Foto: Nina Tobien
Nina Tobien: Clips 1 – 4, 2014 ©
©Nina Tobien
Nina Tobien ©
©Nina Tobien
Nina Tobien ©
©Nina Tobien
Nina Tobien ©

stipendiatin
nina tobien

Als erste Stipendiatin am neu eingerichteten Atelierstandort hat Nina Tobien (*1974) ab dem Frühjahr 2013 für ein Jahr in der türkischen Metropole Istanbul gearbeitet. Es war eine ereignisreiche Zeit: Zunächst stellte sich die Lage des angemieteten Wohnateliers als ungünstig heraus, so dass ein Umzug in ein passendes Quartier notwendig wurde. Zudem waren natürlich im vergangenen Sommer auch die politischen Unruhen in Istanbul und andernorts in der Türkei ein zentrales Thema, das wir gemeinsam mit der Künstlerin aufmerksam verfolgt haben.

Tobiens künstlerisches Projekt schließt die Auseinandersetzung mit der aktuellen Situation in der Stadt ein. Sie beschäftigt sich mit der Kulturform des Erzählens, die sie systematisch untersucht und archiviert, um schließlich gefundenes Material weiterzuführen in eigene assoziative Installationen und Performances. Die Diplom-Designerin und Künstlerin hat ihre Ausbildung sowohl an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach als auch an der Frankfurter Hochschule für bildende Künste – Städelschule bei Michael Krebber absolviert. 

Ihre Arbeiten, in denen sie mit unterschiedlichen Erzähltechniken in Bild, Text, Sprache und auch narrativen Darstellungsformen experimentiert, waren zuletzt 2013 in der Einzelausstellung und dem begleitenden Künstlerbuch Avertissement im Kunstverein Göttingen und 2012 bei der Galerie Parisa Kind in Frankfurt am Main unter den Titel Meta ((M)) zu sehen. Im Zentrum des umfangreichen, aus mehreren multimedialen Ensembles bestehenden Werkzyklus The Follower stehen die Reisen zu den 13 Vollmonden, die Tobien 2009 rund um die Welt in 13 Ländern beobachtete. Nach verschiedenen Ausstellungen u. a. im MMK Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main ist zurzeit eine umfassende Publikation zu diesem Werkkomplex in Vorbereitung.

Über die Geschichten aus dem Istanbuler Studio haben sich Karin Görner und Nina Tobien unterhalten.

hks Frau Tobien, Sie sammeln Geschichten unterschiedlichster Art, reisen dafür um die Welt. Sie haben, zum Beispiel, die dreizehn exakten Vollmonde des Jahres 2009 vor Ort gefilmt und dieses Material in dem Werkkomplex The Follower bearbeitet. Ihr jüngstes Projekt hat Sie für ein Jahr nach Istanbul geführt. Was waren Ihre Pläne für das Stipendiumsjahr? Und was haben Sie dort gefunden?

tobien Mein Projektvorhaben in Istanbul sah vor, Techniken traditioneller, orientalischer Erzählkunst zu untersuchen und Elemente davon in die Gegenwartskunst zu übersetzen. Mit orientalischer Erzählkunst ist hier vor allem die mündliche, immaterielle Kulturform des Erzählens gemeint. Die Tradition des Erzählens hat in der türkischen / osmanischen Kultur eine lange Geschichte. So gibt es dort zum Beispiel die Erzähltechnik des Dastangoi, eine Erzählkunst der Urdu, die islamische Wurzeln hat. Sie verbreitete sich von Klein-Asien bis nach Indien. Die Erzähltechnik des Hakawatı ist eine alte arabische Technik. Orta Oyunu, Karagöz, Aşık und Meddahlık sind speziell türkische Formen des Geschichtenerzählens, wobei bei letzterer ein Geschichtenerzähler, der Meddah, entweder in einer bühnenbildartigen Umgebung oder / und auf öffentlichen Plätzen in der Stadt Geschichten erzählt. Die Geschichtenerzähler sind Meister der Rhetorik und Improvisation sowie der Mimik und Körpersprache. Dabei gehen sie spontan und improvisierend vor. Auch der jeweilige Ort und die jeweilige Situation werden in der Erzählung verwoben. Zuweilen können die Aufführungen eine surreale, traumhafte Stimmung annehmen. Aufgrund der Sozialkritik in diesen Erzählungen waren und sind Meddahs nicht selten der Zensur ausgesetzt. Meddah-Erzählungen sind von der UNESCO als Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit anerkannt.

