Béla Feldberg: Downtown, 2023 

Béla Feldberg: shock in Utopia, New York City, 2023/24

Béla Feldberg: shock in Utopia, New York City, 2024

 

Béla Feldberg: This is my happy house – I’m happy here, Medium Rare (Städelschule Absolventenausstellung),  Frankfurt am Main 2022



Stipendiat Béla Feldberg

Béla Feldberg wurde 1992 in Frankfurt geboren. 2022 schloss er sein Studium an der Städelschule als Meisterschüler von Tobias Rehberger und Cyprien Gaillard ab. Ausgangspunkt seiner Arbeit sind Konflikte im urbanen Raum. Er schließt in
seine Beobachtungen immer die Reflexion von Identität und Teilhabe am sozialen Konstrukt Stadt ein. Feldbergs Arbeit umfasst Installation, Fotografie und Skulptur, in denen Referenzen zu Architektur, Pop-Kultur und zur eigenen Biografie auftauchen.

Pujan Karambeigi promoviert im Fach Kunstgeschichte an der Columbia University, New York. Seine Forschung konzentriert sich auf die Bürokratisierung von Malerei in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Er hat die Zeitschrift Downtown Critic mitgegründet und publiziert unter anderem in Texte zur Kunst, Artforum, Art in America und Mousse.

 

Pujan Karambeigi Teil deiner Ausstellung 2022 im 1822-Forum war die Publikation Notes. Als Leser wird man mit grobkörnigen Fotografien konfrontiert, die ein menschenleeres, abgeriegeltes, leerstehendes, von Löchern durchsetztes Frankfurt zeigen, dessen einzige Bewohner scheinbar Tauben sind. Die Schlösser- und Kettenmotive wirken hier manchmal ironisch. Andere Fotografien sind trostlos, vor allem die verbarrikadierten Häuser oder die Stacheln zur Taubenabwehr. Hie und da sind die ganzseitigen Fotografien flankiert von einer kurzen persönlichen Erinnerung. Kannst du etwas zu diesem Umgang mit Frankfurt erzählen?

Béla Feldberg Für die Fotos bin ich Routen abgelaufen, zu denen ich einen bestimmten Bezug hatte, denn ich bin in Frankfurt aufgewachsen. Bestimmte Orte wiederzusehen, erlaubte mir zu verstehen, wie sich das Stadtbild verändert hat. Meine Kindheit beispielsweise habe ich vor allem im Frankfurter Osten verbracht. Seit der Eröffnung der Europäischen Zentralbank 2015 hat sich diese Gegend radikal verändert. Das Fotografieren half mir zu verstehen, wie diese Orte mich geprägt haben. Dabei ließ sich eine gewisse Sentimentalität und auch Nostalgie in der Bildsprache nicht vermeiden. Mir geht es um die verschiedenen Gefühlszustände, die zwischen mir als Individuum und einer Großstadt entstehen, und wie sich das auf den Zuschauenden übertragen lässt. Dazu kam der sehr grob gerasterte Druck, der die Motive auf das wirklich Wesentliche reduziert hat. Deren zeitliche Einordnung ist schwieriger.

Karambeigi Du kamst mit einem Stipendium der Hessischen Kulturstiftung in New York an, ohne dort jemals länger Zeit verbracht zu haben. Wie hast du dir diese fremde Metropole zu eigen gemacht?

Feldberg Ich habe angefangen, mir weite Teile der Stadt zu Fuß zu erschließen. Dafür habe ich meistens einen bestimmten Startpunkt ausgesucht, wie ein Gebäude, eine Gegend oder eine öffentliche Skulptur. Von diesem ausgehend habe ich mich dann treiben lassen. Also, beobachten, rumlaufen und wieder fotografische Notizen machen.

Gleichzeitig habe ich mich mit der Geschichte der Stadt beschäftigt, um das Gesehene besser einordnen zu können. Beispielsweise mit Robert Moses’ Idee von New York und der von Jane Jacobs angeführten Gegenbewegung zu seiner Stadt­planung. Und dann habe ich viele Filme nochmals geschaut, in denen es irgendwie um New York geht, weil man diese Stadt ja auf eine ganz merkwürdige Weise schon kennt, bevor man jemals dort war. Also, der erste Schritt bestand darin, meine Illusion dieser Stadt mit ihrer Realität abzugleichen. 

Meine fotografischen Notizen helfen mir dabei. Ich fange meist intuitiv mit Momenten im Stadtbild an, weil sie etwas beinhalten, das ich schon einmal gesehen habe. Das entsteht auch so ein bisschen aus der Panik heraus, etwas zu verpassen. Zu Beginn bleiben diese Notizen relativ ungeordnet, und ich sammle so viele Eindrücke wie möglich. Zu einem späteren Zeitpunkt, wenn ich eine Publikation oder Ausstellung mache, kehre ich zu dem Archiv dieser Notizen zurück. Die Fotos verändern sich in diesem Prozess, indem sie dann für einen größeren Ideenkomplex einstehen. Die Zeit und Distanz helfen mir, das Impulshafte im Nachhinein zu verstehen.

