© James Gregory Atkinson
Hypersensitive (Blowing things out of proportion) III, 2018, archivbeständiger Pigmentdruck auf Dibond in handgefertigten Rahmen, 165 × 110 cm ©
Installationsansicht: The day I stopped kissing my father a film by James Gregory Atkinson scored by Ahya Simone camera/edit Marcel Izquierdo Torres, 4K Video, 3:56 Min, 2019, Installationsansicht Detroit Public Library (Adam Strohm Hall), Ausstellung: "Show me your Shelves!“ , 2019, Kommissioniert von C& im Rahmen der deutschen Kampagne Wunderbar Together - Das Jahr der deutsch-amerikanischen Freundschaft, initiiert vom Auswärtigen Amt (AA), dem Goethe-Institutund unterstützt vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). Foto: Paul David Raerick
Installationsansicht: The day I stopped kissing my father a film by James Gregory Atkinson scored by Ahya Simone camera/edit Marcel Izquierdo Torres, 4K Video, 3:56 Min, 2019 ©
Filmstill aus The day I stopped kissing my father a film by James Gregory Atkinson scored by Ahya Simone camera/edit Marcel Izquierdo Torres, 4K Video, 3:56 Min, 2019, Kommissioniert von C& im Rahmen der deutschen Kampagne Wunderbar Together - Das Jahr der deutsch-amerikanischen Freundschaft, initiiert vom Auswärtigen Amt (AA), dem Goethe-Institutund unterstützt vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI).
Filmstill aus The day I stopped kissing my father, 4K Video, 3:56 mins, 2019 ©
Filmstill aus The day I stopped kissing my father a film by James Gregory Atkinson scored by Ahya Simone camera/edit Marcel Izquierdo Torres, 4K Video, 3:56 Min, 2019, Kommissioniert von C& im Rahmen der deutschen Kampagne Wunderbar Together - Das Jahr der deutsch-amerikanischen Freundschaft, initiiert vom Auswärtigen Amt (AA), dem Goethe-Institutund unterstützt vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI).
Filmstill aus The day I stopped kissing my father, 4K Video, 3:56 mins, 2019 ©
Filmstill aus The day I stopped kissing my father a film by James Gregory Atkinson scored by Ahya Simone camera/edit Marcel Izquierdo Torres, 4K Video, 3:56 Min, 2019, Installationsansicht Detroit Public Library (Adam Strohm Hall), Ausstellung: "Show me your Shelves!“ , 2019, Kommissioniert von C& im Rahmen der deutschen Kampagne Wunderbar Together - Das Jahr der deutsch-amerikanischen Freundschaft, initiiert vom Auswärtigen Amt (AA), dem Goethe-Institutund unterstützt vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). Foto: Paul David Raerick
Filmstill aus The day I stopped kissing my father, 4K Video, 3:56 mins, 2019 ©
Filmstill aus The day I stopped kissing my father a film by James Gregory Atkinson scored by Ahya Simone camera/edit Marcel Izquierdo Torres, 4K Video, 3:56 Min, 2019, Installationsansicht Detroit Public Library (Adam Strohm Hall), Ausstellung: "Show me your Shelves!“ , 2019, Kommissioniert von C& im Rahmen der deutschen Kampagne Wunderbar Together - Das Jahr der deutsch-amerikanischen Freundschaft, initiiert vom Auswärtigen Amt (AA), dem Goethe-Institutund unterstützt vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). Foto: Paul David Raerick
Filmstill aus The day I stopped kissing my father, 4K Video, 3:56 mins, 2019 ©

stipendiat james gregory atkinson

2019 jährt sich zum 50. Mal das Andenken an die Stonewall-Unruhen in New York City, in denen sich Homosexuelle und transgender Personen gegen die Razzien der Polizei wehrten. Das Ereignis gilt als Wendepunkt im aktiven Kampf um Gleichberechtigung und für eine internationale queere Politik, die die Konstruktion von Geschlecht und Sexualität kritisch hinterfragt.

Doch welche Formen queerer Kultur lassen sich heute identifizieren? Wo zeigt sich queerer Widerspruch im Kultursektor? Wie arbeiten queere KünstlerInnen? In welchem Selbstverständnis leben queere Afroamerikaner?