hks Worum geht es in den Erzählungen im Wesentlichen, was sind wichtige Themen?

tobien Diese epische Tradition geht bis in vorislamische Zeit zurück, als bei den nomadisch lebenden Turkvölkern in Zentralasien ozan (türkisch: Poet) genannte fahrende Erzählkünstler ihre Geschichten vortrugen. Jene waren wiederum von den Ritualen der Schamanen Zentralasiens beeinflusst, die Meister der Nachahmung verschiedenster Gestalten, Tiere und Geräusche waren. Thema der Erzählungen der Meddahs und anderer Geschichtenerzähler bilden Ereignisse des alltäglichen (Stadt-) Lebens, Märchen und Dramatisierungen alter volkstümlicher oder religiöser Erzählungen und Legenden. Bedeutender als die eigentlichen Themen der jeweiligen Geschichten ist jedoch die Form des Vortrags. Diese ist als Improvisationskunst auf höchster Stufe anzusehen. Zwar ist das Thema in etwa vorgegeben, jedoch die Art und Weise, wie die Geschichte erzählt werden soll, die Reihenfolge der einzelnen Dialoge und die Länge der Erzählung ist der Eigeninitiative des Künstlers überlassen. Abhängig von der Reaktion des Publikums kann er bestimmte Teile der Geschichte verlängern, kürzen oder sogar überspringen, kann neue Charaktere in die Geschichte einfügen und mehrere Geschichten miteinander verbinden. Da es bei diesen Erzählungen keine Zeitbegrenzung gegeben hat, konnten diese mehrere Stunden, in anderer Form sogar bis zu 40 Nächten dauern. Vor allem mit der besonderen Struktur der orientalischen Erzählungen habe ich mich intensiv auseinandergesetzt und konnte vor Ort viel recherchieren. Interessant ist die ganz eigene „Schachteltechnik“ vieler Erzählungen. Das heißt, dass in eine größere Geschichte viele kleinere Geschichten teilweise nur als kurze Fragmente hinein verwoben und diese wiederum von noch kleineren Erzählfragmenten unterbrochen werden. So entsteht vor allem für den westlichen Zuhörer eine verworrene Textur, bei der man schnell die Orientierung verlieren kann. Der Erzählstrang wird jedoch immer zurückgefädelt, so dass sich die Gesamtgeschichte zu einer Einheit schließt. Während meiner Recherche wurde deutlich, dass diese Art von Text viel mit der Technik und Textur des Webens und Knüpfens von Textilem gemein hat. Auch wurden diese Geschichten beim Weben erzählt. Die Muster der türkischen Kelims und anderer Teppiche visualisieren Teile dieser Geschichten.

hks Wie funktioniert die Umsetzung von Sprache, Text in Muster, ornamentale Bilder, in Symbole?

