Editorial
Liebe Leserin, lieber Leser,
in den Herbstmonaten des Jahres 1937 verfasste die deutsch-jüdische Lyrikerin Gertrud Kolmar das Gedicht Kunst. Die prosanahen Verse lassen ein Landschaftsbild entstehen – eines, das sich aus dem Gegensatz zum schönen Schein der gemalten pastoralen Idylle bestimmt. Weder der weite Blick über sanfte Hügel und fruchtbare Ebenen noch die Farbpalette komponierter Ideallandschaften kommt darin zur Wirkung. Nicht die harmonisch geordnete Natur, sondern die einsam-erhabene, unwirtliche Hochgebirgslandschaft wird zum Abbild des Künstlerinnen-Ich. Menschen wenden sich von dem Bild ab, da es ihnen die erwartete Idealität vorenthält. Das eigene Kunstwerk jedoch zeichnet die Künstlerin aus und erhöht sie über die ablehnende Menge. Ihr wird in dem Landschaftsbild, das den Menschen unverständlich bleibt, eine lebensfeindliche, mythische Höhe zur Zuflucht und Vollkommenheit.
In dem Gedicht verarbeitete Kolmar eine im Herbst 1934 persönlich erlebte Abwertung der Kunst jüdischer Künstler:innen.
Eine interessante Lektüre wünscht Ihnen
Ihre Eva Claudia Scholtz
Geschäftsführerin
Kunst
Gertrud Kolmar (Berlin 1894 – Auschwitz 1943)
Sie nahm den Silberstift
Und hieß ihn hingehn über die weiße matt glänzende Fläche:
Ihr Land. Er zog
Und schuf Berge.
Kahle Berge, nackte kantig steinerne Gipfelstirnen, über
Öde sinnend;
Ihre Leiber
Schwanden umhüllt, vergingen hinter dem bleichen Gespinst
Einer Wolke.
So hing das Bild vor dem schwarzen Grunde, und
Menschen sahen es an.
Und Menschen sprachen:
„Wo ist Duft? Wo ist Saft, gesättigter Schimmer?
Wo das strotzende, kraftvoll springende Grün der Ebenen
Und der Klippe bräunlich verbranntes Rot oder ihr taubes
graues Düster?
Kein spähender Falke rüttelt, hier flötet kein Hirt.
Nie tönen groß in mildes Abendblau die schön
geschwungenen Hörner wilder Ziegen.
Farbenlos, wesenlos ist dies, ohne Stimme; es redet zu uns
nicht.
Kommt weiter.“
Sie aber stand und schwieg.
Klein, unbeachtet stand sie im Haufen, hörte und schwieg.
Nur ihre Schulter zuckte, ihr Blick losch in Tränen.
Und die Wolke, die ihre zeichnende Hand geweht,
Senkte sich und umwallte, hob und trug sie empor
Zum Schrund ihrer kahlen Berge.
Ein Wartender,
Dem zwei grüngoldene Basilisken den Kornreif schlangen,
Stand im Dämmer auf, glomm und neigte sich, sie zu
grüßen.



