© Freies Deutsches Hochstift / Frankfurter Goethe-Haus, Foto: Alexander P. Englert

Clemens Brentano: Aufzeichnungen zu Anna Katharina Emmerick

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allzu kleine kammer

„Was? Das haben Sie gesehen und sitzen hier noch und essen?“, entfährt es Clemens Brentano (1778–1842) bei einer Soupergesellschaft, als er 1816 erstmals von den seltsamen Erscheinungen im Krankenfall der Anna Katharina Emmerick (1774–1824) hört. Sie soll die Wundmale Christi tragen, Visionen empfangen und im westfälischen Dülmen in einer Kammer über der Kegelbahn einer Gaststätte seit Jahren in völliger Nahrungslosigkeit daniederliegen. Über allem schwebt der Verdacht des religiösen Betrugs. Untersuchungen werden von konfessionellen Konfliktparteien angestellt, von Staat und Kirche. Bis Brentano vom Tisch des Berliner Intellektuellenkreises selbst ans Bett der Stigmatisierten wechselt, wo er bis zu ihrem Tod fast sechs Jahre verbringen wird, lässt er jedoch mehr als eine viertel Dekade verstreichen. 

Er, ein bis dahin mäßig erfolgreicher, aber in christlich-patriotischen Zirkeln vorzüglich vernetzter Literat, von der Liebe verlassen, in einer Lebens- und Schaffenskrise auf der Sinnsuche sowie mit einem starken Hang zum Katholizismus. – Sie, eine zeitlebens arme, nicht überall wohlgelittene kränkliche Frau, von Kind an vom Drang bestimmt, ins Kloster zu gehen, als Wandernäherin verdingt und zuletzt – als exklaustrierte Nonne – vom biblischen Heilsgeschehen durchdrungen. Zwei, denen der eigentliche Halt im Leben fehlt, verbinden sich im Ideal eines Heiligen gemäßen Lebens zur Schicksals- und Zweckgemeinschaft. In den Jahren am Bett der Nonne, in denen er ihr Leben und ihre alt- wie neutestamentlichen Visionen – von ihm evoziert – aufzeichnet, findet er zu seiner Lebensaufgabe. Aus den Protokollen werden 16 000 Seiten. Das perfekte Match zwischen „Seherin“ und „Schreiber“ oder „Pilger“, wie Brentano sich selbst bezeichnet, und Sehnsuchtsort in der Gestalt Emmericks. Ihr sagt man die Ambition zur Heiligen nach – ihm den Propagandisten im Dienst eines mystischen Katholizismus. Die Dülmener „Nachtigall“ wird zu seinem Instrument für eine Resakralisierung der Welt. Mit ihrer Stimme will er ein christliches „Weltepos“ realisieren, darin ihre Heiligenvita und das Leben Jesu im Zentrum, und mit diesem „wunderbarsten, umfassendsten, ergreifendsten“ Werk seinem weltlichen Dichtertum entsagen. Allzu kleine Kammer – unterm gewaltigen Dach eines romantischen katholischen Programms. 

Manches an dieser Wundergeschichte kann man fragwürdig, exaltiert oder komisch finden. Sie muss nicht verklärend erzählt werden. Dessen ungeachtet sind die Emmerick-Aufzeichnungen als Quellen ernst zu nehmen. Insbesondere da sie keine authentischen, wörtlichen Quellen sind. Die Stimme der visionären Erzählerin ist die poetische Fiktion des wort­gewaltigen Dichters – eines der wichtigsten Autoren der deutschen literarischen Romantik. Die Verbindung von Dokumentation und andererseits dichterischer Ausgestaltung und „Kontamination“, welche die Quellen einzigartig macht – es wurden etwa Werke frühneuzeitlicher Mystiker kompiliert –, stößt aktuell auf besonderes Interesse der literaturwissenschaftlichen und kulturgeschichtlichen Forschung. Von außerordentlichem Wert sind die Aufzeichnungen auch für die Theolo­gie sowie die Kirchen- und Profangeschichte. Das Material – von Brentanos Hand jahrelang umgeordnet, ergänzt, zerschnitten, neu zusammengesetzt, mit Illustrationen versehen, mit Vorlagen vermischt, empfindbar gemacht und prozesshaft offen – präfiguriert das große religiöse Kunstgedicht, ein Romantikerideal. Damit geht das Material über ein reines Arbeitsarchiv des Dichters hinaus. Als Komplex von herausragender Bedeutung für disziplinäre Forschungen, der sich aus zwei Teilkonvoluten und etlichen Tausend Blatt zusammensetzt, konnten die Emmerick-Aufzeichnungen für das Handschriftenarchiv des Freien Deutschen Hochstifts erworben werden. Eine Auswahl der Aufzeichnungen ist im benachbarten Deutschen Romantik-Museum zu sehen.

  • Freies Deutsches Hochstift | Deutsches Romantik-Museum
  • Erwerbung: Notate von Clemens Brentano zu Anna Katharina Emmerick
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