Schienenfahrt
„W.I.M.“ steht kurz für „Wenders In Motion“ – und mutet an wie die Bezeichnung eines legendären Fahrzeugs, das auf etlichen Strecken unterwegs gewesen ist. Als Wort ergibt es den Vornamen desjenigen, der über sich selbst sagt, von Hauptberuf ein „rastlos Reisender“ zu sein. W.I.M. ist den Titeln zweier Ausstellungen über den Filmemacher und Bildkünstler Wim Wenders vorangestellt – zuletzt in Bonn und aktuell in Frankfurt mit verändertem Schwerpunkt. An das Initialwort hat man für die Schau im Deutschen Filmmuseum den Filmtitel Im Lauf der Zeit angehängt – sie zeigt ein umfassendes persönliches Porträt, das sich aus einem überaus bild- und inhaltsreichen Produktionsarchiv speist. Das Setting wirft die Frage nach dem Anfang und Antrieb jener Bewegung auf, in der der Reisende sich sieht: Wann setzte er sich auf der filmischen Schiene in Bewegung, die ihn zum Beruf des Regisseurs brachte – und wie wurde er zum Erzähler, der auf nach Drehbuch erzählte Geschichten am liebsten verzichtet?
Am Anfang war das für sich stehende, statische Bild, tableauhaft: der Fensterblick des filmenden Zwölfjährigen, das Landschaftsporträt des Aquarellmalers, schließlich die Einstellung mit unbewegter Kamera des Filmstudenten; als dieses Bild entgleiste, weil sich eine Irritation einschob, wurde aus der unerwarteten Veränderung ein Erzählen, das seither ein chronologisches Erzählen ist. So geschehen im Sommer 1968 in Wenders’ erstem Kurzfilm Silver City: Eine lange Einstellung zeigt einen verwaisten Provinzbahnhof mit fluchtenden Eisenbahnschienen. Mit einer „winzigen ‚Aktion‘, ein Mann überquert kurz vor einer Zugdurchfahrt die Bahngleise, fängt urplötzlich eine ‚Geschichte‘ an. Was ist los mit dem Mann (…)? Die Ruhe der ‚Landschaft mit dem Zug‘ war gestört. Ich glaube, genau in diesem Augenblick begann ich, ein Erzähler zu werden.“ Der Kippmoment vom Bild zum Erzählen in Bildern, auch in akustischen der Musik, hat Wenders’ Filmschaffen geprägt.
Eine Geschichte beginnt mit einem Bild, das er von einem Ort hat und aus dem eine Anfangsszene entsteht, von der aus es weitergeht. Seine Arbeitsweise spiegelt sich in den Filmgeschichten wider, die ihr Ende nicht eingeschrieben haben, sondern es suchen, indem sie das Erzählen einbeziehen. Erzählen nach Wenders’ Art heißt, beim Erzählen und mit der Intuition der Schauspieler:innen herauszufinden, wie sich eine Geschichte fortentwickelt – es heißt auch, sich auf die unbekannte Strecke zu begeben, auf der Erfahrung möglich wird. W.I.M. hat, um es mit Wenders zu sagen, „andere treibende Kräfte als Plot“: das wechselnde Ortserlebnis, die Erfahrung von Fremde, das intensive Schauen. Der Motor, der ihn antreibt, ist das Reisen als filmische Suche und Erkundung, das Abenteuer, sich der Wirklichkeit auszusetzen. Dabei fährt er auf Sicht: sehen, was vor ihm liegt oder geschieht, mögliche andere Routen nehmen sowie dem spontanen Einfall folgen, Szene um Szene vortasten. Ein Wenders-Film wie Im Lauf der Zeit wächst und findet seine Geschichte während des Drehens. „Filmgeschichten“, sagt er, „sind deshalb so etwas wie Reiserouten“ – mit Ausgangsstationen, aber ungewissen Zielen. Sie erzählen von Suchenden, die, unbekannten Situationen ausgesetzt, in Zügen oder auf endlosen Straßen von einer Station zur nächsten weiterziehen, weil sie auf dem Weg „zum Verständnis von etwas“ sind. In den Reisen der Filmfiguren bildet sich vieles von dem persönlichen Antrieb des Erzählers Wim Wenders ab. Offene Enden sind Teil seiner Filmgeschichten, im letzten Bild bleibt meist ein Rest von Ungewissheit, der die Figuren in der fortdauernden Reisebewegung zurücklässt.
Wim Wenders’ Werklandschaft, in beinahe 60 Jahren produktiver Unrast entstanden, lädt zur Erkundung ins Deutsche Filminstitut und Filmmuseum Frankfurt ein.
- W.I.M. Im Lauf der Zeit
- Eine Wim Wenders Ausstellung
- DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum Frankfurt
- bis 18. Oktober 2026
- Schaumainkai 41, Frankfurt am Main
- Telefon +49 69 961 220-0
- dff.film






