stipendiat yong xiang li

Die künstlerische Praxis von Yong Xiang Li (*1991 in Chang­sha/China) basiert auf einem Kulturverständnis in Wechselwirkungen. Er hinterfragt die Konzepte politischer Souveränität und bestehender Machtverhältnisse, indem er Medien, formale und kulturelle Besonderheiten auf Fremdeinflüsse untersucht. Nach seinem durch ein Atelierstipendium der Hessischen Kulturstiftung geförderten Aufenthalt in Istanbul hat Yong Xiang Li mit Ben Livne Weitzman über seine Arbeit und Erlebnisse während dieser Zeit gesprochen.

Ben Livne Weitzman ist ein in Frankfurt ansässiger Kurator und Autor. Er ist auch Chefredakteur von PASSE-AVANT und Gründer von WAVA, einer virtuellen Ausstellungsplattform für Kunstwerke im Bereich der Augmented Reality.

Ben Livne Weitzman Ich erinnere mich, dass wir während eines Atelierbesuchs im vergangenen Jahr kurz über dieses gewaltige goldene Buch zu byzantinischer Kunst gesprochen haben.¹ Zu diesem Zeitpunkt war bereits klar, dass du im Rahmen des Stipendienprogramms der Hessischen Kulturstiftung den Frühling an den Ufern des Bosporus verbringen würdest. Was ist es, was dich immer wieder nach Istanbul zieht?

Yong Xiang Li Ich glaube, jede schlüssige Geschichte hat einen etwas chaotischen Anfang. Durch ein Reisestipendium konnte ich vor ein paar Jahren erstmals nach Istanbul reisen. Es ging mir vor allem darum, den Sommer nicht in Frankfurt zu verbringen, wo ich gerade lebte. Ich hatte damals etwas über die Geschichte des Osmanischen Reiches und die Entstehung einer modernen Sexualmoral gelesen. Damit stand Istanbul auf der Liste meiner Reiseziele. Mein knapp ein Monat dauernder Aufenthalt war eine große Bereicherung, ließ mich jedoch auch etwas verwirrt zurück. Oder anders gesagt: Was ich an diesem Ort erlebt hatte, übertraf ermutigenderweise alles, was ich mir zuvor an Allgemeinwissen angelesen hatte. Seitdem habe ich eigentlich nur auf die Gelegenheit gewartet, wieder dorthin zurückzukehren.

Livne Weitzman Welche Erfahrung hast du dieses Mal gemacht? Könntest du uns etwas über deinen Aufenthalt erzählen?

Li Diesmal begann alles mit einem vagen Gefühl der Vertrautheit, allerdings wurde es durch viele Missverständnisse und Probleme aufgrund meines längeren Aufenthalts dann ziemlich schnell kompliziert. In der Rückschau hat sich jedoch alles für mich zum Positiven gewendet, wenn man das so sagen darf. Ich bin während dieser Zeit von meiner Position als Zaun­gast etwas abgerückt, wenn auch nur oberflächlich. Die Unbe­schwertheit, die mir das Stipendium gewährt hat, war jedoch schnell erschüttert, als ich sah, mit welchen Schwierigkeiten meine türkischen Kollegen aufgrund der aktuellen Wirtschaftskrise zu kämpfen hatten – zweifellos eine sehr deprimierende Situation. Meine Freunde dort wissen jedoch nur zu gut, dass es keinerlei Sinn ergibt, in Schwermut zu verfallen und haben immer allerlei praktische Strategien parat.

Bei einem Besuch der Prinzeninsel Burgazada in der Nähe von Istanbul bin ich im Frühling einen Hügel hinaufgestiegen. Dort gibt es einen ziemlich verwahrlosten und kaum noch gepflegten christlich-orthodoxen Friedhof. In einem einfachen Haus am Eingang lebt nach dem berüchtigten sogenannten „Bevölkerungsaustausch“ zwischen Griechenland und der Türkei in den 1920er Jahren nur noch ein Verwalter. Obwohl alles ziemlich verfallen wirkt, gibt es doch ein paar Anzeichen dafür, dass jemand sich um die Erhaltung dieses Friedhofs bemüht. So habe ich beispielsweise ein kunstfertig gearbeitetes Ei­sentor fotografiert, dessen Eleganz trotz der offenkundig beschränkten Mittel für seine Herstellung beeindruckend war. Zu dieser Zeit blühte der Flieder, und als ich mich einem der Büsche näherte, liefen plötzlich zwei wunderschöne Pferde an mir vorbei, die sich von mir offenbar überhaupt nicht gestört fühlten. Ich brach mir einen großen Fliederzweig ab und nahm ihn mit in mein Atelier, wo er sich zwei Wochen hielt, obwohl man mir gesagt hatte, dass er schnell welken würde.

Wenn mir manchmal alles zu viel wird, denke ich gerne an diesen ansonsten eher ereignislosen Tag zurück.

Livne Weitzman Lass uns über eine deiner jüngeren Arbeiten sprechen – A Break (By the Bamboo Wave, 2022). Daran hast du fast die ganze Zeit während deines Aufenthalts in Istanbul gearbeitet, soweit ich weiß.

