© Johannes Büttner, VG Bild-Kunst, Bonn, 2026, Foto: Frank Sperling
Johannes Büttner: MedBed, 2024 ©
© Johannes Büttner, VG Bild-Kunst, Bonn, 2026, Foto: Danijel Sijakovic
Johannes Büttner: Higher, 2021 / Potential, 2021, Installationsansicht Theoretisch geht’s mir gut, Kunsthalle Mainz, 2021 ©
© Johannes Büttner, VG Bild-Kunst, Bonn, 2026 / © Steffen Köhn, VG Bild-Kunst, Bonn, 2026, Foto: Phil Dera
Johannes Büttner mit Steffen Köhn, Platform, 2022, Installationsansicht Flexploitation, Literaturhaus Berlin, 2022 ©
© Johannes Büttner, VG Bild-Kunst, Bonn, 2026, Foto: Janis Uffrecht
Johannes Büttner, L’État, c’est moi, 2024–26, Installationsansicht Dissolutions, Kunstraum Mitte, Berlin, 2026 ©



Stipendiat
Johannes Büttner

Johannes Büttner (*1985, Frankfurt am Main) widmet sich in Filmen, performativen Formaten, Skulpturen und Installationen der Erforschung prekärer materieller und soziokultureller Realitäten. Er untersucht, wie Wert erzeugt und das Konzept von Arbeit durch Technologisierung und Digitalisierung transformiert wird, und fragt, wie sich neue Formen des Arbeitens mit neoliberaler Ideologie, der Verbreitung von Verschwörungsnarrativen, autoritären Kräften und utopischen Entwürfen verschränken. Auch interessiert ihn, wie sich emanzipatorische Gegengemeinschaften innerhalb dieser Formationen herausbilden. 

Büttner nahm unter anderem an Ausstellungen im Kunstraum Mitte, Berlin (2026), im K21, Düsseldorf (2026), im KW Institute for Contemporary Art, Berlin (2023), im Literaturhaus Berlin (2022), in der Kunsthalle Mainz (2021), in A Tale of A Tube, Rotterdam (2020) und am Dok.fest München (2025) sowie an der 16. Biennale Istanbul (2019) teil. Er wurde mit einem Arbeitsstipendium der Stiftung Kulturfonds (2022/23) sowie mit dem Residenzstipendium Los Angeles, Günsterode (2023) ausgezeichnet.

Mit einem Stipendium der Hessischen Kulturstiftung reiste er 2023/24 nach Serbien und Kroatien, um den libertären, selbst proklamierten Mikrostaat ‚Liberland‘ zu erforschen, außerdem nach Kenia, wo er zwei Bitcoin-Aktivisten begleitete, die in der Kryptowährung ein Mittel sehen, bestehende Finanzsysteme zu umgehen und neu zu organisieren. 

 

Hessische Kulturstiftung (HKST) Diesen Juni erscheint Deine Publikation Knowledge, die zentrale Arbeiten der letzten Jahre vorstellt, im Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König. Eingangs beschreibst Du darin Deine künstlerische Praxis als eine Art Reise ohne Karte. Inwiefern lässt Du Dich bei Deiner Beschäftigung mit oft hochkomplexen sozioökonomischen Phänomen von spontanen Begegnungen, dem Prozess, gar dem Zufall leiten? 

Johannes Büttner Zufällige Begegnungen oder solche, die sich aus inneren Dynamiken der Arbeit ergeben, sind für mich die produktivsten Momente. Gemeint sind Situationen, in denen ich mich plötzlich an Orten oder in Konstellationen wiederfinde, die aus einer Kette von Ereignissen entstanden sind und sich weder planen noch gezielt recherchieren ließen. Sie passieren eher, als dass sie Ergebnis einer Strategie oder Methode sind. Manchmal geht die Initiative auch von den Protagonist:innen meiner Projekte aus. Ich werde eher gefunden, als dass ich selbst suche. Bei den Online-Coaches, die Teil der Installation Higher Potential in der Kunsthalle Mainz (2021) wurden, war das sehr deutlich. Sie wollten etwas von mir. Über Social-Media-Ads haben sie mich angesprochen und versprochen, mein Leben zu verändern, mich zu heilen, mich zu optimieren. Diese Versprechen in dem Moment ernst zu nehmen und als eine Form utopischer Erzählung zu begreifen, interessierte mich als Ausgangspunkt für eine Arbeit. 

