© Martin Wenzel
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stipendiat Martin Wenzel

Martin Wenzel (*1979), Absolvent der Hochschule für Gestaltung Offenbach und der Frankfurter Städelschule, beschäftigt sich mit Dingen, die auf der Straße herumstehen, die in seinem Atelier (ehemaliger Luftschutzkeller) reichhaltig zu finden sind, auch die Anordnung eines Sperrmüllhaufens kann sein Interesse wecken. Objekte, die im Alltag oft unterhalb der Wahrnehmungsschwelle liegen, liefern Wenzel sowohl die verschiedensten Materialen als auch das ästhetische Potential für seine skulpturalen Arbeiten und Installationen.

Diese explizit handwerklich-physische Auseinandersetzung mit Form- und Gestaltungsstrukturen hat den in Frankfurt lebenden Künstler auch zu seinem Reiseprojekt veranlasst: Martin Wenzel hat im Winter 2017 mit einem Stipendium der hessischen Kulturstiftung zwei Monate im Atelier des ghanaischen Sargbauers Kudjoe Affutu (*1985) gearbeitet und die Kunst dieses in der Region Greater Accra verbreiteten, traditionellen Handwerks kennengelernt. Figürliche, aus Holz handgearbeitete Särge werden bei den Ga seit Anfang des 20. Jahrhunderts zur Bestattung verwendet; seit den 1960er Jahren werden, dem jeweiligen Status und Tätigkeitsfeld entsprechend, auch Verstorbene der christlichen Gemeinden in Tier- oder Gemüseformen, im Mercedes Benz oder einem Mobiltelefon beerdigt.

Kudjoe Affutu ist weit über Ghana hinaus bekannt, seine Sargarbeiten werden inzwischen in Nachbarländern benutzt und international in Ausstellungen und Sammlungen gezeigt – u. a. in New York, dem Pariser Centre Pompidou, in Basel und auch im Frankfurter Museum für Moderne Kunst. Bei der Planung und Durchführung dieser Reise wurde Martin Wenzel unterstützt von der Schweizer Ethnologin und Kunsthistorikerin Regula Tschumi, sie hat die Geschichte und Praxis der Sargbaukunst in Ghana grundlegend erforscht.

In Form eines typischen Tagesablaufs beschreibt Wenzel einige Aspekte des eindrucksvollen, interkulturellen Kontakts mit dem Künstlerkollegen, dessen und der eigenen Arbeit in Ghana, die ja durchaus ähnliche künstlerische Ansätze erkennen lassen.

Solo-Ausstellungen mit Arbeiten von Wenzel waren zuletzt 2017 bei PPC Philipp Pflug Contemporary (Schachtel Marlboro) und im basis e.V. Projektraum (Bonus Level) zu sehen.

 

 

Beim Sargbauer in Ghana
von Martin Wenzel

Um halb fünf Uhr morgens fangen die Hähne in der Umgebung an, um die Wette zu krähen, nicht ganz meine Uhrzeit. Hello Africa, tell me how you doing… Gegen sieben stehe ich auf.

Nach dem Frühstück laufe ich Richtung Arbeit. Auf dem Weg dorthin rufen mir zahlreiche Kinder „Obroni, Obroni“ zu, was so viel wie weißer Mann bedeutet. Ich höre diesen Ruf öfter, sehr oft, eigentlich den ganzen Tag, manchmal vergesse ich meinen eigenen Namen. Mein Name ist auch nicht mehr nur Martin, sondern auch Kweku, das bedeutet: „An einem Mittwoch geboren“. Der Name des Künstlers, bei dem ich in Awutu, Ghana, arbeite, ist Kudjoe, geboren an einem Montag. Eigentlich heißt er Gerhard Affutu und baut wunderschöne, figürliche Särge. Eine Tradition, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts aufgrund des Verbots der Briten entwickelt hat, Verstorbene direkt unter ihrem Wohnhaus zu bestatten. Kudjoe und seine Lehrlinge bauen gerade parallel an Särgen in Form eines Turnschuhs, einer Ananas und eines Radladers. Außerdem kam gerade die Bestellung für eine Injektionsspritze rein, die als Sarg für einen bekannten Arzt aus der Region Affutu dienen wird.

