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editorial

Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser,

wer lehrt uns eigentlich das Leben? Die Eltern, die Schule, Religion, bedeutsame Vorbilder oder unser Gegenüber? Das Leben selbst – sagen manche –, dessen nicht zu überblickendes Curriculum sich uns beschränkten Wesen gelegentlich mit einer einfach gestrickten Formel präsentiert: hinfallen – aufstehen – weitermachen. Hefte raus, wir schreiben eine Arbeit!

Zurzeit erhalten wir eine Lektion in Fragen gesellschaftlicher Solidarität und Umsicht, der Globalisierung – immer noch – und ihrer Folgen. Es wird sich zeigen, wie unser Zeugnis am Ende ausfällt.

Kultur und Kunst sind, trotz aller Emotionen, die sie hervorrufen können, gnädigere Lehrmeisterinnen als das Leben. Sie eröffnen Räume für Erfahrungen, für Reflexion, Empathie und Kritik. Sie lenken nicht vom Leben ab, sie bereiten uns darauf vor, helfen uns zu verstehen, machen uns widerständig, lassen uns teilhaben – und können dabei ungemein unterhaltsam sein.
Momentan sind die Kulturbranche und ihre Akteure – wie manche andere auch – durch die Corona-Pandemie in ihrer Existenz gefährdet, und ich kann nur hoffen, dass wir unsere Lektion lernen. Ich möchte mich gern bei allen Künstlerinnen und Musikern, darstellenden Künstlern und Autorinnen, den Filmschaffenden und ihren Teams bedanken. Wir freuen uns, dass wir für das Land Hessen Stipendien an Sie vergeben durften, und hoffen, dass Sie damit Ihre wichtige Arbeit weiterführen können.

Ein Lehrmeister war auch Fritz Winter, der ab Mitte der 1950er Jahre an der damaligen Werkakademie in Kassel seine Schüler nach den Prinzipien des Bauhauses unterrichtete. Fritz Winters Kasseler Jahre stehen auch im Fokus einer Ausstellung in der dortigen Neuen Galerie: Fritz Winter. documenta-Künstler der ersten Stunde. Graf Franz I. zu Erbach-Erbach zog gegen Ende des 18. Jahrhunderts seine Lehren ganz nach den Maßgaben der Zeit aus antiken Vasenbildern, die ihm als Vorbild für die Gestaltung seiner eigenen Lebenswelt dienten. Zwei dieser Vasen kehren nun glücklich nach Schloss Erbach zurück. Rom war für lange Zeit die Lehrmeisterin der Künstler. Einen Blick in das Schuljahr 1810 gewährt uns das Künstlerstammbuch der Familie Blanckenhagen, das die Hessische Kulturstiftung gemeinsam mit der Kulturstiftung der Länder für die Graphische Sammlung in Kassel erwerben konnte.

Im Interview berichtet unsere Stipendiatin Bianca Baldi von falschen Lehren, die struktureller und offener Rassismus den Individuen einer Gesellschaft mitgibt. Mit ihrem Reisestipendium besuchte sie Marseille und Addis Abeba und forschte dort zu dem soziologischen Phänomen des „Passing“ – dem Verbergen der eigenen sozialen Identität.

Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre

Eva Claudia Scholtz
Geschäftsführerin der Hessischen Kulturstiftung

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