Stipendiat Deniz Eroglu: Foto 2019 © Deniz Eroglu
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Stipendiat Deniz Eroglu: Foto 2019 © Deniz Eroglu
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stipendiat deniz eroglu

Wie definieren sich kulturelle und gesellschaftliche Identitäten, wo werden sie in einer Gesellschaft verortet und welche Formen und Rituale bilden sie aus? Deniz Eroglus biografische Erfahrungen, die Auseinandersetzung mit seinen kulturellen Wurzeln und Alltagsbeobachtungen dienen dem Künstler als Ausgangspunkt für die Entwicklung seines künstlerischen Werks. Eroglu bedient sich bei seinen Betrachungen der ästhetischen Strategien des Flaneurs oder des teilnehmenden Beobachters, die zwischen äußeren Eindrücken, innerer Gestimmtheit und Zufall oszillieren.

Konsequenterweise widmet er seine künstlerischen Arbeiten Alltagssituationen und Menschen abseits des öffentlichen Interesses, seien es etwa Dönerverkäufer, exzentrische Einsiedler in den USA oder Bettlägrige in Dänemark, die er in einer atmosphärischen und konzentrierten Bildsprache in Film, Video, Skulptur und Rauminstallation inszeniert.

Eroglu wurde 1981 als Sohn einer Dänin und eines Immigranten aus der Türkei geboren. Nach seinem Abschluss an der Funen Kunstakademie in Odense beendete der Künstler 2014 sein Studium als Meisterschüler in der Filmklasse von Douglas Gordon­­ an der Frankfurter Städelschule.

Der Filmemacher arbeitet mit Totalaufnahmen von Menschen in ihrer alltäglichen, teils intimen Umgebung, wenigen Schauplatzwechseln, einer reduzierten Handlung. Er dreht sowohl mit Schauspielern, als auch mit Laien und verwendet dabei unterschiedliche Bildästhetiken vom Dokumentarfilm über experimentelle Videofilme oder Fernseh- und Spielfilmformate.

Auf seiner Reise durch zentralasiatische Länder folgte Deniz Eroglu den Spuren des osmanischen Reiches und untersuchte auch den gegenwärtigen Einfluss der Türkei in der Region.

Hier schildert er seine Eindrücke, ergänzt um Momentaufnahmen; das gesammelte Material verwendet Eroglu für sein neues Filmprojekt The Shipwrecked Triptych.


querfeldein

Vor etwa dreizehn Jahren, als ich noch in Dänemark lebte, sah ich in einer Fernsehsendung einen Dichter. Er sprach davon, wie gerne er die Welt heimlich beobachtet. An einem Morgen einige Monate später, ich überquerte gerade eine belebte Straße in Kopenhagen, fiel mir eben jener Dichter auf. Er stand halb versteckt in einer Türöffnung; wie ein typischer Flaneur. Er blieb dort stehen und beobachtete den vorbeirauschenden Menschenstrom der Rushhour mit durchdringenden Augen. Ich begriff plötzlich, dass er auf der Suche nach etwas war, das über die rein physische Gestalt der Straße, der Gesichter, der Autos, der Laternenpfähle hinausginge. Im Weitergehen fragte ich mich, was er sich wohl davon erhofft hatte.

Ich denke, die meisten von uns kennen das Gefühl extrem beschäftigt zu sein. Wir sind alle schon mal die Straße entlanggehastet wie die Menschen an jenem Morgen. Es herrscht ein hoher gesellschaftlicher Druck, jederzeit beschäftigt und produktiv sein zu müssen. Aber an was genau können sich diese geschäftigen Menschen von eben jenem Morgen erinnern? Ich glaube, die wenigsten Menschen gehen mit der Absicht auf die Straße, sich nach etwas Unbegreiflichem umzusehen. Das würde man als eine sinnlose Bummelei betrachten. Es gibt wohl Nebensächlichkeiten im Leben, die man allgemein als unbedeutend oder sogar überflüssig betrachtet. Es gibt sie aber doch, die Menschen, die gerade auf diese alltäglichen Kleinigkeiten ihr Augenmerk legen, man muss nur genauer hinsehen, sonst bemerkt man sie nicht.

Das alles wurde mir klar, als ich den Blick des Dichters auf der Straße sah. Ich wurde langsamer und begann über das Verhältnis unserer Vorurteile zu unserer Wertschätzung nachzudenken – denn das, was allgemein als unwichtig gilt, ist vielleicht weniger banal als man manchmal annimmt. Das ist zu einem Leitgedanken in Bezug auf meine künstlerischen Beschäftigung geworden. Dabei ist das Reisen für meine Arbeit essenziell. Sich selbst aus der vertrauten Umgebung und den täglichen Routinen zu reißen kann unsere Fähigkeit steigern, unser Gegenüber zu beobachten und im Anderen bemerkenswerte Eigenheiten zu erkennen, die ihm und seinem Umfeld verborgen bleiben.

