© 2025 The Walt Disney Company
Walt Disney Studios, Silly Symphony, The Big Bad Wolf (Ausschnitt), 1934, Animationszeichnung, Bleistift auf Papier, 23 × 30 cm ©
© 2025 PAWS Inc
Jim Davis, Garfield, Tagesstreifen vom 6. April 1995 (Ausschnitt: linkes Bildfeld), Tusche und Rasterfolie auf Karton, 12,5 × 38 cm ©
© The Estate of Calvo
Edmond-François Calvo, Text: Victor Dancette mit Jacques Zimmermann, La Bête est morte!, Band 1, 1944 ©

Kreisch!

Gellender Ruf des Schreckens, Schock des Lebens und kein Entkommen vor dem hungrigen Tier. Schnapp – mampf – quetsch – im Bauch des Wolfs, im Ganzen verschluckt. Schweinchen, Geißlein, Greisin und das Kind mit roter Kappe – alle hat das pelzige Unheil getroffen, aber, wie es das Grimm’sche Märchen will, für die Gefressenen mit glücklichem Ausgang, für den Wolf … cut – die Fassung von Charles Perrault liefert das Tier, den fremden Verführer, nicht ans Messer, lässt es ungestraft die menschliche Kost verdauen; das Kind bezahlt seinen Leichtsinn mit dem Leben. Ende der Geschichte. In den humoristischen Märchenadaptionen, im Comic und Cartoon, haben die Akteure ihren Gegenspieler „Big Bad Wolf“ schon vor dem Schnapp trickreich mattgesetzt. Der Plot ist entschärft, für keinen endet’s tragisch, und als Überlebende der klassischen Märchen tauchen die Akteure in etlichen Comic-Geschichten in Crossover-Konstellationen wieder auf.

Im Lauf einer langen Illustrationsgeschichte behält die Figur des „bösen Wolfs“ die ihr eigene Charaktersymbolik und narrative Funktion bei. Etwa im politischen Kontext patriotischer Trivialliteratur tritt der eroberungsgierige, grausame „Hitler-Wolf“ als ideologisches Feindbild auf. Alternative Bilderzählungen entwickeln seine wiederkehrende Rolle als Verkörperung des Bösen weiter: Freundschaft unter Gegenspielern beispielsweise macht den Wolf zu einem empathischen Charakter, der sich gegen seine räuberische Natur verhält – eine Figur stellt sich ihrem Klischeebild. Die Ausstellung Ich, das Tier. Vom bösen Wolf bis Donald Duck – Tiere im Comic zeichnet den erzählerischen Wirkungsraum sowie die Wandlungsfähigkeit des Märchenwolfs anhand illustrierter Erzählformen nach. Wie der Titel verrät, spannt die umfangreiche Schau den Bogen von dieser Urfigur zu jenem sympathischen Antihelden, der gerade wegen seiner Fehlbarkeit geliebt wird und seiner negativ gelesenen Eigenschaften hohen Identifikationsgrad bietet: Eine Ente wie Du und ich.

Eine Erfahrungszeugin aus dem Käppchenkind-Reißzahn-Universum ist in Sachen Mensch-Tier-Charakter Hélène de Beauvoir, die französische Malerin, von der nebenan zu lesen ist: Deren große Schwester Simone, das Ausnahmekind mit großartiger Zukunft, hat als Kind, welch Ironie, in Rotkäppchens Unschuldskostüm erste heimliche Eifersucht auf das Baby Hélène mit dem Kosenamen Poupette; Jahre später verbirgt Simone hinter „ihren warmherzigen Worten“ solche mit eiskalt reißendem Biss für Hélènes Talent. Wiederum „den größten künstlerischen Schock“ ihres Lebens hinterlässt bei der achtjährigen Poupette der unheimlich menschliche „Rotkäppchen“-Wolf in Gustave Dorés Illustrationen – das Tier mit „visage“. Hélène de Beauvoirs doppeltes Schockerlebnis verweist in das Kernthema von Ich, das Tier: die anthropomorphe Tierfigur, die seit Äsops Fabeln kennzeichnet, dass menschliche Eigenschaften, besonders die schlechten, aufs Tier übertragen werden, um diese erzählbar und gestaltbar zu machen. Am anderen Ende einer langen, verzweigten Traditionslinie sammeln sich all die nicht mehr märchen-, aber ebenso fabelhaften Tierfiguren mit personalisiertem Stil und Zungenschlag. Nehmen wir den Rekordhalter des meistgelesenen Comic-Strips aller Zeiten: Garfield ist ein Mensch im Katzenkostüm oder andersherum ein genussorientiert verschlingendes, eifersüchtiges, vor allem aber bis zur Ekelhaftigkeit Ich-bewusstes Tier mit Hang zur philosophischen Selbstdefinition: „I am hungry. Therefore I am.“ 

In welchem Tier erkennen Sie sich wieder, oder wie sähe Ihr eigener Comic aus, wären Sie eines? Wie steht es um Ihre Vorurteile oder Ihr anthropomorphisierendes Verhalten gegenüber dem Tier, den Hang, es zu vermenschlichen? In Ich, das Tier können Sie es herausfinden. Die GRIMMWELT ist jetzt Schauplatz eines Megacrossovers von Charakteren und Konzepten aus der Comic-Kultur wie auch von wissenschaftlichen Perspektiven auf die Mensch-Tier-Beziehungen. Kreisch! – aber vor Vergnügen.  AK

  • Ich, das Tier. Vom bösen Wolf bis Donald Duck – Tiere im Comic
  • GRIMMWELT Kassel
  • bis 12. April 2026
  • Weinbergstraße 21, Kassel
  • Telefon +49 561 598619-0
  • grimmwelt.de
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