© Peter Müller
Peter Müller: Reisestipendiumsvideo (Stills), HD Video, 2010 ©
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Peter Müller: Reisestipendiumsvideo (Stills), HD Video, 2010 ©
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Peter Müller: Reisestipendiumsvideo (Stills), HD Video, 2010 ©
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Peter Müller: Reisestipendiumsvideo (Stills), HD Video, 2010 ©

stipendiat
peter müller

Peter Müller (*1976) hat an der Hochschule für Gestaltung (HfG) Offenbach und mit einem DAAD-Jahresstipendium an der Universität Kapstadt studiert, mit Diplom in Freier Gestaltung an der HfG 2005. Der in Frankfurt tätige Künstler, der auch mit Zeichnung und Installation arbeitet, ist zurzeit aber überwiegend im Bereich HD Video unterwegs und war Reseacher im Comparative Media Studies Program des Massachusetts Institute of Technology und am Fine Art Department der Jan van Eyck Academie in Maastricht. Müllers konzeptuelle Videos waren unter anderem bei der Kölner KunstFilmBiennale und bei Invisible-Exports in New York zu sehen.

Mit einem Reisestipendium der Hessischen Kulturstiftung hat ­Peter Müller 2009/10 Dublin und die West- und Südostküste ­Irlands, aber auch den Großraum Kyoto, den Biwa See und ­Tokyo besucht. 

hks Herr Müller, Sie sind mit Ihrem Stipendium nach Irland und Japan gereist, was hatten Sie dort zu tun?

müller Dort unternahm ich eine Art Produktions-Exkursionen mit semiprofessionellem Video- und Tonequipment. Zuerst hielt ich mich in Japan und knapp ein dreiviertel Jahr später in Irland auf. Schon direkt nach der Zusage durch die Kulturstiftung revidierte ich allerdings das Narrationsgerüst, welches ich als Anlass zu den Reisen formuliert hatte. Die Landeswahl und die Figuren blieben zwar bestehen, aber aus einer fiktionalen Horrorprojekt-Recherche über einen japanischen Dämon, den Oni, und einen irischen Kobold, den Leprechaun, wurde noch am heimischen Schreibtisch die Recherche zu einer mysteriösen Notiz, hinterlassen von einem erfundenen Großvater beim Film. Auch in dieser Notiz tauchten diese Naturgeister wieder auf. Mit diesem Konzept im Gepäck suchte ich dann Orte auf. Diese mythologisch-folkloristischen Figuren bestimmten dabei meine Ortsauswahl. Mir war aber immer klar, dass ich sie am Ende wieder loswerde. Weder wollte ich einen verkappten Horrorfilm drehen oder etwa eine Kulturgeschichte dieser Geister erzählen, sondern das finale Video sollte sich zu bestimmten Verallgemeinerungen hin entwickeln, die eher Modi als Themen erfahrbar werden lassen. Daher tauchen die beiseite geschobenen Figuren und Konstellationen höchstens noch in Texten zum Video auf. Wenn man beispielsweise den Arbeitstitel Strange Information about the Oni, the Leprechaun and the Villagers mit dem endgültigen Titel Reisestipendiumsvideo nebeneinander stellt, wird dies deutlich. Mal abgesehen von dem Erlebnis durch die Länder reisen zu können, wollte ich übrigens auch niemals in die Situation geraten, dass ich etwas Exotisches auf Video mitbringe. Mir war wichtig, sozusagen für Westler gut abgehangene fremde Länder zu bereisen. Also wenn Exotik durchbrechen sollte, was sie sicher tut, soll sie eher als etwas unspezifisch Fremdes erscheinen – beziehungsweise noch besser als die Konstruktion von etwas unspezifisch Fremdem durch die ­Videokamera. Außerdem gibt in der Mitte des Videos ein Break durch eine sehr lang gehaltene Einstellung – eine weitere De-Exotisierung –, für die dankenswerterweise der US-Musiker Bill Orcutt ein harsches Stück auf einer von ihm präparierten Akustikgitarre beisteuerte.

hks Man könnte diese Stipendiumsarbeit, wenn ich Sie richtig verstehe, als eine Recherche zu Techniken des Sehens in visuellen Apparaten, hier der HD-Videotechnik, bezeichnen. Können Sie dem zustimmen? Und wie würden Sie in diesem Rahmen konkret Ihren künstlerischen Prozess beschreiben?