Li Während meines Atelierstipendiums habe ich A Break (By the Bamboo Wave), ein skulpturales Gemälde, fertiggestellt. Außerdem habe ich mit der Planung und ersten Zeichnungen für eine andere Arbeit begonnen. Das Thema Bambus spielt dabei ebenfalls eine wichtige Rolle.

Livne Weitzman Auch bei Picnic at the Bamboo Garden (2021/2022) ist Bambus ein Hauptmotiv. Warum faszinieren dich diese immergrünen, mehrjährig blühenden Pflanzen so sehr? Kannst du dazu etwas sagen?

Li Ausgangspunkt war die Idee, eine Landschaft zu malen, die durch den einfachen Akt des Umklappens in etwas anderes verwandelt werden könnte. Der Aspekt des Exotischen und seine Bedeutung für ein kosmopolitisches queeres Empfindungsvermögen hat mich schon immer interessiert. Hierzu kam mir das Bambusmotiv in den Sinn, als exotische Vorstellung und zugleich auch als leeres Klischee, und dann hat es sich langsam zum Kernthema dieses Projekts entwickelt.

Livne Weitzman Diese Arbeit hat etwas relativ Statisches, vor allem im Vergleich zu manchen deiner früheren Gemälde, die scheinbar immer die Dramatik eines flüchtigen Moments einfangen.

Li Das stimmt. Die gemalten Oberflächen dieser Arbeiten – vor allem A Break – wirken statischer. Das hat vielleicht etwas mit dem Wechselspiel zwischen subjektiver malerischer Intuition und der Erzeugung einer dekorativen Oberfläche zu tun – diese Beziehung ist wesentlich für diese Arbeiten. Die Konstruktion steht für mich an erster Stelle. Die Malerei kommt später. Wenn ich male, bin ich mir schon der Besonderheit der Oberfläche bewusst, mein Ausgangspunkt ist daher nicht die Tabula rasa. Ich habe festgestellt, dass die gemalte Oberfläche in gewisser Weise bezwungen werden muss.

Es soll der Eindruck entstehen, als würde der Bildträger, wenn er aufgebrochen und zu einer sitzähnlichen Form umgeklappt wird, der stuhlähnlichen Konstruktion dienen, auf die sie aufgetragen ist. Dieser suggerierte Moment des „im Dienst-Stehens“ erzeugt, glaube ich, die statische Atmosphäre.

Livne Weitzman Der Bezug dieser Gemälde zu Möbeln ist interessant. Für jede Tafel gibt es mindestens zwei mögliche Formen der Präsentation: zweifach in einem 90°-Winkel umgeklappt für eine stuhlähnliche Konstruktion, oder aufgeklappt und gerade an einer Wand hängend als ein durchgehendes Gemälde, mit anderen Tafeln daneben. So funktional wie die Arbeit auch aussieht, ist sie doch offenkundig unpraktisch.

Li In gewisser Weise handelt es sich um eine Travestie, eine Verkleidung. In diesem Falle ist es ein Gemälde, das eine Travestie der Zweckmäßigkeit aufführt, oder vice versa.

Der interessante Aspekt an dieser Formsprache des Anscheins liegt in ihrer grundsätzlichen Verweigerung gegenüber einem Grundverständnis – weil die Arbeit auch performativ ist. Vom Typ her ist es weniger ein mehrdeutiges oder gesichtsloses Objekt, vielmehr ein Gestaltverwandler, der jeweils in Bezug zu seiner Umgebung eine konkrete Form annimmt. A Break ist in gewisser Hinsicht ein Akt der Untreue. Die Arbeit unterwirft sich weder Malerei noch Design, noch ist sie eine Landschaftsdarstellung oder eine Welle auf ihrem Scheitelpunkt, noch steht sie in der Tradition des Gongbi oder der abstrakten Malerei – während sie doch in der Lage ist, all diese Aspekte in sich zu aufzunehmen.

Livne Weitzman Die Arbeit bezieht sich auf Thomas Chippendales Bambus-Stuhl und andere Designobjekte im Chinoiserie-Stil, der vom 17. bis 18. Jahrhundert in Europa als fantastischer Mix von chinesischen, japanischen und indischen Motiven entwickelt worden ist. Viele Stühle und andere Möbelstücke wurden mit „orientalischen“ Linien und Mustern verziert. Daraus wurde wenig später das, was wir heute als Rokoko bezeichnen. In einem früheren Gespräch hast du diesen Stil als „unzeitgemäß“ bezeichnet. Was hast du damit gemeint?

Li Angeregt durch Handel und koloniale Unternehmungen, hatten ästhetische Inspirationen aus dem „Orient“ ab der Mitte und dem späten 18. Jahrhundert auf die abendländischen Künste und die Materialverwendung einen großen Einfluss. Was wir jedoch als Rokoko bezeichnen, gleicht vielmehr einem Allesfresser. Der Chinoiserie-Stil ist sozusagen nur ein Teil seines „Speiseplans“. Die Gotik war offenbar ein weiterer wichtiger Bestandteil dieses Plans. Ich erinnere mich, einen bestimmten Chippendale-Stuhl im Sinn zu haben, als ich an diesen Begriff des Unzeitgemäßen dachte. Es war ein Faux- Bambus-Stuhl, ein eigenartiges Objekt aus dem späten 18. Jahr­hundert, als Chinoiserie von den Stammkunden aus Großbritannien schon nicht mehr nachgefragt wurde. Dieser Stuhl ist für mich mit seinem sonderbar unmodischen Chinoiserie-Stil ein Kuriosum in Chippendales Œuvre. Der Existenz eines so merkwürdigen Objekts ist wohl die Freiheit eingeschrieben, der eigenen Zeit bewusst nicht angehören zu wollen.