Ich trinke den zweiten halben Liter Wasser des Morgens, es ist sehr heiß in Ghana. Kwesi und Nanajau helfen mir dabei, mein aktuelles Werkstück aus dem engen Atelier ins Freie zu hieven. Nachdem ich aufgrund von Kommunikationsproblemen, Kulturschock und westlicher Überheblichkeit mein erstes Projekt in Ghana für gescheitert erklärt habe (es sollte so etwas wie eine riesige Plastiktüte werden), habe ich reumütig Säge, Hammer und Hobel zur Hand genommen und angefangen, meinen ersten eigenen Sarg zu bauen. Es soll ein einfacher, klassischer Sarg werden. Aber allein die Bretter erstmal in eine Form zu hobeln, so dass man sie verbauen kann, verlangt mir sehr viel ab.

Die Bezeichnung „Sägerau“, was so viel meint wie unbearbeitetes Holz, hat in Afrika eine andere Bedeutung, hier nennt man es Bushcut. Das heißt: Holz wird mit der Kettensäge im Wald zu Balken und auf einer Kreissäge aus der Kolonialzeit zu Brettern geschnitten, dann auf dem Kopf ins Atelier getragen und schließlich mit der Hand glattgehobelt.

Die Kolonialzeit, der Menschenhandel und die jahrhundertelangen Widrigkeiten, die dazu führten, dass es neben der antiquierten Kreissäge, den schlechten Zuständen der Straßen, Schulen, Krankenhäuser und sehr vielen anderen Zuständen in Schwarzafrika so ist, wie es heute nun mal ist, sind ständige Begleiter meiner Gedankenwelt, seitdem ich hier bin. Es könnte nämlich fast paradiesisch sein in Ghana und vielen anderen schwarzafrikanischen Ländern, aber leider wurde das Trauma der Sklaverei über Generationen weitergereicht und die Kolonialmächte hinterließen nach ihrem Abzug zwar die Freiheit, aber auch ein hohes Maß an Unordnung. Mir ein Bild davon zu machen, diese ungleich aufgeteilte Welt besser zu verstehen, ist der zweite Grund, warum ich hergekommen bin, in eine Region der Erde, in der man Särge in Form von Mobiltelefonen und Auberginen baut.

Die ateliereigenen Hühner machen ein Schläfchen in meinen Hobelspänen, es sei ihnen gegönnt, wie auch der benachbarten Schneiderin, die heute um halb fünf mit den Hähnen aufgestanden ist. Ich habe den Eindruck, dass die umherlaufenden Hühner, Katzen und Ziegen sich langsam an mich, den Obroni, gewöhnt haben. Anfangs hatte ich noch das Gefühl, als Weißer suspekt zu wirken auf die heimische Fauna.

Der besagte Bushcut besitzt eine sehr schöne Textur, geformt durch die Kettensäge. Ich entscheide mich, nicht alles blank zu hobeln, da man diese Textur in Deutschland selten antrifft. „Éteme Obroni?“, ruft der Maler mir zu, welcher den Turnschuhsarg kolorieren soll, „Ebolé“, antworte ich ihm. Das bedeutet: Hallo wie geht’s / Danke gut in der Awutu Bereku-Sprache. Anfangs wollte ich ja etwas Twi lernen, die gängigste Sprache in Ghana, aber ich bin ja in Awutu. Zwei Kilometer westlich sprechen sie Fante, vier Kilometer östlich sprechen sie Ga. Ansonsten noch Akan, Nzima, Kwahu, Ewe, Gonja, Kasem, insgesamt ungefähr 48 verschiedene Sprachen plus regionale Dialekte. Englisch können viele, aber jeder möchte mir eigentlich seine eigene Sprache beibringen. „Mi ebo asumi,“ sage ich zu dem Maler: „Ich bin am Arbeiten“.

Während meiner Hobelei schaue ich immer wieder etwas neidisch auf die Fortschritte der Werke von Meister Kudjoe und seiner Auszubildenden. Es würde Monate oder Jahre dauern, bis ich in der Lage wäre, mit Säge, Hammer und Hobel solch tolle Objekte herzustellen. Inzwischen habe ich immerhin das Gefühl, mich schon etwas an die neuen Techniken und die dafür erforderlichen Bewegungen gewöhnt zu haben, ich bin nicht schon mittags komplett durchgeschwitzt. Zum Mittagessen gönne ich mir eine Ananas, zwei Maiskolben, Garnut und Kochbananen. Mein Lieblings-Huhn steht schon vor mir und wartet geduldig auf seinen Anteil. Seine drei Küken sind in den letzten Wochen gestorben. Das erste an Unterernährung, das zweite hat sich ein Falke geholt und das dritte war einfach verschwunden. So geht das.