Mit meiner Reise nach Zentralasien nahm ich mir vor, meine Vorstellungen über die türkische Kultur aber vor allem die Kultur der Turkvölker zu erweitern. Damit beziehe ich mich auf ältere kulturelle Überbleibsel, die in der Region vor und während der Bildung des Osmanischen Reichs (1299 n. Chr. bis zur Gründung der türkischen Republik im Jahr 1923) vorherrschten, aber seither verblasst sind wie die der nomadischen Stämme der Oghusen.

Die Türkei erscheint heute – nach fast einem Jahrhundert voller kultureller, ethischer Säuberungen und kriegerischer Auseinandersetzungen im Dienste der Nation – als eine wesentlich homogenere Gesellschaft als das multiethische Reich davor. Ich war neugierig, ob es zwischen der Türkei und den Ländern, die sich nach Osten in Richtung China erstrecken, Verbindungen gibt und wie sie sich gestalten. Vor allem aber war ich sehr gespannt auf diese Länder, die so fern und unbekannt klingen: Usbekistan, Tadschikistan, Kirgisistan, Kasachastan. Diese Aura des Unbekannten hat damit zu tun, dass die ganze Region vom Rest der Welt so isoliert zu sein scheint. Aufgrund ihrer Lage ist es sehr unwahrscheinlich, dass man zufällig hindurchreist. Man muss sie aktiv als Ziel wählen.

Ich bat meinen Freund Feyzullah Yesilkaya sich mir anzuschließen. Er ist Deutscher mit türkischen Wurzeln und spricht sowohl Türkisch als auch Farsi fließend, was es uns ermöglichte, sich mit den meisten Menschen in der Region zu unterhalten.

Im Allgemeinen ist es ein mühseliges Unterfangen, diese Länder zu bereisen. Die Infrastruktur ist schlecht und die Entfernungen sind weit. Wir haben viele Nächte in alten Bussen verbracht, die über den Kontinent trieben. Die Busfahrer sorgen in bewährter Weise dafür, dass der hintere Teil des Busses leer bleibt, damit die Fahrgäste sich auf den Boden legen und schlafen können. Wir waren immer zu langsam, um solche Plätze für uns zu beanspruchen, also saßen wir meist wie Gespenster, halb wachend halb schlafend, und schwankten von einer Seite zur anderen durch die Nacht und darüber hinaus. Mit Blick auf diese weiten, flachen Landschaften erschien es mir plötzlich unvorstellbar, dass die Erde tatsächlich rund ist.

Auf der Reise wurden wir von einer intensiven, feuchten Hitze überwältigt und suchten häufig Zuflucht in klimatisierten Räumen. An einem solchen Ort, einem Hotel in der Stadt Türkistan, trafen wir auf einen jungen Mann namens Seyfullah, der als Kellner arbeitete. Sein Türkisch war tadellos, wenn auch mit gelegentlich eingestreuten Worten, die einen erloschenen, antiquierten Klang hatten. Er ist ein Ahiska-Türke, eine türkischsprachige Minderheit, die in Kirgisistan lebt. Seyfullah führte uns durch das schwer zu befahrende Türkistan, das aus endlosen staubigen Straßen mit stinkendem schwarzen Dieselverkehr zu bestehen schien.

Wir luden Seyfullah ein, mit uns nach Bischkek, der Hauptstadt Kirgisistans, zu fahren. Er hatte uns erzählt, dass dort ein Onkel und eine Tante wohnen, die er nie besuchen konnte. Seine jährliche Reise zu seiner Mutter, die mehr als 30 Stunden dauert, war zu zeitaufwendig. Auf die Frage nach seinem Vater sagte er uns, dass er ihn in den letzten vier Jahren nicht gesehen habe, da er in einem Kraftwerk in Nordrussland arbeitete.

Seyfullah konnte jemanden finden, der ihn im Hotel vertrat und organisierte unsere Reise mit großer Sorgfalt. Es überrascht nicht, dass die einzige Möglichkeit den Ort zu verlassen, darin bestand, den Bus zu nehmen. An den Raststätten fielen uns die vielen Busse mit chinesischen Arbeitern auf, die in ihre Heimat zurückkehrten. Wo sie abgereist waren, blieb uns ein Rätsel. Als wir am Ziel ankamen, fuhr Seyfullahs Onkel uns mit seinem alten BMW herum. Es war schön, eine weitere Generation seiner Familie kennenzulernen.