Bei David aus dem Film Soldaten des Lichts (2025), den ich zusammen mit Julian Vogel gemacht habe, überlagern sich solche Linien. David und ich kannten uns aus der Grundschule. Jahre später wurde er mir von einem besagter Coaches als „bester Ernährungsexperte Deutschlands“ vorgestellt. Über Social Media habe ich dann gesehen, dass er mit Verschwörungserzählungen Produkte verkauft. Parallel dazu war ich mit Julian im Austausch über libertäre und autoritäre Bewegungen. An solchen Punkten greifen unterschiedliche Bewegungen ineinander, ohne dass sie von Anfang an auf ein klares Ergebnis zulaufen.

Genau wie die unterschiedlichen Kräfte, die in die Arbeiten hineinwirken, nehmen auch ihre Ergebnisse verschiedene Formen an. Neben einer Kinoversion der Filme entstehen immer auch Installationen, in denen das Material anders angeordnet und weiterverarbeitet wird. Bei Soldaten des Lichts ist das etwa ein sogenanntes Med Bed: ein von Science-Fiction inspiriertes para-medizinisches Gerät, das die AGBs der Heiler aus dem Film singt.

HKST Aus Deiner Antwort geht bereits hervor, dass viele Deiner Projekte aus Kollaborationen mit Menschen außerhalb der Kunstwelt entstehen. Was interessiert Dich mehr: die Persönlichkeiten dieser Menschen oder deren Lebens- und Arbeitsrealität? 

Büttner Ich interessiere mich in erster Linie für die Rollen und Funktionen, die Menschen in ihren jeweiligen Zusammenhängen einnehmen und performen. Oft hängt das eng mit ihrer Arbeit zusammen. Mich interessiert also, wie jemand als Arbeiter:in, Unternehmer:in, Prediger:in oder Coach handelt, und die Produkte die dabei entstehen, weniger das psychologische Innenleben oder eine lineare Biografie dieser Person.

HKST Was genau reizt Dich an der Beschäftigung mit Arbeit?

Büttner Arbeit interessiert mich, weil sie nicht nur etwas ist, das wir tun, sondern etwas, das uns formt. Sie organisiert Zeit, Körper und Aufmerksamkeit. Die Art, wie wir arbeiten, schreibt sich in unsere Wahrnehmung ein, in unsere Beziehungen, in unsere Wünsche. Sie hinterlässt Spuren, nicht nur in Infrastrukturen und Waren, sondern auch in unseren Seelen und dem, was wir für möglich halten. Mich interessiert weniger das einzelne Arbeitsfeld als diese Durchdringung. Also wie sich bestimmte Vorstellungen von Effizienz, Wachstum oder Selbstoptimierung in sehr unterschiedlichen Kontexten wiederfinden und dort manchmal gar nicht mehr als solche erkennbar sind.

Künstlerisch zu arbeiten ist davon nicht getrennt. Im Gegenteil, ich beobachte mich selbst in diesen Strukturen. Es ist ein privilegierter Zustand, der erlaubt, sich Zeit zu nehmen und Dinge zu verfolgen, die nicht unmittelbar verwertbar sind. Gleichzeitig ist genau das nicht unschuldig, sondern kommt auch mit einer Verantwortung. Für mich bedeutet das, mich nicht nur mit denen zu beschäftigen, deren Arbeitsrealitäten prekär oder unsichtbar sind, sondern auch mit den Orten, an denen sich Ideologien verdichten. Also dorthin zu gehen, wo bestimmte Vorstellungen von Arbeit, Wert und Leben produziert und zugespitzt werden, auch wenn das unangenehm ist. Diese Ränder sind dabei oft aufschlussreich, weil sich dort Dinge zeigen, die in der Mitte der Dominanzgesellschaft opaker sind. Aber sie sind kein Außen. Das, was dort sichtbar wird, kommt aus der Mitte selbst. Es ist eine Verschiebung, eine Zuspitzung, manchmal auch eine Entgleisung dessen, was ohnehin schon da ist.

