagen, die auf einem ganzheitlichen künstlerischen Ansatz sowie einem radikalen Raumverständnis basieren. Im Sommer 2016 haben wir im Rahmen unserer Recherche erstmals auch eine Ausstellung gemeinsam erarbeitet: My History of Flow hat im Juni bis August 2016 im Kunstverein S.A.L.T.S. in Basel stattgefunden.

Lena Henke Genau, die Ausstellung war für mich auch der Abschluss meines Atelierstipendiums in Tribeca New York, wo ich nach meinem Einzug in die Wohnung der Hessischen Kulturstiftung im Juli 2015 sofort angefangen habe, mein neues Stadtviertel zu erkunden und mich intensiv mit der historischen Stadtgeschichte New York Cities zu beschäftigen. Tribeca, das triangle–below–canal–street in Manhattan, liegt am nördlichen Ende der Insel gleich oberhalb des Bankenviertels, zwischen Soho und Chinatown. Über den umstrittenen Meisterstadtplaner Robert Moses bin ich auf Jane Jacobs, die kommunale Stadtaktivistin, gestoßen. Über sie habe ich viel von der Geschichte der Müll- und Abwasserversorgung im 18. Jahrhundert in NYC erfahren und gelangte darüber schließlich zum aktuellen Wasserversorgungsystem der Stadt, das mich bis heute fasziniert. Auch Basel verfügt über ein besonderes Leitungssystem, das unterirdisch, unabhängig von der restlichen Wasserversorgung der Stadt, die heute rund 170 öffentliche Brunnen miteinander verbindet und in Teilen bereits im Mittelalter erbaut wurde. Viele dieser Brunnen sind historisch bedeutend und stehen unter Denkmalschutz. Die meisten führen frisches Trinkwasser. In My History of Flow habe ich über das klassische Symbol des Wassertanks die Trinkwasserzufuhr der New Yorker Bevölkerung auf symbolischer Ebene mit dem Brunnensystem in Basel in Beziehung gesetzt.

AG In der Ausstellung sind jedoch auch andere Elemente aufgetaucht, die einstehen für besondere, raumplanerische Visionen, die uns auf unserer Recherche zu historischen und aktuellen Konzepten skulpturaler Landschafts- und Gartenanlagen begegnet sind. Zum Beispiel das Geneigte Haus, das wir im von Pier Francesco Orsini im 16. Jahrhundert erbauten Parco dei Mostri Bomarzo nördlich von Rom entdeckt haben. Das Geneigte Haus hast du als Miniatur in Keramik nachgeformt, Orsinis Haus war in einem 6°-Winkel geneigt erbaut worden – so auch dein Replikat. Diesen Winkel haben wir wieder aufgenommen, indem wir mittels eines Einbaus den Innenraum des Ausstellungskubus geneigt haben. Mit seinem gekippten Haus wollte Orsini dem Besucher des Parks die Verbindung zur Realität verschwimmen lassen und ihm den Eindruck vermitteln, er trete im Haus in eine andere Dimension ein. Etablierte Proportionskonzepte und die Schwerkraft spielten in seinem Traumland keine Rolle mehr. „Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!“ – ist zum Beispiel die Inschrift in der Mündung auf einer der Skulpturen und abgeleitet aus Dante Alighieris Die Göttliche Komödie, Inferno III, 9 (Das Höllentor) (Original ital.: „Lasciate ogni speranza, voi ch’entrate!“).

LH Absolut, das Interessanteste an dem Park, oder besser gesagt an diesem Tempel, war für mich zu sehen, wie sehr die Skulpturen die räumliche Vorstellungskraft des Betrachters beeinflussen. Du kannst dich dem nicht verwehren und wirst vollkommen überwältigt von seinem Traumraum. Ich empfand den Park als extrem sexuell aufgeladen sowie auch an manchen Stellen sehr bedrückend und urig. Orsini baute gemeinsam mit dem Architekten Pirro Ligorio über 20 Jahre an seinem Werk und man sagt, es war für ihn wie eine Therapie, den Tod seiner Frau Giulia Farnese zu verarbeiten. Nachdem Orsini verstarb, ist der Park über mehrere Jahrhunderte in Vergessenheit geraten und der Wald hat sich die Skulpturen sozusagen wiederangeeignet. Erst vor einem knappen Jahrhundert wurde dieser Ort wiederentdeckt und öffentlich zugänglich gemacht. Ich glaube, dass unter anderem Salvador Dalí und Niki de Saint Phalle damals dazu beigetragen haben, den Ort wiederzubeleben.