tobien Die Vorstellungen, Wünsche und Ängste der Nomadenvölker fanden als archetypische Symbole und Bilder sowohl in ihren Geschichten, als auch in der Gestaltung ihrer Umgebung gleichermaßen Ausdruck. Die mit Kelims ausgelegten Nomadenzelte waren zudem die ersten Aufführungsorte der Geschichtenerzähler. Um tiefere Einblicke in die handwerklichen Fertigkeiten und die Erzählkünste der Nomadenstämme zu erhalten, reiste ich mit Prof. Dr. Şerife Atlıhan, Professorin für traditionelle türkische Textilkunst an der Marmara Universität der Künste und selbst aus einer Nomadenfamilie stammend, durch Anatolien. So wie die Geschichtenerzähler sind auch die Muster, die aus den Geschichten stammen, und die handwerklichen Fertigkeiten der Nomaden vom Aussterben bedroht. Es war ein beeindruckendes Erlebnis, das spezielle Färben der Wolle und das Weben sowie die Geschichtenerzähler vor Ort noch einmal sehen zu können, bevor dieses Wissen vielleicht für immer verloren geht. In den Textilwerkstätten der Marmara Universität, die von Bauhaus-Gründern aufgebaut wurden, lernte ich dann das Handwerk des Webens, des Knüpfens und des Färbens mit Naturfarbe (Kökboya). Übrigens wurde dort auch immer in den Pausen aus dem Kaffeesatz gelesen. Im Prinzip auch eine alte Technik des Geschichtenerzählens.

hks Welche Aspekte sind dabei für Ihre künstlerische Arbeit von Bedeutung? Konnten Sie vor Ort neben Ihren Recherchen auch schon mit eigenen Arbeiten beginnen?

tobien In meinen Installationen und Performances beschäftige ich mich mit Möglichkeiten narrativer Darstellung, wobei verschiedenste Erzähltechniken in Bild, Text, Sprache und Mimik erprobt werden. Artefakte, Fundstücke, Bild- und Textfragmente aus unterschiedlichsten Quellen fügen sich zusammen, um eine Dichte fragmenthafter Assoziationen entstehen zu lassen. Die mit zahlreichen Bezügen aufgeladenen Installationen entstehen erst prozesshaft vor Ort und weisen bühnenbildartige Präsentationsformen auf. Dabei spielt die improvisierte Kombination von scheinbar Unzusammenhängendem eine große Rolle. Die Techniken des Improvisierens, Kombinierens und Verschachtelns der türkischen Erzählkunst werden in meinen nächsten Installationen und Vorträgen ihren Nachhall finden. Zudem bin ich sehr an der Übertragung zwischen Text und Textil interessiert und führe die in den türkischen Textilwerkstätten begonnenen Arbeiten weiter fort. Während der Istanbul Biennale eröffnete ich das Research-Studio STUDIO TOBIEN – TALES TO WARP YOUR MIND in dem Schaufenster meines Ateliers. Dort nahm ich unter anderem Geschichten von vorbeigehenden Passanten und Anwohnern mit einem auf der Straße gefundenen alten Tape-Recorder auf. So entstand ein groß angelegtes Archiv gesammelter Geschichten…

hks Istanbul stand im Sommer 2013 im Zentrum großer regierungskritischer Demonstrationen, die von Protesten gegen die Bebauung des Gezi-Parks ausgingen, dann auch andere Teile der Türkei und die internationale Öffentlichkeit beschäftigten. Wie haben Sie diese harten politischen Auseinandersetzungen erlebt?

tobien Die enorme Wucht der Proteste, die letztes Jahr stattfanden, waren zunächst überraschend und teilweise auch schockierend. Es gab einige brenzlige Situationen: Tränengas in den Atemwegen, Massenflucht durch die engen Gassen, das stundenlange Eingesperrtsein in Verkaufsläden, während draußen heftigste Straßenkämpfe tobten und gegen die Scheiben getreten und geschlagen wurde … Ich war in vielen Teilen der Türkei unterwegs und konnte so die unterschiedlichsten Ansichten zu der Situation hören und dokumentieren. Was ich als Künstlerin interessant finde, ist, dass sich die Mehrzahl türkischer Künstler in Istanbul kollektiv dazu ausgesprochen hatte, sich in ihrer künstlerischen Arbeit zunächst nicht auf die Proteste zu beziehen. Die Proteste sollten als Aktionen in ihrer Kraft für sich stehen bleiben und nicht durch eine erneute Reflexion in einem Ausstellungsraum oder in einer Institution verwässert werden.

hks Vielen Dank, Frau Tobien, für das Gespräch!

Abonnieren Sie den maecenas, das Magazin der Hessischen Kulturstiftung.