Diese Fragen verhandelt James Gregory Atkinson seit mehreren Jahren in seiner künstlerischen Arbeit. Der in Bad Nauheim geborene Deutsch-Amerikaner absolvierte zunächst eine Ausbildung zum Fotografen am Lette Verein in Berlin, bevor er als Meisterschüler von Douglas Gordon 2016 sein Kunststudium an der Frankfurter Städelschule abschloss.

Mode, Literatur, Musik und Fotografien dienen ihm als Material, um sich den Themen Postkolonialismus, Gender, Identitätsmodellen queerer Personen und people of colour zu nähern.
Seine Arbeiten spielen mit tradierten Erwartungshaltungen, Maskierungen und der Inszenierung des sozialen Status oder der Künstleridentität.

Seine künstlerische Praxis umfasst Fotografie, Performance, Objektkunst und Film. Die enge Zusammenarbeit mit anderen Künstlerinnen und Künstlern begreift er als produktives Element seines Schaffens.

Von seinen Recherchen über afroamerikanische Protagonisten der LGTBQI-Kulturszene während seines Atelieraufenthalts in New York und von seiner dort entstandenen Videoinstallation
für die Ausstellung Show me your Shelves!, die von Contempo­rary And (C&) und dem Auswärtigen Amt für das Jahr der Deutsch-Amerikanischen Freundschaft initiiert wurde, berichtet Atkinson im Interview.
Noch bis zum 22. September sind großformatige Fotografien aus der Serie Hypersensitive (Blowing things out of proportion) in der New Yorker Galerie Lubov zu sehen.

hks James, du beschäftigst dich mit (sub-)kulturellen Identitätsmodellen und deren medialen Repräsentationen. 2018 hast du die Ausstellung Re: Re: Black Macho. Unleash the Queen in Frankfurt kuratiert, in der du dem Selbstverständnis und künstlerischem Ausdruck von queeren, nicht-weißen Künstlern nachgegangen bist. Kann man hier noch von Subkultur sprechen?

James Gregory Atkinson Ich persönlich glaube nicht mehr an Subkultur im Jahr 2019.

Alles, was vormals als Subkultur bezeichnet wurde wie Punk, ist mittlerweile kommerzialisiert. Wir leben heute in einer Welt, die Hybridformen von verschiedenen kulturellen Identitäten entwickelt, allerdings unter dem Mantel des Kapitalismus. Werbung und Mode drücken gut aus, wo wir uns als Gesellschaft befinden: Banker tragen löchrige Jeans, Hip-Hopper AC/DC-T-Shirts. Die Werbung nutzt politische Ideologien der sogenannten Subkulturen, um internationale Vermarktungsstrategien zu entwickeln.

Was queere, schwarze oder auch nationale Identität betrifft, gibt es viele verschiedene Ansichten und Meinungen, deswegen spreche ich immer im Plural. Identitäten sind stark vom kulturellen Hintergrund, sozio-ökonomischen Status und von Bildung
abhängig.

hks Wie gestaltet sich deine künstlerische Praxis zu diesem breiten Themenfeld?

jga Als queerer, deutsch-afroamerikanischer Künstler und Kurator aus der Arbeiterklasse stammend ist meine Arbeit immer von autobiografischen Erzählungen und Bildern durchdrungen. Meine Referenzen, die mich inspirieren, sind breit gefächert: Werbung, Fernsehen, soziale Medien, akademische Texte oder hoch philosophische Bücher, aber auch die Arbeitsform.

Ich komme aus der inszenierten Fotografie, der Porträtfotografie, und habe immer mit verschiedenen Leuten zusammengearbeitet. Ich bin nie der Solokünstler gewesen und teile meine Plattform mit kulturellen Produzenten wie Musikern, Schriftstellern oder Akademikern.

Das Urbane ist entscheidend für die Entwicklung meiner Arbeit, und, historisch gesehen, ist der Reichtum an queeren und schwarzen Geschichten oft in städtischen Umgebungen zu finden. Während ich mich mit kollaborativen Strukturen queerer, nicht-weißer Künstlerinnen und Künstler in Städten beschäftige, benutze ich Strategien, die Formen der kapitalistischen Hegemonie entgegenwirken. Meine künstlerische Praxis ist als ein Versuch zu sehen, den Zugang zu den Geschichten abseits heteronormativer Systeme wiederzuerlangen.

