© Azade Köker, VG Bild-Kunst, Bonn, 2026, Foto: Axel Schneider
Azade Köker, Akkordarbeiterin, 1987, MUSEUM MMK FÜR MODERNE KUNST, Frankfurt am Main ©

Aufbrüche

In Sonderzügen machten sich Menschen aus den Mittelmeerländern zwischen 1955 und 1973 auf den Weg in die Bundesrepublik. Sie ließen alles hinter sich, um in dem fremden Land zu arbeiten, mit der Hoffnung auf ein besseres Leben, dem Wunsch nach größerer Freiheit oder mit der Perspektive auf ein Studium. Jeder Aufbruch bedeutet eine auch mit Ängsten belastete Fahrt ins Ungewisse: „Der Zug hat dann nicht die vergnügte Eigenschaft“ (E. Bloch) – er steht so für Millionen Ankunftsgeschichten. Als Gäste waren die Angekommenen willkommen genug, um als Arbeitskräfte Deutschlands Wirtschaft mitanzukurbeln, aber meist nicht genug, um als Gäste behandelt und hinreichend sozial integriert zu werden. 

1973 kam Azade Köker zum Studium nach Berlin, wo sie seit 1978 ein Atelier unterhält. „Die Probleme der Immigration“, sagt die Bildhauerin und Malerin 1988, „sind zum Inhalt meiner Arbeiten geworden.“ Titel wie Überall Bahnhof, einer Ausstellung mit Werken von türkischen Künstler:innen wie Köker, oder Zwischen Fabrik und Bahnhof, aus einer Buchreihe, rücken in den Achtzigerjahren die künstlerische Auseinandersetzung mit den Orten migrantischer Erfahrung ins Zentrum: dem Bahnhof, an dem die Herkunftssprache wie auch die in der „Sprache der Züge“ (G. Chiellino) widerhallenden Gefühle des Heimwehs und Wartens auf Familie oder Rückkehr Migrant:innen in der Anonymität zusammenführten; der Fabrik als Ort der Unsichtbarkeit und Entfremdung im System der Akkordarbeit. Dem setzt Köker mit einer kraftvollen, fast schroffen Bildsprache Sichtbarkeit in weiblicher Gestalt entgegen. Aus Versatzstücken, die an Relikte mesopotamischer Kunst und an Maschinenteile erinnern, ist ihre Akkordarbeiterin aus Terrakotta aufgebaut. Die Figur scheint anmutig-grazil und zugleich stark genug, um sich keiner Opfererzählung zu ergeben. Mit dem überlebensgroßen Standbild hat Köker den aus der Türkei angekommenen Frauen ein Denkmal gesetzt, das „Gastarbeiterinnen“ nicht zuletzt auch als Pionierinnen in der Vereinbarkeit von Familie und Beruf würdigt.

  • MUSEUM MMK FÜR MODERNE KUNST
  • Erwerbung: Akkordarbeiterin (1987) von Azade Köker
  • Domstraße 10, Frankfurt am Main 
  • (derzeit wegen Sanierungsarbeiten geschlossen)
  • Telefon +49 69 212 30447
  • mmk.art
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