Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser,

Bewegung mit Ortsveränderung, Lokomotion, verbindet sich im Idealfall mit Urlaub. Und wo gelingt diese wohltuende Verbindung von Bewegung und gesteigertem emotionalen Erleben besser als beim Reisen oder bei Aktivitäten, auf die man sich gefreut und vorbereitet hat? Die Anreize, die Loko(e)motion schafft, befeuern das, was als willkommenes Vehikel durch die Durststrecken des Alltags trägt – Motivation. Dass dieser vorwärtsbringende Antrieb denselben sprachlichen Ursprung wie Lokomotive, Emotion, Motiv und Motor hat, ist da wenig verwunderlich. Der maecenas zum Sommer bewegt sich thematisch zwischen Antrieb, Aufbruch und Ankommen. Der Bahnhof vereint diese Bewegungsaspekte als Ort des Reisens auf sich, auch steht er symbolisch für Wendepunkte und Übergänge. Auf Eisenbahngleisen trieb Alexej von Jawlensky, der bei Kunst- und Malreisen zu neuen Lösungen fand, die Entwicklung zu seinem farb- und ausdrucksstarken Stil kontinuierlich voran. Das Bild Bahnhof-Füssen mit Dampflok spiegelt – gleichsam als visuelle Metapher für das Reisemotiv des Suchens und Findens – einen stilistischen Wendepunkt in
seinem Schaffen wider. Kein anderer Ort war so eng mit den „Gastarbeitern“ vergangener Jahrzehnte verbunden wie der Bahnhof, als Ort des Abschieds von der Heimat und der Ankunft in einem unbekannten Land. In Azade Kökers Skulptur Akkordarbeiterin verdichten sich die Erfahrungen von Arbeitsmigration und interkultureller Identität zu einer starken, denkmalhaften Körpergeste. Reisen ins Unbekannte ist für Wim Wenders persönlicher Antrieb – eine mäandernde Suche – wie auch zentrales Element seines filmischen Erzählens, nicht selten mit Bildern von Bahnhöfen und fahrenden Zügen: Das Unvorhersehbare des Verlaufs und Ausgangs ist der Motor Wenders-typischer Fortbewegung. In dem folgenden Gedicht ist das Ankommen eine Zugfahrt in die Selbstbegegnung, auf der sich das Ich in seiner Wandelbarkeit kennenlernt: Nie wird es bei Ankunft noch das sein, als das es aufgebrochen ist.

Erlebnisreiche Lokomotionen und eine entspannte Zeit wünscht Ihnen 

Ihre Eva Claudia Scholtz
Geschäftsführerin der 
Hessischen Kulturstiftung

Der Bahnhof
Jürg Halter

Ich bin der Bahnhof,
in dem ich einst anzukommen gedenke.

Doch kippt mich
diese Vorstellung nicht mehr aus den Gleisen.

Ich bin die Landschaft,
ebenso wie ich der Zug bin, der an ihr vorüberzieht.

Sprunghaft wie ich bin,
weiss mein Herz morgens nie, in welcher Brust es abends
zur Ruhe kommt.

Abonnieren Sie den maecenas, das Magazin der Hessischen Kulturstiftung.