Die Hähne haben alles mitbekommen und machen der Dame schon wieder recht brutale Avancen. Sie hat sich bereits einmal vor ihnen flatternd auf meinen Rücken gerettet. Ich habe sie mit Bleistift auf Holz porträtiert und auch ein paar Fotos von ihr gemacht. Wir sind irgendwie Freunde geworden.

Für die Innenverkleidung meines Sarges habe ich mit Kudjoe Stoff auf dem Markt in Kasoa gekauft. Er ist gelb, mit blauen Quadraten, in denen ein Stuhl erkennbar ist. Die Bedeutung des Stoffes wurde mir in etwa so erklärt: „Wenn Du über mich lästern willst, dann nimm dir lieber einen Stuhl und setz Dich zu mir.“ Das fand ich passend für einen Sarg. Ghanaer lassen sich ihre Kleidung oft aus diesen farbenfrohen Stoffen maßschneidern. Sie sehen unglaublich gut angezogen darin aus. Ich habe auch schon zwei solche Hemden, sehe allerdings etwas gewöhnungsbedürftig darin aus.

Am Nachmittag trocknen die verleimten Teile meines Sarges erstmal. Ich bereite schon mein nächstes Projekt vor, das ein Industrieroboter werden soll. Im Fernsehen habe ich einen Bericht auf Kantanka TV gesehen, in dem sie in Handarbeit einen echten Industrieroboter für Punktschweißungen bauen. Hat mich sehr inspiriert. Kantanka ist eine Firma, die Apostel Safu gehört. Safu hat das Startkapital für die Firma mit seiner eigenen Kirche verdient. Die Firma ist die einzige Ghanas, die eigene Autos herstellt, aber auch Kühlschränke und andere Haushaltsgeräte. Oft kommen diese Produkte aber aufgrund zu hoher Kosten nicht auf den Markt, und wenn doch, kann es sich nur ein kleiner Teil der Bevölkerung leisten, sie zu kaufen. Mich hat die Auseinandersetzung mit Kantanka und den Ideen von Apostel Safu aber sehr fasziniert, zumal sie auch den teils recht intensiven, manchmal auch bedenklichen Einfluss der verschiedenen Kirchen auf die Menschen zeigt. Häufig steht an der Spitze eine Art Super-Prediger, der den Leuten das Geld aus der Tasche ziehen will. Fehlt der Zugang zu Bildung, haben solche Organisationen nicht nur in Afrika leichtes Spiel.

Nach einigen weiteren Litern Wasser geht mein Tag langsam zu Ende. Heute Abend gehen wir, wie fast jeden Abend, Fufu bei Kudjoes Bruder Eric essen. Fufu besteht aus Maniok und Kochbanane, die lange gestampft werden. Am Ende kommen zwei Klöße in eine Schüssel und werden mit einer sehr scharfen Suppe übergossen, in der sich alle möglichen Leckereien befinden. Das kann Fisch oder Huhn sein, aber auch Sehnen, Bushmeat oder Schnecken. Ich habe etwas gebraucht, um zu lernen, mit den Händen zu essen, insbesondere wenn das Essen fast flüssig ist. Es schmeckt mir inzwischen sehr gut.

Dann gehen wir noch ein entspanntes Bierchen an der Hauptstraße trinken. Überladene LKWs transportieren laut brüllend Kokosnüsse in Richtung Elfenbeinküste, Busse fahren Menschen und Ziegen von Mali nach Nigeria, aus verschiedenen Richtungen dröhnt der aktuelle Nummer eins Hit von Ebony: „If you break my heart, I go date your father.“ Gegen neun Uhr abends komme ich hundemüde nach Hause und schalte Ghana Sports-TV an. Zufällig wird ein Bundesliga-Live Spiel übertragen: Mainz 05 gegen Eintracht Frankfurt. Hello Motherland, tell me how you doing …

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