In der von mir kuratierten Ausstellung Re: Re: Black Macho. Unleash the Queen in Frankfurt ging es mir darum, den Zusammenhang zwischen dem schwarzen Machismus, der auf Unterdrückung der Verletzlichkeit basiert, und den weißen patriarchalischen Ideologien kritisch zu beleuchten. Ich habe mich für Arbeiten interessiert, die die Grenzen des Begriffs Feminismus und die Vorstellung von soziokulturellen Normen in Bezug auf Männlichkeit und Gender hinterfragen. Außerdem gab es in den letzten Jahren eine Reihe von schwarzen schwulen Anthologien von Gedichten, Essays, Fiktionen und Sachbüchern, die für mich ungeheuer aufregend waren. Diese Werke wollte ich einem größe­ren Publikum vermitteln und eine multimediale Ausstellungsform schaffen, die nicht nur eine einfache Illustration des Themas ist.

hks Die Ausstellung in Frankfurt war der Auftakt für deine Recherchen in New York. In verschiedenen Archiven hast du dich mit dem Wirken afroamerikanischer Künstler der 1980er Jahre auseinandergesetzt. Kannst du mehr darüber erzählen?

jga Das Archiv, in dem ich hauptsächlich gearbeitet habe, ist das legendäre Schomburg Center for Research in Black Culture in Harlem. Dort habe ich mich mit den Nachlässen von Marlon Riggs und den mit ihm assoziierten Poeten, Schriftstellern und Aktivisten Essex Hemphill und Assotto Saint beschäftigt, die in den 1980er und frühen 90er Jahren Schlüsselfiguren in der LGBT- und afroamerikanischen Kulturszene waren.

Riggs sowie seine Kollegen sind sehr inspirierend für mich. Er hat sich intensiv mit der Frage, was schwarze Identität ausmacht, auseinandergesetzt, weil er das Gefühl hatte, sich zu seiner Zeit entscheiden zu müssen, ob er schwarz oder schwul ist. Er war einer der ersten, neben bell hooks [sic], der das Thema Inter­sexualität vorangebracht hat.

Für mich ist der Dialog noch nicht abgeschlossen, es gibt mannigfaltige Möglichkeiten, was man mit dem Wissen machen kann. Oftmals finden diese Archive keinen Weg in das kulturelle Mainstream-Gedächtnis, aufgrund von Akten der Ausgrenzung oder aus sozioökonomischen Gründen. So wissen nur wenige, dass Marsha P. Johnson, eine schwarze Transfrau, Initiatorin der Stone­­wall-Proteste und maßgebliche Aktivistin der LGBTQI-Bewegung war.

Der Gedanke an ein ausgedehntes, schwarzes, homosexuelles Archiv erscheint mir wie eine Torheit.

hks Wie meinst du das?

jga Mir ist während meiner Recherchen aufgefallen, dass es kein konkretes schwarzes Archiv als Gebäude oder Institution gibt. Das Archiv ist für mich nicht mit Tradition, Standardverfahren und ständiger Pflege verbunden. Es ist vielmehr ein dynamisches System der Bildung und Transformation von mündlichen, räumlichen und formalen Aussagen. Ebenso ist die Choreografie ein dynamisches Übertragungs- und Transformationssystem, ein archivisch-körperliches System, das übt, wie der Körper seine eigenen Geschichten löscht, auskratzt, transkribiert und umschreibt.

hks Auch Bibliotheken sind Orte der Wissensvermittlung. Im Rahmen der Gruppenausstellung Show me your Shelves! konntest du in der öffentlichen Bibliothek von Detroit die Videoinstallation The day I stopped kissing my father realisieren. Was verbirgt sich hinter dem Titel?

jga Die Adam Strohm Hall der Detroit Public Library ist eine historische Halle, die die Geschichte der USA von der Gründung bis zur Moderne zeigt. In Wandgemälden werden verschiedene Epochen abgebildet, wie der ,weiße Mann‘ Amerika erobert, die Automobilität entwickelt oder auf dem Mond landet. Die afroamerikanische Geschichte bleibt komplett unberücksichtigt. Das war das, was mich an dem Raum interessiert hat und die Prämisse meiner Arbeit. Hinzu kam meine Vorstellung des Archivs und dass in nicht-westlichen Kontexten Traditionen über mündliche Erzählungen, Poetry und Performances im weitesten Sinn überliefert werden – das hat mich interessiert.

