Foto: Rachel Topham Photography
Ausstellungsansicht Hospitality, Audain Gallery, Simon Fraser University, Vancouver, 2024, courtesy of the artist and SFU Galleries, Vancouver ©
Foto: LFDocumentation
Fill him up, 2023, Collage, Öl und Harz auf grundiertem Küchenschwamm, 9 × 8,25 × 3 cm, courtesy of the artist and Franz Kaka Gallery, Toronto ©
Foto: Gunter Lepkowski
Zu spät (VII Leider Nicht), 2023, 23-karätiges Gold, Inkjet-Transfer und Öl auf Leinwand, 30 × 21 cm, courtesy of the artist and Tanya Leighton Gallery, Berlin/Los Angeles ©
Foto: Zeynep Firat
Privacy (III) (Ausschnitt), 2024, Acryl und 23-karätiges Gold auf konvexem Sicherheitsspiegel, Ø 40 cm, courtesy of the artist and SANATORIUM, Istanbul ©

Stipendiat:in
Elif Saydam

Elif Saydam (*1985, Calgary/Kanada) greift in Malerei und Objektkunst ornamentale und dekorative Elemente auf, um bestehende Wert- und Bedeutungssysteme neu zu ordnen. Jüngste Einzelausstellungen sind unter anderem List Projects 32 im MIT List Visual Arts Center, Cambridge, USA (2025); RAUS bei Franz Kaka, Toronto, Kanada (2025); sowie Hospitality an der Simon Fraser University, Vancouver, Kanada (2024). Zu Gruppenausstellungen zählen A Crack We Sprout Through im SANATORIUM, Istanbul, Türkei (2024); Die Wissen in der nGbK – neue Gesellschaft für bildende Kunst, Berlin, sowie im TAXISPALAIS Kunsthalle Tirol, Innsbruck, Österreich (beide 2023); und Lose Enden in der Kunsthalle Bern, Schweiz (2021). Saydam studierte an der Städelschule in Frankfurt am Main und lebt und arbeitet heute zwischen Berlin und Izmir, Türkei. 2024 trat Saydam ein Residenzstipendium der Hessischen Kulturstiftung in New York City an.

Hessische Kulturstiftung (HKST) Nach einem Jahr im New Yorker Stiftungsatelier bist Du kürzlich nach Berlin zurückgekehrt – wir freuen uns sehr, heute mit Dir zu diesem Gespräch zusammenzukommen! Im Vorfeld Deines Stipendiums hast Du erwähnt, dass Dich soziale Räume interessieren, „in denen wir miteinander Resonanz erzeugen oder uns zumindest alle gleichermaßen fremd fühlen können“. Hast Du in New York solche Räume entdeckt?

Elif Saydam Mit dem Ausdruck „sich gleichermaßen fremd fühlen“ bin ich zum ersten Mal während einer Debatte über Inklusion in einem kollektiven Kunstraum in Berlin konfrontiert worden, den ich mitbegründet habe. Damals habe ich mich daran sehr gestört. Es gibt reale gesellschaftliche Ungleichheiten, die bewirken, dass lediglich einige Menschen sich fremd oder fehl am Platz fühlen – das anzuerkennen ist essenziell. Und doch finde ich die Idee sehr überzeugend, eine Utopie als einen ambivalenten Raum zu entwerfen, in dem sich alle gleichermaßen deplatziert fühlen – anstatt sich als „normal“ wahrzunehmen. Letzteres entspricht dem Grundgedanken von Gentrifizierung: urbane Unterschiede, die Reibung erzeugen, zu beseitigen oder klar voneinander zu trennen, damit alles kontrollierbar und erwartbar bleibt. Ich denke, eine solche Utopie – in der das Chaotische, das Lebendige, auch das Unbequeme koexistieren darf – ist nur als kurzes, flüchtiges Schimmern erfahrbar, meist in unserer Fantasie oder in konstruierten Mythen städtischen Lebens. Der öffentliche Raum ist heute so stark reguliert und überwacht – und diese Kontrolle greift zunehmend auch in den privaten Bereich. Wir erleben derzeit eine neue, beunruhigende Form der Entfremdung.

Der US-amerikanische Autor Samuel Delany beschreibt in Times Square Red, Times Square Blue (1999) die Gentrifizierung in Midtown Manhattan und die „Disneyfizierung“ des Times Square in den 1990er-Jahren. Früher war diese Gegend lebendig und zwielichtig – ein Ort, an dem laut Delany „klassenübergreifender Kontakt“ möglich war, durch das Ausleben gemeinsamer Begierden. Dieser „klassenübergreifende Kontakt“ hat für mich viel mit Resonanz zu tun: ein kurzer, bedeutungsvoller Moment der Verbindung, der aus geteilter Präsenz und Sehnsucht entsteht – bevor sich die Wege wieder trennen.

