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Ilknur Koçer: Northern Tokyo, Seite 1, 2026

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Ilknur Koçer: Northern Tokyo, Seite 2, 2026

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Ilknur Koçer: Northern Tokyo, Seite 3, 2026

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Ilknur Koçer: Northern Tokyo, Seite 4, 2026

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Stipendiatin Ilknur Koçer

Ilknur Koçer (*1988, Kassel) beleuchtet als Autorin und Zeichnerin die vielschichtigen Zusammenhänge von Migration, Arbeit, gesellschaftlicher Zugehörigkeit, Diskriminierung und Rassismus. Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Frage, wie Arbeitsmigration nicht nur individuelle Lebensläufe, sondern auch das kollektive Bewusstsein prägt. Auch reflektieren ihre Werke über den Wert, der Arbeit in verschiedenen Kontexten beigemessen wird, und die oft unsichtbaren Beiträge migrantischer Arbeiterinnen zu unserer Gesellschaft.

Koçer ist Absolventin der Kunsthochschule Kassel und veröffentlicht seit 2017 regelmäßig in verschiedenen nationalen und internationalen Magazinen und Zeitungen. Arbeiten von ihr waren unter anderem im Weltkulturen Museum in Frankfurt am Main (2025), im Kleist-Museum in Frankfurt an der Oder (2023), in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main (2021/22), im Museum für Kommunikation Berlin (2021) und im Haus der Berliner Festspiele (2017) zu sehen. Sie war Trägerin eines Stipendiums des Hessischen Literaturrats (2022) und des Lion-Feuchtwanger-Stipendiums (2023). Mit einem Stipendium der Hessischen Kulturstiftung reiste sie 2025/26 durch Japan.

 

Hessische Kulturstiftung (HKST) Japan ist 2027/28 erstmals Teil des Residenzstipendienprogramms der Hessischen Kulturstiftung.* Warum war gerade Japan für dich der richtige Ort als Ziel deines Reisestipendiums?

Ilknur Koçer Wie viele Menschen meiner Generation bin ich mit Anime aufgewachsen. Serien wie Sailor Moon, Mila Superstar, Kickers oder Detektiv Conan haben meine Kindheit und Jugend geprägt. Mich hat damals schon fasziniert, wie selbstverständlich darin ein Alltag gezeigt wird, der sich so sehr von meinem eigenen unterschied. Dieser Gegensatz zwischen tief verwurzelten Traditionen und einer globalen Popkultur hat mich neugierig gemacht.

Ich wollte dieses Land nicht nur aus der Ferne betrachten, sondern selbst erleben. Deshalb reiste ich 2024 auf eigene Initiative nach Japan. Dort wurde mir schnell klar, wie stark meine Vorstellung des Landes von romantisierten Bildern geprägt war. Ich traf auf eine Gesellschaft, die in vielen Bereichen konservativer und patriarchaler war, als ich erwartet hatte.

Gerade der Bruch mit meinen Erwartungen machte Japan für mich interessant. Besonders prägend waren die Gespräche mit Menschen mit Migrationsgeschichte. Ihre Erfahrungen erinnerten mich an Geschichten aus meinem eigenen Familien- und Freundeskreis. Auch die Art, wie Medien über bestimmte Wohnviertel und Communities berichteten, kam mir vertraut vor.

Damals fehlte mir die Zeit, die Regionen zu besuchen, über die ich mehr erfahren wollte. Deshalb stand für mich fest: Bei meiner nächsten Reise würde ich genau dort beginnen, mit meinem Skizzenbuch, aber vor allem mit dem Anspruch, zuzuhören, zu beobachten und zu verstehen.

HKST Du beschäftigst Dich sich seit Jahren mit Arbeitsmigration – zunächst anhand der Geschichte Deiner Großeltern in Deutschland, derzeit anhand migrantischer Arbeitskräfte in Japan. Warum das anhaltende Interesse an diesem Thema?

Koçer Ich bin als Tochter einer klassischen Gastarbeiterfamilie aufgewachsen. Die Frage von Arbeit und Zugehörigkeit war deshalb immer ein Teil meiner Lebensrealität. Ich bin sehr behütet aufgewachsen. Gleichzeitig begleitete mich stets ein Gefühl von Unsicherheit. Die Existenz meiner Familie in Deutschland war lange eng mit ihrer Arbeit verschlungen. Wenn meine Großeltern krank wurden, bedeutete das nicht nur weniger Einkommen, sondern auch die Sorge, ihr Bleiberecht zu verlieren. Auch wenn diese Realität für mich selbst nicht mehr gilt, blieb das Gefühl.