In dem Video gibt es einen schwarzen Hahn im Teenageralter, der in der Halle den riesigen Wandgemälden, die das Patriarchat verkörpern, gegenübersteht. Und was würde passieren, wenn man den Vater nicht mehr küsst?

Es geht im weitesten Sinne um den Gedanken des Erwachsenwerdens, des Coming of Age, und um die Präsenz schwarzer Maskulinität im Patriarchat.

Der schwarze Hahn ist symbolisch zu verstehen und lässt viele Assoziationen zu, weil er mit all den Klischees und Bildern über den ,schwarzen Mann‘ spielt.

hks Im Video ist immer wieder eine Überwachungskamera, die in der Halle montiert ist, zu sehen. Findet sich hier eine politische Kritik wieder?

jga Die Kamera ist eine Anspielung darauf, wie der schwarze Körper im Verlauf der Jahrhunderte generell betrachtet wurde. Sie spielt auf das System der Sklaverei, auf die Verhinderung von Flucht bis zu Polizeigewalt an. Hierzu möchte ich Lyle Ashton Harris zitieren, ein Freund von Marlon Riggs und auch einer der Künstler in der von mir in 2018 kuratierten Ausstellung Re: Re: Black Macho. Unleash the Queen: „In order to understand the brutality of American capitalism, you have to start on the plantation“ (zu deutsch: Um die Brutalität des amerikanischen Kapitalismus zu verstehen, muss man auf der Plantage beginnen). Der schwarze Körper steht seit jeher unter Überwachung.

Ich würde gerne optimistischer sein und sagen, dass es viel Aktivismus zum Thema gibt und die Menschen versuchen, miteinander in Dialog zu treten – gerade nach den vielen Fällen von tödlicher Polizeigewalt an schwarzen Frauen und Männern, die seit dem Fall von Rodney King und den damit einhergehenden Los Angeles Riots 1992 starke mediale Aufmerksamkeit erfahren haben. Der einzige Weg, wie wir dies ändern können, ist durch schmerzhafte Diskussionen, die Anerkennung der Vergangenheit und des Heute sowie den Aufbau unabhängiger Institutionen, um bestehende Machtverhältnisse auszubalancieren.

hks Für die Videoinstallation hast du mit der Harfenistin und Singer-Songwriterin Ahya Simone zusammengearbeitet. Ihre Musik handelt von sozialer Kälte. Kannst du das näher erläutern?

jga Das Thema der Aneignung hat mich sehr beschäftigt, in der immer die Frage mitschwingt, was eigentlich die afroamerikanische Kultur ausmacht und wie sie sich von anderen abgrenzt, so wie es auch der Professor for African and African American Research an der Harvard University und MacArthur Fellow Henry Louis Gates Jr. in seinen Schriften darlegt.

Ahya Simone, als schwarze transgender Performerin, steht ähnlich wie der Hahn den Wandgemälden gegenüber und verkörpert einen Moment der Aneignung. Sie spielt auf dem typisch klassischen, eher weißen Instrument, der Harfe und verändert es durch ihr Spielen zu einer hybriden Form.

Simones zweiteiliges Arrangement ist eine Art innerer Monolog und umfasst die Titel frostbite und thaw. In frostbite wird das Gefühl der Isolation verhandelt.
Die ständige Verfügbarkeit fordert jeden, gerade in hyperkapitalistischen Großstädten wie New York. Oft gibt es die Momente, in denen man sich zurückzieht oder sich vor anderen versteckt, um an sich selbst zu arbeiten. Der zweite Teil ist als eine Antwort darauf zu verstehen und behandelt den Aspekt der Ökonomie unserer Ressourcen. Wir leben nur begrenzte Zeit und können uns nicht ständig isolieren, auch wenn wir das wollen. Wir müssen mit anderen in Kontakt sein und uns selbst eine Stimme geben. Das Dilemma zwischen dem ständigen Präsent-sein-müssen und dem Wunsch nach tieferer Reflexion über das eigene Schaffen ist auch ein zentrales Thema für Künstler. Für Künstlerinnen und Künstler ist es ein großer Luxus, sich für ein halbes oder ganzes Jahr komplett ins Off zu versetzen – aber auch notwendig.

Das Gespräch führte Friederike Bülig.

 

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