Lückenschluss
Das Teilchen macht das Ganze, wie bei einem Mosaik. Selbst wenn es unscheinbar oder nur unscharf bestimmt ist, trägt es zum Gesamtbild bei, an dessen Ordnung sich der Blick auf das Ganze schärft. Das sehen wir so, als kompositorisches Prinzip, bei der nebenan vorgestellten „Superform“, aber auch als Ordnungsmuster in der archäologischen Wissenschaft. Es liegt somit auf der Hand, die Aufgabe, die sich die Forschenden von der Keltenwelt für die nächsten drei Jahre mit der Gesamtauswertung der Glauberg-Funde gestellt haben, hier als Superprojekt einzuführen. Man muss sich nur einmal vor Augen führen, aus welcher Zahl von Objekten und Einheiten, also dokumentierten, materiell abgrenzbaren und interpretierbaren Segmenten sich das „Großbild“ einer der bedeutendsten eisenzeitlichen Fundstätten zusammensetzt: circa 5000 Einzelobjekte, 7000 Detailfotos, die vielen Maßnahmen durch Fachleute nicht mitgerechnet. Für das vielverheißende Ziel hat das Projektteam die nüchterne Bezeichnung „abschließende Komplettvorlage“. Mit ihr – als wichtigem Beitrag zum Kulturerbe Hessens, Deutschlands und Europas – soll eine Lücke im eigenen wie darüber hinaus im internationalen Forschungsmosaik geschlossen werden. Es gehört darum für das Superprojekt „Glauberg“ auch dazu, Formate der Anbindung und der Nachtragbarkeit künftiger Forschungsergebnisse zu schaffen. Das geschieht über eine digitale Open-Access-Ausgabe des erarbeiteten ersten vollständigen Bestandskatalogs, der sich außerdem in einer Printausgabe an ein fachliches Publikum richtet. Eine Sonderausstellung für das breitere Publikum wird abschließend zeigen, wie die Gesamtauswertung das erweiterte, geschärfte Bild des Glaubergs im europäischen Zusammenhang neu definiert.
Für diejenigen, die in der Welt der Oper zu Hause sind, aber in der der Kelten noch Publikum werden wollen, dies zum Einstieg: Glauburg hat wie Bayreuth für Wagners keltisch verwurzelten Krieger Tristan den weltberühmten grünen Hügel am Südhang eines Bergs – errichtet vor rund 2500 Jahren als reiche Grabstätte für den durch sein mutmaßliches Abbild aus Sandstein bekannt gewordenen „Keltenfürsten“. Als kultisch aufgeladene Aufführungsstätte ist der Hügel, auf den eine „Prozessionsstraße“ zuführt, durchaus denkbar, im rituellen Kontext. Herausragend ob der reichen Beigaben sind auch zwei weitere Gräber von gleichzeitig am Südhang bestatteten Kriegern. Allen dreien ist gemein, dass den Bestatteten ein Eisenschwert mit ornamentierter Schwertscheide beigegeben wurde. Zu ihrer persönlichen Ausstattung gehörten neben prächtigen Gewandfibeln lokal hergestellte Bronzekannen sowie meisterhafter Goldschmuck. Einst marienkäferrot leuchtende Korallenperlen und -einlagen sind an einigen prunkvollen Objekten erhalten; sie stehen in den größeren Zusammenhängen des kulturellen Imports aus dem Mittelmeerraum und einer sozialen Hierarchie, an deren Spitze eine wohlhabende Elite stand.
Der maecenas erlaubt sich, aus besagtem Teilchen ein Pferdchen zu machen und im gestreckten Galopp mit einer Annahme zu einer weiteren Lücke zu springen: Die Tiergravur auf der bronzenen Schwertscheide des „Keltenfürsten“ stellt mit Vorderhuf, aber rätselhaftem Hinterteil und vogelartigem Kopf auf rückwärts verdrehtem Hals eine Mischung aus Pferd und, nun ja, Schwan dar: ein sogenanntes Sonnenpferdchen? Ein keltisches Tiersymbol, das mit griechischen Mythen verschmolzen ist? Wem schwant, worauf das „Pferdchen“ hindeuten könnte? Auf Lohengrin wohl nur im Allerentferntesten. Helios und Apollon, die Sonnengötter mit Rössern und Schwänen, lägen da schon näher. Diese Lücke lässt Raum zum Anknüpfen.
Die Gesamtschau der Befunde ist – zur Freude der Wissenschaft wie des Publikums – ein grandioser Lückenschluss. Doch kann man sich ja erst recht darüber freuen, dass das Bild des Glaubergs im großen Mosaik der keltischen Welt kein Ende findet – kein letzter Akt in der Keltenwelt, keine Schlussszene auf dem grünen Hügel, solange es Lücken und Teilchen gibt.
- Wissenschaftsprojekt „Glauberg“
- mit anschließender Sonderausstellung
- Am Glauberg 1, Glauburg
- Telefon +49 6041 82330-0
- keltenwelt-glauberg.de