Während meines Aufenthalts in New York hat mich besonders Midtown fasziniert – dieses Aufeinanderprallen von
Tiktoker:innen, Tourist:innen, Lieferfahrer:innen, Diamantenhändler:innen … Diese Dissonanz erzeugt Resonanz. Jahrzehnte nach Delanys Beobachtungen – und nach der Post-Post-„Disneyfizierung“ – erschien mir Midtown gleichzeitig widerstandsfähig gegenüber Veränderung und dennoch völlig von ihr durchdrungen. Als befände es sich in einer Endlosschleife – geisterhaft, wie eine Seele, die nicht ins Jenseits findet. Besonders spürbar war das für mich beim Nachdenken über jene Menschen, die systematisch aus dem öffentlichen Raum verdrängt werden. Die Komplexität von Midtown wurde mir aber auch dann bewusst, wenn ich dort spezielle Materialien wie Blattgold beschaffen wollte. Man weiß nie, was sich im 22. Stock dieses oder jenes Gebäudes verbirgt, welche Türen sich öffnen – oder welche Umstände „schimmernde“ Momente der Begegnung ermöglichen.

HKST Würdest Du sagen, dass Deine Kunst Räume der Resonanz schafft – Orte also, die Begegnung ermöglichen?

Saydam Es überrascht mich immer wieder, welche Assoziationen andere Menschen zu meinen Arbeiten entwickeln. Aber in genau dieser Unvorhersehbarkeit der Interpretation liegt für mich der Schlüssel, um gemeinsam Bedeutung zu erzeugen. Mein Interesse am Leben anderer zwingt mich geradezu dazu, meine Bilder mit widersprüchlichen Zeichen, Symbolen und Codes zu überladen – je nach persönlichem Erfahrungshorizont können diese die Betrachtenden auf sehr individuelle Weise anregen. Auch wenn meine Werke für mich eine bestimmte Bedeutung tragen, werde ich keine Lesart bestätigen oder ausschließen.

Eine meiner liebsten Begegnungen war, als eine Ausstellungsbesucherin mein Miniaturgemälde Zu spät (II) sah – eines meiner Andachts­bilder Berliner Spätkaufs. Sie erzählte mir, sie habe einmal in genau diesem Laden mit der Besitzerin Karaoke gesungen; offenbar performt diese regelmäßig mit zufällig hereinkommenden Kund:innen. Für die Betrachterin hatte diese Erinnerung eine besondere Bedeutung, da sie während des Covid-Lockdowns stattfand – einer Zeit also, in der Nähe und Kontakt besonders schwer zu erleben waren. Indem sie diese Erinnerung mit mir teilte, erhielt mein Werk eine neue Bedeutsamkeit, die wiederum in neue Arbeiten einfließen kann.

HKST Deine Arbeiten oszillieren zwischen islamischen ornamentalen Traditionen und der westlich-europäischen Kunstgeschichte. Inwiefern prägt Dein biografischer Hintergrund – etwa Deine türkischen Wurzeln oder Deine Erfahrungen in Kanada, Deutschland und zuletzt den USA – Deine ästhetische und konzeptuelle Herangehensweise?

Saydam Ich begreife meine biografischen Erfahrungen nicht als direkten Inhalt meiner Arbeit, sondern als Werkzeug, das meine formalen Strategien formt – insbesondere im Hinblick auf die Frage, wie in der Kunst Wert konstruiert wird. Insofern hat mein persönlicher Hintergrund meine künstlerische Arbeit tief beeinflusst. Als Kind bin ich häufig umgezogen und habe daher keine feste Bindung zu einer einzelnen Community entwickelt. Auch hatte ich nicht das Gefühl, eine „authentische“ kulturelle Rolle verkörpern zu können – obwohl ich emotional sowohl meinem Heimatland als auch der Diaspora verbunden war. All das hat dazu geführt, dass ich mich eher als Beobachter:in denn als Teilnehmer:in verstehe; ein Umstand, der in gewisser Weise der traditionellen Vorstellung des Kunstschaffenden als eines Einzelgängers entspricht, der von der Welt erzählt. Ich möchte diese Rolle verkörpern, aber mit einem Augenzwinkern, da die Welt, die ich zeigen möchte, unter den gegebenen Bedingungen nicht existieren kann.

„Oszillieren“ ist ein wunderbares Wort, um Malerei zu beschreiben, die sonst oft als statisch begriffen wird. Ich bin überzeugt, dass sich verschiedene künstlerische Medien und Methoden viel näher sind, als wir gemeinhin gerne zugeben. Im Türkischen bedeutet das Wort „sanat“ sowohl Kunst als auch Handwerk – eine interessante und absichtsvolle sprachliche Verbindung. Diese breitere Definition versuche ich in meiner Atelierpraxis anzuwenden. Für meine Ausstellung RAUS, die dieses Jahr in Toronto zu sehen war, habe ich beispielsweise alle Leinwände selbst gewebt. Sie unterscheiden sich nicht wesentlich von jenen Leinwänden, die es in Geschäften zu kaufen gibt, doch habe ich einen einzelnen roten Faden verwoben. Als sichtbare Spur meiner Handarbeit verleiht er den einfachen Stillleben, mit denen ich die Leinwände bemalt habe, eine zusätzliche Bedeutungsebene. Die Kostbarkeit dieser Bilder „oszilliert“ zwischen Oberfläche und Malgrund. In manchen Regionen ist diese Gleichstellung von Kunst und Handwerk selbstverständlich. In Mitteleuropa hingegen muss sie oft erst argumentativ legitimiert werden – obwohl sie auch hier früher einmal Gültigkeit besessen hat. Doch gerade dieser Widerstand eröffnet produktive Diskussionen über ästhetische Hierarchien – und deren Verbindung zu gesellschaftlichen Strukturen.

