fetisch und funktion

Wer Lissabon kennt, kennt auch die 1925 eröffnete Luvaria Ulisses in der Rua do Carmo. Das Spezialgeschäft führt ausschließlich Damen- und Herrenhandschuhe aus feinstem Leder. Wer den winzigen Laden betritt, quetscht sich regelrecht in eine Mise en abyme hinein: Die Enge und der Geruch von Leder lassen glauben, selbst in einem Handschuh zu stecken und dort einen Handschuh anzuprobieren. Dazu stützt man zunächst den Ellenbogen auf ein Kissen. Dann werden die Finger des Handschuhs mit einer speziellen Zange geweitet und von innen mit Talkum bestäubt. Eigentlich ist es mehr eine zweite Haut, die dort in verschiedensten Farben übergestülpt wird. Das spannungsvolle Verhältnis von Handschuh und Haut zieht sich als Motiv durch die Literatur und die bildende Kunst. Bei den berühmtesten Liebenden der Literaturgeschichte (erdacht vom Sohn eines Handschuhmachers!) wünscht sich Romeo „O, that I were a glove upon that hand / That I might touch that cheek!“. Wir dürfen sicher sein, dass der Handschuh Julias kein wollener Fäustling war, sondern aus reich verziertem, eng anliegendem Leder bestand. Ebenso der Handschuh aus Schillers Ballade, den der Ritter Delorges zunächst aus der Löwengrube fischt. Hier wechselt der Liebesbeweis die Funktion und wird zu einer Art Fehdehandschuh, den der Ritter der zuvor verehrten Kunigunde ins Gesicht schleudert. Den Liebesbeweis eines Boxhandschuhs möchten wohl die wenigsten am eigenen Leib erfahren. Die Geschichte des Handschuhs ist mithin vielfältig und reicht mindestens vom alten Ägypten, wo sich Tutanchamun in seinem Grab mit 27 Handschuhpaaren auf das Leben nach dem Tod vorbereitete, bis zum heutigen Einweghandschuh in der Medizin.

In der Ausstellung im Deutschen Ledermuseum in Offenbach Der Handschuh: Mehr als ein Mode-Accessoire demonstrieren die Kurator:innen, ausgehend vom Grundmaterial Leder und dem reichen Bestand der eigenen Sammlung, die vielfältigen Einsatzbereiche und Gestaltungen des Handschuhs, die neben dem Schutz der Hände gegen Kälte und andere äußere Einwirkungen zahlreiche soziale und kulturelle Funktionen umfassen.

  • Deutsches Ledermuseum
  • Der Handschuh: Mehr als ein Mode-Accessoire
  • 12. November 2022 – 30. Juli 2023
  • Frankfurter Straße 86, 63067 Offenbach am Main
  • Telefon +49 69 8297980
  • Mi–Fr 10–17 Uhr, Sa, So 11–18 Uhr
  • www.ledermuseum.de