Materie
Amorph anmutende Körper, das Fallen leuchtender Herbstblätter, über dem Kopf verschränkte Arme in einem freien Move – bedeutsamer als die gesprochene Sprache ist das Unausgesprochene im Werk von Grace Schwindt. Es verhandelt die fluide Rolle von Trauma und Erinnerung in den Geschichten von Orten und den Lebensgeschichten von Menschen. Die Ausstellung Autumn Leaves (Witnesses) im Kunsthaus Wiesbaden greift diesen Dialog konzeptuell auf und verbindet zwei bedeutende Arbeiten der Künstlerin mit der eigenen Landmarke, einer prächtigen Platane im Innenhof des Hauses. Die Skulpturen und Stickereien aus Schwindts Werkreihe Witnesses (Bones, Leaves and Other Creatures) zentrieren die Opfer des Hyeongje-Wohlfahrtsheim genannten südkoreanischen Internierungslagers der 70er- und 80er-Jahre. Schillernde Einfärbungen, aus den Blättern und Böden des Lagers gewonnen, lenken die Aufmerksamkeit auf die Dichotomie des menschlichen Körpers: Er ist Freiheit und Grenze, das Zentrum unserer Resilienz und gleichzeitig verletzliche Materie, in die sich Erfahrungen, Erinnerungen und Traumata einschreiben. In Schwindts Werk ist Körper auch Vehikel für Geschichten als Bewegung. Basierend auf dem Tagebuch der während des Holocaust getöteten Jüdin Caecilie Lewisson ist Grace Schwindts Bewegungsarchiv eine Reflexion über die Möglichkeiten kollektiven Erinnerns. Beschreibungen eines Lebens im Untergrund übersetzt die Künstlerin in körperliche Impulse und Tanz. Im Rahmen des Tanzfestivals Rhein-Main wird Schwindts Bewegungsarchiv als Performance aufgeführt. Mit dem Fallen der Herbstblätter im Innenhof des Kunsthauses verflechten sich Werk und Ort zu einem Mahnmal der Vergänglichkeit und des Gedenkens.
- Grace Schwindt – Autumn Leaves (Witnesses)
- Kunsthaus Wiesbaden
- bis 8. November 2026
- Schulberg 10, Wiesbaden
- Telefon +49 611 31 90 02
- wiesbaden.de/kunsthaus