In meiner Installation in Basel hat sich der Besucher seinen eigenen Weg erst über Baumstümpfe und Papierstapel suchen müssen, um dann mit mehr oder weniger trockenen Füßen im Hauptraum anzukommen. Erst beim Wiederaustreten aus dem Ausstellungsraum in den Garten wurde ihm die Verschiebung der Größenverhältnisse zwischen dem tatsächlichen Gebäude, den Einbauten und den Keramikskulpturen bewusst. Der Originalwassertank auf dem Dach wurde erst kaum als ungewöhnlich empfunden. Man nahm ihn als Teil der Architektur wahr – vielleicht war er lustigerweise auch zu groß, um als Hinzufügung empfunden zu werden! Wir haben Wasser aus der Birs, dem kleinen Fluss, der entlang des Gartens des Ausstellungkubus vorbeifließt, in den Wassertank gepumpt. Dieses wurde dann in den Innenraum geleitet, floss die schiefen Wände hinab, über den geneigten Fußboden und umfloss so das Keramikhaus. Wir haben auch die Eingangstür entfernt, sodass das Wasser aus dem Innenraum wieder in den Außenraum quoll, im Hof im Abfluss verschwand und so der Wasserkreislauf gewissermaßen wieder geschlossen wurde.

AG Du hast deine ganz eigene Vision von gebautem Raum in dieser Ausstellung umgesetzt, inspiriert von den beiden erwähnten Wassersystemen und dem Park in Italien. Da ist aber auch noch die Arbeit des brasilianischen Landschaftsarchitekten Roberto Burle Marx, der seine Gärten als fantastische Anlagen der eigenen Weltvorstellung realisierte und der dich zu Seerosenplastiken, auch aus Keramik, inspiriert hat. In all diesen fantastischen Konzepten spiegelt sich nebst einer besonderen Raumauffassung nicht selten auch eine ideologische Haltung. Dabei interessiert mich besonders die Besessenheit von einer Idee, die so weit geht, dass diese in Realität umgesetzt wird, um sie tatsächlich (er-) lebbar zu machen. Wie siehst du das?

LH Diese oft großflächig angelegten Projekte entstanden über Jahrzehnte hinweg und sind nur erlebbar, wenn man sie räumlich erfahren und begehen kann. My History of Flow ist sozusagen ein Schnelldurchlauf oder eine Essenz unterschiedlicher Erfahrungen aus mehreren Epochen von Garten-, Landschaftsarchitektur und Stadtplanung. Ein beseelter, wabernder Raum, der entwickelt wurde auf der Grundlage meines subjektiven Erfahrens dieser Anlagen sowie auch meiner eigenen Biografie.

AG Interessant. Ich erinnere mich auch gerne an unsere gemeinsame Besichtigung von Donald Judds Marfa-Projekt (1973 – 1994, Marfa, Texas, USA) sowie die Archivrecherche in der Judd Foundation und Chinati Foundation zurück.

LH Ja genau. Wichtig ist mir, dass die Arbeit immer angelehnt an reale Begebenheiten ist. Das wurde mir bei Judd sehr bewusst. Durch unsere persönliche Besichtigung seiner Anlagen und der Auseinandersetzungen mit dem Archivmaterial (Pläne, Schriftverkehr, Notizen und Zeichnungen etc.) hatte ich das Gefühl, ihm und dem, was ihn damals umgetrieben hat, näher zu kommen. Diese Erfahrungen sind den Bedingungen, denen Künstler heute ausgesetzt sind, nicht unähnlich. Judd hat viele Kompromisse eingehen müssen, um seine Vision von permanenter Kunstinstallation in Marfa zu verwirklichen. Judd hat in großen „Blueprints“ gedacht. Das fasziniert mich.

AG Dazu fällt mir deine neue Arbeit, die im Moment in Kunstverein Brauschweig zu sehen ist, ein. In dem Bronzeguss City Lights (Dead Horse Bay) (2016), der im Hof vor dem Herrschaftshauses platziert ist, verbindest du die Form eines Pferdekopfes mit dem Umriss der Insel Manhattan, um darauf eine surrealistisch anmutende Stadtlandschaft zu arrangieren. Die Erfahrung der eigenen Kleinheit in der Stadt verschiebt in der Arbeit die Perspektive in einer Weise, die die Stadt überschaubar und spielerisch erscheinen lässt. Du brichst die objektive Vogelperspektive und erschaffst eine Bildwelt, mit der sich real Gegebenes mit für dich bedeutenden Elementen verschmischt.

LH Die Bronze sehe ich als mein erstes skulpturales Selbstporträt. Natürliche Elemente, mehrere Zeitepochen und nicht realisierte Projekte besiedeln hier Seite an Seite mit den Wolkenkratzern das Architekturgefüge dieser subjektiven Stadtminiatur New Yorks. It’s a Doll House Play..;)

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