HKST Meist verzichtest Du auf die Darstellung von Körpern und dennoch klingt Körperlichkeit in deinen Arbeiten an: in Materialien, Spuren, Fragmenten. Ist diese indirekte Form der Verkörperung eine bewusste Strategie zur Darstellung von Identität? Vielleicht auch ein Versuch, sich vereinfachenden Zuschreibungen zu entziehen?

Saydam Vorab: Identifikation ist insofern wichtig, als sie bestimmt, wie nah wir Macht oder Gewalt erleben – das sollte stets mitgedacht werden. Dabei gilt es, der Versuchung zu widerstehen, sich mit bloßer Repräsentation zu begnügen. Andernfalls droht Identität zu einem Klischee zu verkommen, das tatsächliche Lebensrealitäten verkennt und die befreienden Impulse, die wir so dringend brauchen, nicht zu setzen vermag. Es stimmt, dass ich insofern figürlich arbeite, als ich die Accessoires abwesender Figuren male: Ornament, Gold, Muster. Dieser Ikonoklasmus eröffnet alternative Wege, Präsenz zu beschreiben oder anzudeuten – etwa über Sprache, Poesie oder eben Dekoration, die ebenfalls eine Form von Sprache sein kann. Ich versuche, das Verb „ausschmücken“ in seiner doppelten Bedeutung zu verstehen: Einerseits im Sinne von dekorativem Verschönern, andererseits als das Überzeichnen einer Geschichte, die dadurch interessanter – aber vielleicht auch weniger wahr – wird. So bleibe ich ein:e unzuverlässige:r Erzähler:in. Im besten Fall ist das Atelier ein Ort, an dem ich reduktive Zuschreibungen an der Tür lasse – und vielleicht sogar vergesse, dass ich einen Körper habe.

HKST Du setzt Dich mit Camp auseinander, einem ästhetischen Konzept, das häufig mit queerer Kultur, Künstlichkeit, Theatralik und Ironie verbunden wird. Du hast uns gegenüber einmal geäußert, dass eine solche Definition der Komplexität von Camp nicht gerecht werde. Wie verstehst Du Camp?

Saydam Camp zu beschreiben ist nicht leicht, denn es entzieht sich festen Kategorien. Es ist subversiv, basiert auf vielschichtigen sozialen Codes, und seine gängige Assoziation mit Frivolität oder Übertreibung verkennt meines Erachtens seine politische Tiefe. Für mich liegt das Wesen von Camp in der unbedingten, kompromisslosen Hingabe, mit der eine Fantasie durch Performativität entworfen und aufrechterhalten wird – selbst wenn sie von vorneherein zum Scheitern verurteilt ist. 

Ich beziehe Camp in meine Malerei ein, indem ich die Oberflächen banaler Objekte – Küchenschwämme, Türen von Toilettenkabinen – mit äußerst detailreichen, geradezu devotionalen Pinselstrichen ausschmücke. Abgesehen vom offenkundigen Humor oder den Verweisen auf Arbeit und Gender ist es eine Möglichkeit, die Kunst, nicht ernsthaft zu sein, sehr, sehr ernst zu nehmen. Camp bedeutet, für einen kurzen Moment, der ebenso zerbrechlich wie kraftvoll ist, zu überzeugen. Ich denke, das ist es, worum es letztlich geht. Ein solcher Moment stellt eine Form jener Resonanz dar, über die wir vorhin gesprochen haben. Er ist flüchtig, zugleich langlebig, da er intensiv nachwirken kann. Und er zeigt uns, inwiefern Camp eine Überlebensstrategie in einer zunehmend feindseligen Welt sein kann – nicht nur für queere Menschen, sondern auch für migrantische Menschen, die ihr kulturelles Erbe in überhöhter Form darstellen. Diese Überzeichnung kann viel darüber aussagen, wie ausgrenzende Vorstellungen von Zugehörigkeit und Teilhabe konstruiert, aber auch unterlaufen, lächerlich gemacht und überwunden werden können.

HKST Gibt es Konstanten, die Deine Arbeit bis heute – und möglicherweise darüber hinaus – prägen?

Saydam Unsere Welt kann sich sehr schwer anfühlen, und ich versuche, darauf zu reagieren, indem ich das transgressive Potenzial von Dekoration erforsche, um drängende gesellschaftliche Fragen aufzuwerfen. Was ich aber als besonders wichtig empfinde, ist, mir Freude und Vergnügen zu bewahren – denn das ist es, was ein lebenslanges künstlerisches Arbeiten ermöglicht. Das, und natürlich: die Liebe zum Detail.

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