Musical-Video, Promotionsfoto © Claus Richter, Offenbach
Claus Richter: ROBOT „It ain’t what you do - It’s the way that you do it“, 2005 ©

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an den grenzen des guten Geschmacks
Stipendiat Claus Richter

Der HfG-Absolvent Claus Richter (*1971) beschäftigt sich als Künstler und als Kulturwissenschaftler mit dem weiten Feld der Unterhaltungsindustrie. Seit längerem recherchiert er intensiv zum Filmdesign und den besonders in den USA und Japan ausgeprägten Fankulturen des Science Fiction- und Fantasy-Films. Seinen Ansatz, Populärkultur nicht im Sinne randständiger Weltflucht, sondern als kreativen und womöglich subversiven Aneignungsprozess zu lesen, verfolgt Claus Richter auch in seiner künstlerischen Praxis, in Installationen, Filmproduktionen und Performances. 

2006 hat der in Offenbach lebende Künstler mit einem Reisestipendium der Hessischen Kulturstiftung die einschlägigen Zentren der Science Fiction-Filmkultur besucht: Seine Eindrücke und Ergebnisse stellt er anstelle eines Interviews in Bildern und mit einem eigenen Text vor.

Weitere neue Arbeiten von Claus Richter können Sie ab 1. März in der Eröffnungsschau Alle Zeit der Welt der Kunsthalle Mainz und ab 8. März in seiner Einzelausstellung Two Barnum Egress Drifts im Kunstverein Braunschweig sehen. Im Rahmen der diesjährigen the design annual wird Richter zusammen mit Tobias Rehberger vom 4. bis 7. Juli eine Gemeinschaftsarbeit in der Festhalle der Messe Fankfurt präsentieren. 

Die Filme, Kulissen, Objekte und Auftritte, die ich als Künstler produziere, kreisen immer wieder um ein Themenfeld, das einige Fallen und Unwägbarkeiten in sich birgt, sobald man sich als Akteur darin bewegt: Das Themenfeld heißt Entertainment.
Ernsthaftigkeit kann nicht unterhaltsam sein, zu unvereinbar scheinen Anspruch und Form. Man kann Unter­hal­tung analysieren, kritisieren oder auch dekonstruieren, aber selber den Entertainer geben? Das Stigma der Harmlosigkeit haftet dem Entertainment an, man wendet sich wohl besser abstrakteren Fragestellungen und kunsthistorischen Verweisorgien zu. Dieser Weg ist sicher, ein warmes Nest, aber leider auch staub­trocken. Um ihre Harmlosigkeit zu verlieren, muss Unterhal­tung bitter­böse, ironisch oder zumindest doppelbödig sein. Es muß etwas „dahinter“ stecken. Ich glaube das nicht.

Entertainment, so wie es von Hollywood, Disney oder Broadway-Shows inszeniert wird, ist für mich ein reiches Feld, voller immanenter Wahrheiten und mit einem Sprachschatz, der wie dafür gemacht ist, ihn zu lieben und zu plündern. Staging, Inszenierung und Kulissen sind der Stoff, aus dem die Träume sind, und zugleich sind sie Elemente unseres täglichen Alltags. An diesem Übergang wird es für mich interessant. Es fasziniert mich, visuelle und narrative Elemente fantastischer Welten in den Alltag greifen zu lassen. Was passiert, wenn immerfröhliche Fantasy-Wesen mit unserer Alltagswelt konfrontiert werden, was geschieht mit utopisch-idealen Welten wie dem Musical oder dem Fantasy-Film, wenn man sie ernst nimmt und sie nicht als Zufluchtsorte vor der Wirklichkeit, sondern als Teil der Wirklichkeit beobachtet?

Im ersten Teil meiner Reiseroute im Rahmen meines Stipen­diums der Hessischen Kulturstiftung habe ich einige Produktions­zentren „unkritischer“ Unterhaltung besucht: Hollywood / Los An­ge­les, Disneyland, Las Vegas und die größte Star Wars-Fankonferenz der Welt in Indianapolis bildeten die ersten vier Stationen meiner Reise auf der „Achse der Oberflächlichkeit“, die ich Ende 2008 mit einem Trip nach Tokio abschließen werde.