Lange habe ich diese Erfahrung gar nicht hinterfragt. In meinen frühen Arbeiten tauchte sie eher unterschwellig auf, in kleinen Szenen oder Nebensätzen. Erst zum Ende meines Studiums erkannte ich, dass diese Verbindung von Arbeit und Unsicherheit keineswegs selbstverständlich ist. Dort begegnete ich Menschen mit ganz anderen Lebensrealitäten und begann, meine eigene Geschichte bewusster wahrzunehmen.

Ich zeichne, um mit Abstand auf diese Erfahrungen zu schauen und sie aus der persönlichen Ebene herauszulösen. Es geht dann nicht mehr nur um meine Familie und mein persönliches Gefühl, sondern um eine größere gesellschaftliche Geschichte. Aus einzelnen Erfahrungen entsteht ein gemeinsamer Erfahrungsraum.

Oft beginnt meine Arbeit mit einem Blick, einer Geste, einem beiläufigen Satz, einem Gegenstand oder einer Beobachtung. Während ich daran arbeite, erzählen mir andere Menschen ähnliche Geschichten. Vielleicht trennen uns Generationen, Lebensrealitäten oder Länder und trotzdem berühren dieselben Fragen unser Leben.

HKST Wie eben angedeutet, erzählst Du häufig über Details: einen Finger, Schuhe vor einer Tür, einen Schnurrbart. Warum sind es gerade diese scheinbar nebensächlichen Dinge, die Erinnerung und Botschaft tragen?

Koçer Erinnerungen bestehen für mich selten aus großen Ereignissen. Ich erinnere mich oft stärker an kleine Dinge als an Jahreszahlen oder historische Begebenheiten. An die Lederschuhe meines Großvaters etwa, die er jeden Abend für die Arbeit putzte.

Solche Details machen Geschichten für mich auch erst greifbar. Ein Paar Schuhe erzählt davon, wer nach Hause gekommen ist, wer gegangen ist oder wer fehlt. Ein Schnurrbart ist nicht nur ein Schnurrbart, sondern wird zu einer bestimmten Person.

Als Kind war ich sehr schüchtern. Ich habe lieber beobachtet und zugehört. Bis heute sammle ich solche Momente in meinem Skizzenbuch. Viele meiner Geschichten entstehen später aus diesen aufgezeichneten Momenten.

HKST Wie entscheidest Du, welchen im Skizzenbuch festgehaltenen Moment Du zu einer Geschichte werden lässt – und welche Form diese Geschichte annimmt? Wie entwickelt sich daraus schließlich ein Comic?

Koçer Eigentlich fängt bei mir alles mit dem Skizzenbuch an. Darin sammle ich alles, was mich beschäftigt: Gespräche, Beobachtungen, Gedanken, aber auch Sätze aus Büchern, Szenen aus Filmen oder skurrile Informationen aus Dokumentationen.

Während ich im Skizzenbuch zeichne, merke ich irgendwann, dass bestimmte Dinge immer wieder auftauchen. Das ist meist der Moment, in dem ich anfange zu recherchieren. Je tiefer ich mich in ein Thema einlese, desto mehr verdichtet es sich mit den Zeichnungen im Skizzenbuch zu einer Geschichte. Anschließend puzzle ich die vorhandenen Zeichnungen zu Panels zusammen, ergänze fehlende Bilder und füge Informationen oder Texte aus meinem Skizzenbuch hinzu. 

Meist lege ich den Comic erst einmal beiseite. Wenn er mich nach ein paar Tagen immer noch überzeugt, digitalisiere ich ihn. Nicht jede Geschichte wird erzählt, aber keine wird vergessen.

HKST Du arbeitest in einem Medium, das oft als populär oder niedrigschwellig gilt. Besteht gerade hierin für Dich der Reiz, vielleicht auch das politische Potenzial des Comics?

Koçer Ich mag es, dass Comics manchmal unterschätzt werden. Viele Menschen schlagen einen Comic auf und denken zunächst: „Das ist schnell gelesen.“ Und plötzlich finden sie sich in einem Thema wieder, dem sie sonst vielleicht aus dem Weg gegangen wären. Genau darin liegt für mich die Stärke des Mediums.