Nachdem wir ein paar Tage in Bischkek, einer unglaublich versmogten Stadt, verbracht hatten, buchte ich uns eine Unterkunft in einer Hotelanlage ein paar Stunden südlich der Stadt. Es war ein Ort, der eindeutig nicht im gängigen kapitalistischen Sinne betrieben wurde und wo der Profit am Ende des Tages am wichtigsten ist. Dienstregeln galten nicht, das Personal verschwand oft, was aber einen Teil des Charmes ausmachte. Hier wurden wir von Menschen empfangen, die vor Stolz strahlten. Sie luden uns zu einer Verkostung ein. Wir probierten Stutenmilch, Pferdepizza und einen vergorenen Cocktail, der an Pina Colada und Bier erinnerte. Jede Reaktion nahmen sie zur Kenntnis und schienen wirklich enttäuscht zu sein, wenn wir etwas nicht mochten.

Während unseres Aufenthalts wurden wir einem Fremdenführer namens Timur vorgestellt. Sein Türkisch war sehr gut. Er war ein hochgewachsener Mann. Er schwieg meistens und informierte uns nur über das Wesentlichste und auch nur dann, wenn es sich nicht vermeiden ließ. Normalerweise mussten wir ihm eine Frage stellen, um ihn dazu zu bringen, etwas zu sagen.

In diesen Bergen erzählte mir Feyzullah von einer rechtsextremen Bewegung in der Türkei. Er meinte, dass einige dieser Türken die Bergkette als Tanir Daglari bezeichnen; die Berge Gottes. Es ist eine Art Wallfahrtsort der sogenannten Bozkurt – der Grauen Wölfe. Wir sahen viele Touristen dieser Art. Als wir Timur nach ihnen fragten, zuckte er mit einem errötenden Lächeln die Schultern und schüttelte den Kopf. „Was kannst du tun?“, fragte er resigniert.

Timur lud uns ein, auf Pferden durch die Berge zu reiten. Er nahm uns mit in eine Jurte und zeigte uns ihren Aufbau. So bekamen wir ein Gefühl dafür, wie das Leben in den Bergen gewesen sein muss: das schimmernde Licht in den großen Zelten, der Geruch von Tieren und der Erde. Im Laufe eines Tages demonstrierte uns Timur bis ins kleinste Detail, wie das Leben in der Nomadenzeit aussah. Während dieser Ausführungen wirkte er seltsam resigniert. Als die Tage vergingen und wir mehr Zeit mit ihm verbrachten, wurde uns klar, dass eine tiefe Melancholie von ihm ausging. In vielerlei Hinsicht haben die Kirgisinnen und Kirgisen ihre eigene Kultur aufgegeben. Vorbei ist es mit den Pferden, den Bergwinden, der nomadischen Lebensweise. Jetzt gibt es nur noch die Erinnerung an diese vergangene Zeit.

In der Produktion von Bewegtbildern geht es mir um etwas Grundlegendes, das die Semiotik des Bildes betrifft.

Alle Gegenstände vor der Kamera wirken an sich durch ihre eigene physische Beschaffenheit. Wenn man aber weiß wie, kann die Gesamtheit all dieser Gegenstände zu etwas zusammenwachsen, dass über die Summe ihrer physischen Details hinausweist.
Das ist der Moment, in dem der Künstler Bilder schafft, die sich weiter vorwagen und im Ergebnis überzeugen. Dieser Vorgang offenbart eine eigene, innere Komplexität und oft reduzieren Versuche, es in Worten zu formulieren, ihre Bedeutung.

Es kann ein Schnitt sein, eine Gegenüberstellung zweier Szenen, ein Rhythmus, ein Gesichtsausdruck, die Art der Kamerabewegung, eine menschliche Stimme gepaart mit einer Landschaft oder eine unheimliche Atmosphäre. All diese Elemente stehen in einer symbiotischen Beziehung zueinander und zur Zeit. Diese Verschmelzung kann sich manifestieren, in einer schaurigen Langsamkeit mit der ein Floß in der Nacht einen Fluss hinuntertreibt oder in der Geschwindigkeit eines durch die Luft fliegenden Messers.

Wenn bewegte Bilder ohne die strenge Begrenzung einer strukturierten Erzählung abstrakt und offen erscheinen können, dann erweitern sich ihre Bedeutungsebenen. Bewegte Bilder sind viel mehr als ein Vehikel für objektives, reduktives Erzählen. Ich denke, an diesen Punkt offenbaren sie ihr einzigartiges Potential als Kunstform.

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