Karambeigi Vor deiner Abreise hast du eine Serie von Drucken gezeigt, die sich mit der Frage der Perspektive beschäftigen. Der urbane Raum ist aus der Vogelperspektive zu sehen, so als würde man mit einem Hubschrauber hinwegschweben, wobei du das Straßenraster der A4-Vorlagen sichtbar machst. Das Ganze hat eine sehr starke zeichnerische Qualität und spielt mit der Frage des Maßstabs. In New York hast du diese Arbeiten fortgesetzt, allerdings jetzt mit einem leichten Grünstich. Kannst du ein bisschen etwas zu dieser Arbeit erzählen und wie die Übertragung der Vorgehensweise von Frankfurt auf New York funktioniert hat? 

Feldberg Vor meiner Abreise habe ich viel auf 35-mm-Filme in Schwarz-Weiß fotografiert. Durch das Transferdruckverfahren, das sehr verlustbehaftet ist, entsteht eine gewisse Abstraktion. Durch diese Arbeitsweise wird es schwieriger, das Motiv zeitlich einzuordnen.

Seitdem ich in New York angekommen bin, habe ich angefangen, komplett digital und in Farbe zu arbeiten, auch um so meine Perspektive auf die Gegenwart abzubilden. Natürlich ist mein Bild von New York durch das Studium von Medien und Popkultur trotzdem „vorbelastet“. Die in New York entstandenen Drucke versuchen, dieser Verzerrung nachzugehen.

Die Perspektive des „Schrägluftbilds“ kenne ich vor allem aus dem Kontext der Architektur. Es geht darum, das Gebäude in seinem urbanen Umfeld und von möglichst vielen Seiten gleichzeitig zu zeigen. Ich habe die Regeln nicht immer ganz stur befolgt, doch ich fand den Betrachtungswinkel in Kombination mit dem relativ statischen Druckverfahren interessant. Mich interessieren die Komposition und die Tiefe, die dabei entstehen, auch, weil es mir erlaubt, das „Raus-und Reinzoomen“ abzubilden. Das Aufbrechen der Dimensionen einer Vogelperspektive zur Nahaufnahme kann so etwas Modellhaftes erzeugen. Diese Maßstabsverschiebung ist auch ein Aspekt, der in meinen skulpturalen Arbeiten eine wichtige Rolle spielt.

Karambeigi In deiner Arbeit funktionieren Objekte häufig als Indizien von Geschichte und ihren Konflikten. Gleichzeitig hast du in New York viel mit vorgefundenen Materialien gearbeitet. Kannst du beschreiben, wie du Objekte auswählst, wonach du suchst, was dich anzieht?

Feldberg Teilweise sind es klassische skulpturale Qualitäten, die mich an diesen Materialien interessieren. Andererseits spielen Assoziationsketten eine wichtige Rolle. Eine Klimaanlage kann für die Verbindung von Innen- und Außenraum stehen. Man kann an ihr aber auch kulturelle Unterschiede zwischen Europa und Amerika ablesen. Es gibt manchmal auch einfache Objekte, die ich so ähnlich wie bei meinen fotografischen Notizen sammle. Wenn dieses klein genug ist, nehme ich es. Wenn es zu groß ist, fotografiere ich es. 

Dazu kommt auch der Aspekt, dass die Straßen von New York eine unendliche Materialquelle darstellen. Durch die Verwendung dieser Materialien wie Acrylglas, Sperrholz und Metall werden die daraus entstehenden Arbeiten automatisch zu einer Art Porträt der Stadt.

Ausgangspunkte für eine Serie von neuen Skulpturen waren statische Objekte im Stadtbild, welche die Bewegung von Menschen lenken. Mich interessiert diese ganz merkwürdige Interaktion zwischen Passivität und Aktivität, Statik und Dynamik, physischem Material und menschlicher Energie. Und auch wenn man diese Objekte aus anderen Städten kennt, gibt es starke Unterschiede in ihrer Gestaltung. Gerade im Financial District werden diese Objekte raffiniert platziert, sodass sie mit ihrem modernen oder postmodernen Design kaum ins Auge springen.

Karambeigi Nach knapp einem Jahr in New York: Was denkst du, wirst du am meisten vermissen, wenn du wieder in Deutschland bist?

Feldberg Das Gefühl, in einer Stadt zu sein, die ihrem eigenen Chaos sehr gelassen gegenübersteht. Also, es ist klar, dass sich die Dynamik der Stadt nicht in eine klare Ordnung bringen lässt. Ein kontrolliertes Chaos.