Livne Weitzman Ein anderer Aspekt deiner Kunst sind die Videoarbeiten. Ich finde, dass sie sich gegenseitig ergänzen – das eine erfordert große Genauigkeit und Exaktheit, das andere gestattet Leichtigkeit.

Li Das Wort „leicht“ passt hier sehr gut, so erlebe ich das auch. Es ist irgendwie hilfreich, einen anderen Muskel (oder eine andere Vorstellung) in der Produktion von Videos zu trainieren. Videos sind häufig projektbasiert, geschehen kooperativ und sind eher noch von einem amateurhaften oder DIY-Esprit getragen. Das hat sich einfach so ergeben, und im Nachhinein habe ich festgestellt, dass es einem Bedürfnis entsprang. Ich glaube, ein Mensch, eine Arbeit oder auch nur ein Satz sind selten nur eindimensional. Strenge Konsequenz, die durch Sorgfalt erreicht wurde, ist eine Notwendigkeit, aber manchmal ermüdend und überbewertet – Inkonsequenzen können hie und da dem Ganzen vielleicht ein bißchen frischen Wind verleihen.

Livne Weitzman Ich erinnere mich noch an deine letzte Ausstellung bei LC Queisser in Tiflis. Deine Präsentation sah nach einer mehrteiligen Installation aus. Es gab kleine Gemälde, die du speziell an die Holzreliefs unter den Fenstern auf der Straßenseite angepasst hattest, und ein Video A View From a Suspended Bridge (2019), das auf einem iPhone abgespielt wurde, es lugte aus einem Einbauschrank heraus. Wie planst du deine Ausstellungen? Hast du während des Arbeitens bereits ein bestimmtes Ausstellungsformat vor Augen?

Li Ich hatte für die Ausstellung im Vorfeld keinen genauen Plan vor Augen. Das liegt zum Teil auch daran, dass ich den Raum vor meinem Aufenthalt dort 2022 noch nie live gesehen hatte. Bilder des Raumes und ein Grundriss lagen mir schon seit 2020 vor; die Stuhlidee dafür hatte ich schon früh. Ich wusste, dass die „Protagonisten“ in dieser Ausstellung die „Landschaftsstühle“ sein würden. Und ich wusste auch, dass ich dem ersten Raum eine ruhige Aura verleihen wollte, daher sollte der zweite Raum mit dem Triptychon eine Art Höhepunkt und spektakulären Kontrast dazu bilden. Als ich den Raum dann zum ersten Mal in der Realität sah, habe ich gemerkt, dass ich die beiden Räume konzeptuell und atmosphärisch mit kleinen Gesten verbinden könnte. Diese Gesten befinden sich an der Peripherie des Raumes, aber sie verweisen auch auf die Eigenheiten des jeweiligen Raumes.

Livne Weitzman Arbeitest du derzeit an einem neuen Video? Oder was machst du so in diesen Tagen?

Li Im Moment bin ich mit der Fertigstellung eines neuen Stuhlgemäldes beschäftigt. Außerdem arbeite ich an Ideen für eine Einzelausstellung, die im September 2023 in München stattfinden wird. Sie wird eine Reihe von Bildskulpturen in verschiedenen Formen und eine neue Videoarbeit umfassen. Mehr möchte ich jetzt noch nicht verraten.

Livne Weitzman Was wirst du, in der Rückschau betrachtet, aus deiner Zeit in Istanbul mitnehmen? Abgesehen vom Fliederduft und den Pferden auf der Insel?

Li Wie viele Menschen versuche ich manchmal, mir einen Reim auf meine Umgebung zu machen, indem ich Vermutungen und Theorien aufstelle. Das ist hilfreich, wie eine Art begrifflicher Bezugsrahmen. Er reduziert die Dinge manchmal, jedoch auf eine produktive Weise. Er schafft Klarheit und
bekräftigt etwas in dir, das nach Bestätigung verlangt. Das Problem ist jedoch, dass er, wie jede Form der Vereinfachung, etwas von der Realität ablenkt. Wenn man das zu obsessiv betreibt, findet man sich vielleicht in der Rolle des einsamen Erleuchteten wieder, der in der Einsamkeit eines abgedunkelten Raumes Konspirationen und Prophezeiungen ausheckt. In dieser Hinsicht bin ich sehr dankbar für meine Zeit in Istanbul, da ich dort sozusagen meinen geistigen Bezugsrahmen neu austarieren konnte.

1 Antony Eastmond: The Glory of Byzantium and Early Christendom, 2013
erschienen bei Phaidon