frühling 2008

Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser,

die Närrinnen und Narrhalesen sind schon vorüber gezogen für dieses Jahr, deren quietschbunte, schrille Ästhetik aber beschränkt sich nicht auf das Auftreten von Schwellköpfen und Pappnasen. Karnevaleske Räume finden sich in vielen Zusammenhängen, in Medienstrategien, in Religionen, in der Wissenschaft, der Kunst und Popkultur, in der Politik. Unabhängig vom zeitlich festgelegten, traditionellen Karneval bezeichnet das Karnevaleske, wie Michail M. Bachtin und andere es vorschlagen, kulturelle Praktiken mit alltäglicher, gesellschaftspolitischer Relevanz. Was also hat es auf sich mit den Spaß- und Entertainment-Veranstaltungen, die wie im Karneval mit Lust und Lachen Grenzen und Tabus überschreiten? Was macht die zahllosen TV-Dschungel-Camps, Casting-Shows und Comedy-Serien für die einen so anziehend, während andere sie als populistische Konsumentenmanipulation mit kommerziellen Verwertungsstrategien verwerfen? Eben diese massenmedial vermittelten Inszenierungen der Unterhaltungsindustrie interessieren unseren Stipendiaten Claus Richter: Er plädiert ausdrücklich für das widerständige, emanzipatorische Potential, das er in einem aktiven, spielerischen und lustvollen Umgang mit populären Kulturproduktionen sieht. Ganz ähnliche Perspektiven verfolgen die Ausstellungsprojekte, die wir Ihnen in der vorliegenden Frühjahrsausgabe unseres Newsletters empfehlen möchten: Die historischen und aktuellen Bildtechniken des japanischen Comic Strips, seit Jahren eine Konsumgüterindustrie mit riesigen Marktanteilen weltweit, beleuchten in Kooperation das Frankfurter Museum für angewandte Kunst und das Deutsche Filminstitut DIF e.V. / Deutsches Filmmuseum. Höfische Repräsentations- und Festkultur lässt sich sicherlich auch unter karnevalistischen Aspekten betrachten. Gerade feudale Souveräne als Personifizierungen der Macht befanden sich direkt im Spannungsfeld von Unterwerfung und Widerstand: Am Beispiel des von Napoleon im Königreich Westphalen eingesetzten Jérôme Bonaparte zeichnet die diesjährige Hessische Landesausstellung im Kasseler Fridericianum ein differenziertes Porträt des von den Zeitgenossen und der Geschichtsschreibung als flatterhaft und unsouverän wahrgenommenen Franzosen. Zum Abschluss möchten wir Sie gerne einladen, die köstlichen Bände aus der Gartenbibliothek von Schloss Herrenhauses zu probieren. Denn eine reiche Ananasernte in Hannover kommt uns heute ja gar nicht mehr komisch vor. Eine schöne Frühlingszeit wünscht Ihnen

Claudia Schultz
Geschäftsführerin

Abonnieren Sie den maecenas, das Magazin der Hessischen Kulturstiftung.