HKST Wie Du sagst, bist Du – sind wir alle – Teil der Strukturen, auf deren Eigenheiten oder Missstände Werke von dir aufmerksam machen, nutzt diese für Deine Arbeiten sogar aktiv (aus), so etwa in der Performance Untitled (Delivery) (2017) … 

Büttner Ich mache mir während der Arbeit viele Gedanken darüber, wie ich selbst in den Systemen agiere, mit denen ich arbeite. Also nicht nur, was ich zeige, sondern wie ich darin handle. Welche Hierarchien ich reproduziere, wo Ungleichheiten entstehen und wo sie sich vielleicht verschieben lassen. Meine Arbeit steht nicht außerhalb dieser Verhältnisse, sie ist in sie verstrickt.

Bei Untitled (Delivery) habe ich Essenslieferant:innen über Liefer-Apps in den Ausstellungsraum bestellt, während ich aus dem Roman Snow Crash (1992) von Neal Stephenson vorgelesen habe. Darin wird eine Cyberpunk-Dystopie beschrieben, die unserer heutigen Welt auf unheimliche Weise verwandt erscheint. Gesellschaftliche und demokratisch legitimierte Institutionen sind privatisiert, anstelle von Polizei gibt es private Sicherheitsfirmen. Der Pizzaservice Cosa Nostra Pizza garantiert die Lieferung in 30 Minuten, erfolgt diese nicht, darf man den Lieferanten exekutieren. Für das Publikum wurde in der Performance eine Situation sichtbar, die sonst im Hintergrund bleibt. Die Lieferant:innen traten gleichzeitig als Dienstleister und als Teil einer Aufführung auf. Den entscheidenden Unterschied habe ich über die Chatfunktion hergestellt, also über genau den Kanal, über den man sonst nur Anweisungen gibt. Ich habe die Lieferant:innen dort eingeweiht, ihnen erklärt, dass es sich um eine Performance handelt, und ihnen die Möglichkeit gegeben, sich dazu zu verhalten, etwa den Raum nicht zu betreten und das Essen vor der Tür abzustellen.

Mich interessieren solche Verschiebungen. Momente, in denen sich die Logik einer Plattform kurz irritieren oder gegen ihre eigene Funktion wenden lässt. Das sind keine großen Brüche, eher kleine Eingriffe. Aber sie zeigen, dass diese Systeme nicht vollständig geschlossen sind. Die Idee, Plattformlogiken zu hacken und die in ihnen eingeschriebenen Machtverhältnisse kurzfristig auszusetzen, haben Steffen Köhn und ich später im Film Platform (2022), der aus der Performance hervorgegangen ist, weitergeführt.

Ich habe kein Interesse daran, mein eigenes Handeln als moralisch überlegen darzustellen. Eher daran, Situationen zu erzeugen, in denen diese Fragen überhaupt auftauchen. Das Publikum ist darin nicht entlastet. Es muss sich selbst verorten. Manche Menschen reagieren darauf mit Widerstand oder
Ärger. 

HKST In der Videoinstallation L’État c’est moi (2026) gibst Du Einblick in den zwischen Serbien und Kroatien gelegenen libertären Pseudo-Staat ‚Liberland‘, den Du während Deines Reisestipendiums besucht hast. Wie auch in Soldaten des Lichts*, wo Du Akteur:innen der inzwischen verbotenen Reichsbürgersekte ‚Königreich Deutschland‘ begleitest, lässt Du die Beteiligten ohne Kontextualisierung aus dem Off scheinbar ungefiltert zu Wort kommen, sprich ohne die vorgestellten Lesarten der Realität und Ideologien eindeutig zu bewerten. Ist das eine Strategie, um die Betrachtenden in eine Position des Mitdenkens, auch der Mitverantwortung zu bringen?