Bei meinem einmonatigen Aufenthalt in Los Angeles bin ich durch die Kulissenstädte der Studios geschlichen und habe Special Effects-Modelle studiert. Andere Ausflüge führten mich zu den Originaldrehorten von Filmen wie E.T., Blade Runner oder Zurück in die Zukunft, zu Spezialgeschäften, die Original-Film­kostüme verkaufen, und zu Sammlern von Filmrequisiten. Mein Fokus lag und liegt dabei nicht auf der grotesk verschwenderi­schen Ökonomie oder der repetitiven Monothematik der kalifornisch­en Filmindustrie, sondern auf der Suggestivkraft künstlich erzeug­ter Welten.
In den kurzen Musical-Videos, die ich mit Amateurdarstellern inszeniere, übernehme ich die Vorgehensweisen von Fans, die mit schmalem Budget Hollywoods Science-Fiction-Blockbuster in Garagen und Hobbykellern nachinszenieren und dabei eigene Ideen mit den Vorlagen ihrer Lieblingsfilme mischen. Diese Form der kreativen Aneignung macht aus vermeintlich passiven Konsumenten plötzlich Filmemacher, Set-Designer oder Kostümbildner. Oder alles auf einmal! Der Prozess des Bastelns, des möglichst einfachen Materialisierens von Ideen ist für mich ein archetypischer Kreativitätsprozess, der es ermöglicht, das Erschaffen eines Werks als Akt der Befreiung von Restriktionen zu erleben.

Für die fine art fair frankfurt entstand so beispielsweise 2007 die Installation Facade, eine Musical-Kulisse, in der ich mit einem kleinen Filmteam und einigen freiwilligen Mitwirkenden ein Musical gedreht habe. Mit allem, was ein Musical braucht: Stepptanz, Romantik, Schaffenskrisen, Verzweiflung und einem erschöpften Happy End. Die Handlung von Facade spiegelt die Prozesse der Produktion und Vermarktung von Kunst wieder, verpackt in eine bonbonfarbene Kulisse aus einer anderen Welt. Facade ist Teil einer Musical-Trilogie, die ich 2005 mit It ain’t what you do – It’s the way that you do it (einem Gesangsduett mit einem Roboter) begonnen und 2008 mit dem Skateboarding-Video Fantasy abgeschlossen habe.

Eine weitere Station meiner Reiseroute, die größte Star Wars -Fankonferenz der Welt in Indianapolis, führte mich ins Zentrum kreativer Fankultur. Im Messezentrum von Indianapolis trafen sich 35000 Fans der Star Wars-Filme und präsentierten in vier aufeinander folgenden Tagen Workshops, Panels, Kostümwettbewerbe und Diskussionsrunden. Auch Vertreter der Special Effects-Firma Industrial Lights and Magic und der Produktionsfirma Lucasfilm, beide verantwortlich für die Star Wars-Filme, hielten Vorträge und suchten den Austausch mit den Filmfans. Diese vier Tage in Indianapolis waren für mich sehr wertvoll, denn über 7000 Kilometer von meiner Heimatstadt Frankfurt entfernt, umgeben von Tausendschaften kostümierter Fans und einer Handvoll exquisiter Hollywood-Profis, zementierte sich in mir die Gewissheit, dass aus genau dieser Zusammenarbeit von High- und Low-Produktionskontexten Freiräume entstehen können, die eine Win-Win-Situation erzeugen, Spaß machen und mehr Wahlmöglichkeiten eröffnen als der Rückzug in eine passiv-kritische Haltung.
Meine Arbeit wird sich somit auch nicht zwangsläufig in einer selbstgewählten Reduktion auf einfache Materialien und schnelle Produktionen einrichten, ich fände es spannend zu sehen, wie eine Claus-Richter-Produktion mit einem astronomischen Etat aussehen würde …

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