© Charles Ray, Courtesy Matthew Marks Gallery

Charles Ray: Return To The One, 2020, handgemachtes Papier, 151 × 160 × 141 cm

©



Oberflächen

Die Kulturgeschichte des Edelstahls ist beherrscht von Alltags- und Gebrauchsgegenständen, in denen sich eine spezifische Ästhetik des modernen, industriellen état d’esprit zeigt. Die Oberfläche dieses Zeitgeistes spiegelt – und verzerrt zugleich; für Walter Benjamin ist sie das Sinnbild von Kunst als Ware. Nicht nur in der Materialwahl, sondern auch in den damit verbundenen Produktionsmethoden verweisen Charles Rays ikonische Edelstahl-Skulpturen auf eine oberflächengeprägte Vergangenheit und Gegenwart und halten gleichzeitig den – verzerrenden – Spiegel vor. Die Plastiken sind technisch produziert, aber nicht reproduzierbar, ihre Motive verweisen auf antike Bildwelten, aber sind im Alltäglichen verankert. Für seine erste Einzelausstellung in Deutschland im Kasseler Fridericianum nutzt der Künstler die spiegelnde Oberfläche auch für eine Reflexion seiner eigenen Arbeit an einem Ort, an dem er schon 1992 auf der documenta seine Spuren hinterlassen durfte. Der industrielle Edelstahl, die Legierung eines optimierungsgetriebenen Kapitalismus, spiegelt die introspektive Orgie einer Selbstliebe als Glasfaserabguss, den authentischsten Moment menschlich entfesselter Natürlichkeit. Dazwischen steht der Betrachtende, der – ob er will oder nicht – eine Komponente von Charles Rays plastischen Werken ist. Blickt er in die eine Richtung, sieht er sich selbst, als verzerrtes Abbild einer spätkapitalistischen Konditionierung. Blickt er in die andere Richtung, entdeckt er das Freud’sche Begehren als Zufluchtsort. Die Leerstellen im Ausstellungsraum des Fridericianum öffnen sich als Erfahrungsräume für die Besucher:innen, die mit ihrer eigenen Positionierung das sich im stetigen Wandel befindende Werk Charles Rays komplettieren und sich ihren eigenen Reflexionsgedanken hingeben können.

  • Charles Ray
  • Fridericianum Kassel
  • bis 3. Januar 2027
  • Friedrichplatz 18, Kassel
  • Telefon +49 561 70727-20
  • fridericianum.org