Ein Comic verlangt weder Vorwissen über Kunst noch über das Thema, das er erzählt. Eine einzelne Zeichnung kann Informationen, Emotionen und Atmosphäre zugleich vermitteln. Bild und Text müssen sich hierbei nicht gegenseitig erklären. Sie können sich ergänzen, aber auch widersprechen. In einer Abfolge an Bildern geben sie eine ganze Lebensrealität in Details wieder. Auch deswegen arbeite ich so gerne mit Comics. Manchmal erzählt ein Gesicht mehr als die Worte einer Figur. Oder ein Rabe erzählt mehr über einen Ort, an dem Unglück zurückgelassen wurde, als ein langer erklärender Text es könnte. Und manchmal vermittelt ein einzelnes Bild eine Stimmung, die textlich schwer zu fassen wäre.

Humor spielt dabei eine wichtige Rolle. Wer beim Lesen zunächst schmunzelt und erst einen Moment später merkt, dass es eigentlich um etwas Ernstes geht, ist oft bereit, genauer hinzusehen.

Bei unseren Besuchen in der Türkei suchte ich mit meinem Großvater politische Karikatur- und Satirezeitungen am Kiosk aus. Er hatte nie richtig lesen gelernt, konnte über die Zeichnungen aber trotzdem politische Ereignisse verfolgen und an gesellschaftlichen Diskussionen teilhaben. Ich verstand die Zusammenhänge damals noch nicht, konnte aber stundenlang über die überzeichneten Figuren lachen. Rückblickend war das wahrscheinlich meine erste Begegnung mit politischem Comic und vielleicht auch der Moment, in dem ich verstanden habe, dass Humor und gesellschaftliche Themen kein Widerspruch sein müssen, sondern einander sogar stärken können.

Vielleicht wünsche ich mir auch deshalb, dass meine eigenen Arbeiten noch humorvoller wären. Das Leben besteht schließlich nie nur aus Schwere. Selbst in schwierigen Situationen gibt es absurde, zärtliche oder komische Momente. Genau diese Gleichzeitigkeit macht es spannend.

HKST Deine Arbeiten sind häufig in ausdrücklich politischen Kontexten erschienen – Fight in der 2017 bei den Women’s Marches in den USA verteilten Ausgabe der feministischen Zeitschrift RESIST!, das Alphabet des Ankommens für die Bundeszentrale für politische Bildung, die Porträts der 2020 in Hanau Ermordeten in Der Freitag. Wo verläuft für Dich die Grenze zwischen Kunst und Aktivismus – oder kann Deiner Meinung nach der Comic beides in sich vereinen?

Koçer Ich halte weder Comics noch Kunst im Allgemeinen für unpolitisch. Selbst die Entscheidung, sich nicht mit einem Thema zu beschäftigen, ist eine Haltung.

Trotzdem verstehe ich meine Arbeit nicht als Aktivismus. Ich möchte keine Anleitung vorgeben und niemandem vorschreiben, was gedacht werden soll. Mich interessiert vielmehr, Fragen zu stellen und Perspektiven sichtbar zu machen, die im Alltag oft übersehen werden. Perspektiven, die mich interessieren, die vielleicht auch bei anderen Interesse wecken.

Wenn ein Comic dazu führt, dass Menschen über Migration, Arbeit oder Zugehörigkeit anders nachdenken oder miteinander ins Gespräch kommen, hat er für mich bereits viel erreicht. Ich möchte keine Antworten liefern. Ich möchte, dass wir alle genauer hinsehen.

HKST Um nochmal auf Japan zu sprechen zu kommen: Die Tokyo Art Book Fair im Dezember letzten Jahres war der Ausgangspunkt Deiner Reise; dort hast Du andere Druck- und Bindemethoden entdeckt. Was an diesen ostasiatischen Buch- und Drucktraditionen hat Dich überrascht – und verändert es, wie Du über deine eigenen Comics und Zines als Objekte denkst?

Koçer Sehr sogar. Ich habe erlebt, mit welcher Sorgfalt Bücher gestaltet werden. Papier, Bindung, Falzung oder sogar die Reihenfolge, in der Seiten umgeblättert werden, sind Teil des Erzählens und nicht nur Mittel zum Zweck.

Seitdem denke ich stärker darüber nach, dass ein Comic nicht nur gelesen, sondern auch als Objekt erlebt wird. Ein Zine ist nicht nur ein Informationsträger, seine Materialität ist Teil der Geschichte.

Diese Auseinandersetzung mit Materialität nehme ich auch in mein aktuelles Projekt über Arbeitsmigration in Japan mit. Ich glaube, dass ein Buch bereits etwas erzählen kann, bevor die erste Seite gelesen wird.

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