müller Ich würde es weniger eine Recherche als vielmehr ein ­Zusammenbringen unterschiedlicher Blickarten in High Definition Video nennen. Beim Aufsuchen und Aufnehmen von Orten und ­Situation in Irland und Japan bin ich ganz konkret einer Art kompo­sitionsgierigen Faszination gefolgt. Übrigens auch was den Ton anbelangt. Consumervideo-Charakteristika wie hohe Tiefenschärfe, geringer Weitwinkel (zwei Sachverhalte, die bald schon der Vergangenheit angehören könnten) habe ich dann mit Kameraeinstellungen und Montagen kombiniert, die aus dem Film kommen. Der Ton stammt bei mir eher aus dem Field Recording-Bereich, also dem Sammeln von Natur- und Umgebungsgeräuschen. Dabei habe ich allerdings nie bewusst etwas überführt. Nur im Nachhinein kann ich mir sagen, die Wand aus Natur erinnert dich an Filme von Werner Herzog, die totale Welt des Ortes an Fritz Langs Werk, im Gegenzug die Öffnung des Raums an Filme von Roberto Rossellini, oder die Erschließung von Räumen an Kenji Mizoguchis Arbeiten. Ich erwähne diese Regisseure also nur, weil ich durch sie (aber auch durch andere) in bestimmte Blickschulen gegangen bin. Für Reisestipendiumsvideo haben sie mir in Bezug auf die Führung, Schließung und Öffnung des Blickes auf und durch Orte etwas mitgegeben. Es sei aber noch mal gesagt, dass ich diese Arbeit als ein künstlerisches Video über Reise- und Betrachtungsmodi verstehe, welches installativ präsentiert werden muss, und nicht als ein Kurzfilm in einer kinoartigen Situation. Das Kino ist nur meine Prämisse, mein Ziel jedoch sind bestimmte Blickerfahrungen in und mit High Definition Video (in einem bestimmten historischen Zeitraum).

hks Wenn es Teil Ihres Verfahrens ist, viele Fäden aufzunehmen, um die meisten davon wieder beiseite zu legen oder zu verwerfen – welche Stränge verfolgen Sie, um im Bild zu bleiben, nach dem Stipendium weiter? Gibt es Pläne für anschließende, vielleicht weiterführende Projekte?

müller Ich muss deshalb so viel verwerfen, um gerade im und am Bild bleiben zu können. Grundlegend gesprochen geht es in Reisestipendiumsvideo wie in zukünftigen Arbeiten auch darum, die ­bloße Präsenz von Videobildern hervorzuheben – und ihre Zeichenhaftigkeit zu verringern, indem ich etwa Erzählung aussperre. Eigentlich bemühe mich etwas unverstellt zu realisieren, was in einer Welt des bilderproduzierenden Konsumenten immer häufiger passiert: Es scheint mehr um ein reines Sein von Bildern als um Bilder in Bezug auf etwas zu gehen. Beispielsweise seinen Alltag für Facebook überzudokumentieren und damit nach einer Logik des Bildes sein Dasein zu ordnen, stellt für mich solch eine letztendlich abstrakte Bilderproduktion dar. Natürlich wäre es blöd zu behaupten, die Facebook-Bilder haben keine anderen Funktionen als nur eine reine Präsenz zu entfalten, aber für mich kommt da eben eine besondere Autonomie oder Realität des Bildes zum Tragen, die mich zurzeit künstlerisch beschäftigt. Mir geht es übrigens hierbei nicht um den Verlust der Wahrheit oder Echtheit von Bildern – die gab es nie im essentiellen Sinne. Jetzt hoffe ich natürlich, dass ich dieses Phänomen der Bildpräsenz in ein obskures Reiseschönes getrieben habe, welches nicht nur Modi puren Videoseins reproduziert, sondern etwa auch die atmosphärische Haltlosigkeit und versteckte Abstraktion dieser Reproduktion kenntlich macht. In einem Essay mit dem Arbeitstitel Reisestipendiumsvideoals Genre von was?werde ich mich dezidiert mit dem Faden zwischen besagter Überdokumentation bei Facebook und quasi jener in meinem Video widmen. Dieser Essay, möglicherweise auch mit Gasteinschüben durch andere, wird den Kern eines Künstlerbuches bilden. Weiterhin möchte ich diese noch sehr unscharfe Beschäftigung mit dem Phänomen sehr ausführlich in einem künstle­rischen Promotionsvorhaben verfolgen. Anhand mehrerer selbst hergestellter Videos werde ich eine Medienarchäologie über die Einführung des Konvergenzseitenverhältnisses 16:9 in den frühen 1990er Jahren betreiben. Themen sind beispielsweise „Die Stadt und 16:9“ oder „Die Nachricht und 16:9“.

Das Gespräch führte Karin Görner.

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