Büttner Nur weil es keinen Off-Kommentar gibt, heißt das nicht, dass die Arbeiten unkommentiert sind. Die Setzungen liegen woanders: in der Auswahl der Situationen, in der Montage, in der Dauer von Einstellungen, in dem, was gezeigt wird und was nicht. Das ist eine Form von Kommentar, die nicht erklärt, sondern anordnet und zeigt. In L’État c’est moi kommt hinzu, dass das rechts-libertäre Projekt ‚Liberland‘ mit einer regionalen Folklore-Tradition, den Busójárás, konfrontiert wird. Beide verbindet eine Form des LARP (Live Action Role Playing) – ein Spiel mit Realität, in dem politische Vorstellungen, Mythen und Identitäten performativ hergestellt werden.

Mich interessiert, was das mit den Zuschauenden macht. Sie werden nicht geführt, sondern müssen sich selbst zu dem verhalten, was sie sehen. Damit wird ihnen auch die Sicherheit entzogen, die eine erklärende und einordnende Stimme liefern würde. In diesem Moment wird sichtbar, dass Verstehen keine neutrale Tätigkeit ist, sondern immer auch eine Positionierung. Gerade bei Aussagen von Protagonist:innen, die von menschenfeindlichen, xenophoben oder misogynen Haltungen geprägt sind, entsteht daraus eine gewisse Unruhe. Die Arbeiten bieten keinen stabilen Standpunkt an, von dem aus sich eindeutig urteilen ließe, sondern fordern dazu auf, die eigene Verwicklung mitzudenken.

Mein Bedürfnis, mich zu positionieren, ist fast immer präsent. Die Frage ist eher, wann und warum ich ihm nachgebe. Oft geht es bei diesem Impuls auch um Selbstvergewisserung: zu zeigen, dass man auf der ‚richtigen‘ Seite steht. Das lässt sich gut kommunizieren und fügt sich in eine Logik ein, in der auch die eigene Haltung Teil einer Form von Selbstver­marktung wird. Mich interessiert eher, was passiert, wenn man diese Geste zurückhält. Wenn man sich nicht sofort verständlich macht, sondern die Situation offenlässt.

HKST Würdest Du Deine Arbeit im Allgemeinen als politisch bezeichnen oder eher als Analyse politischer, gesellschaftlicher oder ökonomischer Formen und Ideologien? 

Büttner Meine Arbeit ist politisch, weil sie sich mit den Bedingungen beschäftigt, unter denen gesellschaftliche Wirklichkeit hergestellt wird: mit Arbeit, Wert, Ideologie und den Strukturen, die sie tragen. Ein Wirtschaftssystem, das auf Konkurrenz und permanentes Wachstum ausgerichtet ist, produziert notwendigerweise Ausbeutung von Menschen, Tieren und den ökologischen Grundlagen des Lebens, aber auch von sozialen Beziehungen und Formen von Subjektivität, die genau diese Verhältnisse hervorbringen und stabilisieren. Sich mit diesen Verhältnissen zu beschäftigen, heißt nicht nur, sie zu kritisieren, sondern auch nach möglichen Brüchen zu suchen.

Das ist kein Außenstandpunkt. Ich arbeite innerhalb dieser Verhältnisse und bin Teil davon.

Bei Screenings werde ich oft gefragt, was man der Verbreitung von Verschwörungserzählungen und dem Erstarken der Rechten entgegensetzen kann. Mich interessiert daran weniger, den einzelnen Inhalten zu widersprechen als die Bedingungen aufzuzeigen, die solche Erzählungen hervorbringen und stabilisieren.

Vor diesem Hintergrund greifen Forderungen nach punktuellen Korrekturen zu kurz. Die Vergesellschaftung von Wohnraum und von lebensnotwendigen Gütern zum Bespiel ist ein wichtiger Schritt, aber nicht ausreichend. Wenn man die strukturellen Machtverhältnisse ernst nimmt, stellt sich auch die Frage nach Eigentum und Kontrolle zentraler Infrastrukturen, insbesondere großer Tech-Unternehmen, sowie nach der extremen Konzentration von Reichtum. In letzter Konsequenz berührt das auch Fragen von Enteignung und Umverteilung, nicht als moralische Geste, sondern als strukturelle Notwendigkeit. Es geht darum, die Grundlagen dieser Ordnung nicht nur zu regulieren, sondern radikal zu verändern.

*Soldaten des Lichts ist in der ZDF-Mediathek verfügbar.