Superform
Fröhlich sein? Schwerlich, wenn das Smartphone wie die Nadel im Heuhaufen verloren geht oder auf Nimmerwiedersehen in den blauen Fluten landet, dann hat der Frohmut für die meisten ein schnelles Ende. Nicht so für Thomas Bayrle: Bei ihm beschreibt „Fröhlich sein!“ Haltung und Gestaltung. Der Maler, Grafiker und Maschinenweber lässt die Technikikone in „geselligen“ Wellen oder Anhäufungen aus ihresgleichen verschwinden, indem er ein Smartphone-Miniaturbild neben das andere setzt. In Reihen, teils rhythmisch gleich getaktet, teils vielrhythmisch gegeneinander verschoben, verbinden sich die touchscreenartigen Bildzellen auf der Fläche zu einer übergeordneten Form. Ihre eng zusammenspielenden Bestandteile bewirken eine „glückliche Verdichtung“. Es scheint, als würden Gewebe mit Smartphone-Musterrapport über Rundungen fließen, in denen bekannte Formen wiedererkennbar sind, etwa Monets Heuschober. Akustische Gewebe aus kollektiv produziertem Klang und Rhythmus variieren dieses für Bayrles Kunst typische Prinzip von Teil und Ganzem. Im Muster der Masse verschwindet der mitschwingende und -klingende Einzelakteur – das fröhliche Individuum in der Überfülle und kollektiven Welle. Als Analytiker der Gegenwart, seit mehr als sechzig Jahren, verortet der Künstler in dem Muster genauso die Gefährdung des Einzelnen. Heute ist das mobile Gerät der zentrale, zugleich ambivalente Bedeutungsträger im Alltag der Masse – und Bestandteil des jüngeren Werks von Thomas Bayrle.
Fröhlich sein im digitalen Ökosystem? Fraglich, wenn sich gesellige Individualität im Strom der Daten und in algorithmisch kuratierten Stimmungen zu verlieren droht. Wenn Bayrles Smartphone-Schwärme Michelangelos Pietà formen, lässt dies wiederum an die Schmerzpunkte der jüngsten Zeit denken, die dort sind, wo Kriegseinwirkungen oder totalitäre Kontrolle lebenswichtige Informationsflüsse stören. Doch bleiben die „Superformen“ des Künstlers mit der optimistischen Gewissheit verwoben, dass Veränderung zum Positiven aus der Masse vieler einzigartiger Individuen erwächst.
- Thomas Bayrle. Fröhlich sein!
- Schirn Kunsthalle Frankfurt
- bis 10. Mai 2026
- Gabriel-Riesser-Weg 3, Frankfurt
- Telefon +49 69 299882-0
- schirn.de



