© Sammlung Nekes, Miteigentümer UzK/DFF/FMP, Foto: Luca Strack
DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum: Jeu du Thauma­trope, Laterna­ magica, 1900 ©
© Sammlung Nekes, Miteigentümer UzK/DFF/FMP, Foto: Rheinisches Bildarchiv, Helmut Buchen, Anna Wagner
Matthäus Merian: Anthropomorphe Landschaft, Aquarell, um 1650 ©

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bewegen

Sie haben ihn entdeckt, den liegenden Mann, der, hingestreckt unter einem südlichen Himmel, eine pittoreske Landschaft bildet? Sichtbar machen unsere Augen jedoch immer nur eines der beiden Bilder – Mann oder Landschaft – obwohl wir doch um das andere Bild wissen. Das Aquarell Matthäus Merians (um 1650) gehört zur optischen Spielerei der Vexierbilder, die unsere Wahrnehmung durchschütteln, kippen lassen, sie vielleicht sogar, wie der lateinische Wortstamm vexare nahelegt, mit ihrer Unbestimmtheit erschüttern. Wenn man so will, ist das Thaumatrop – die Erfindung der Wunderscheibe um 1825 wird dem Geologen William Henry Fitton zugeschrieben – das Gegenstück zum Vexierbild. Dort versucht unser Wahrnehmungsapparat, zwei ineinandergewobene Bilder voneinander zu separieren, hier vereinen sich vor unserem Auge zwei physisch klar getrennte Bilder dank der schnellen Rotation der Wunderscheibe. Es überlagern sich Bild und Nachbild, die beiden Seiten der Scheibe erstarren auf der Netzhaut zu einem neuen, sinnstiftenden Ganzen.

Vexierbild und Thaumatrop sind aber nicht nur ein verspielter Zeitvertreib. Man kann Sie zum Anlass nehmen, die Eindeutigkeit der menschlichen Wahrnehmung zu hinterfragen, die nicht nur Vorurteilen, sondern auch physiologischen Bedingungen unterworfen ist. So ist bekanntermaßen die Trägheit des Auges das zentrale Wirkprinzip cineastisch bewegter Bilder. Als ihre Vorläufer haben sich Kippbild und Wunderscheibe einen zentralen Platz in der 25 000 Objekte umfassenden Sammlung zur Geschichte der optischen Medien des Filmregisseurs und Wissenschaftlers Werner­ Nekes (1944 – 2017) erobert. Mit enzyklopädisch mäandernder Verzahnung und Akribie hat der gebürtige Mülheimer in seinem Heimatort die Vor- und Frühgeschichte des Films in Form einer historischen Fachbibliothek, optischen Apparaten und Objekten zusammengetragen: Daumenkinos und Zauberspiegel, diverse Lochkameras (Camera obscura), Guckkästen, Laternae magicae, Schattentheater und Anamorphosen, Phenakistiskope und Zootrope bis hin zu einem Kinematographen der Brüder Lumière­. Dabei dient die Sammlung nicht nur dem Wissenszuwachs im Bereich der Mediengeschichte, sondern auch als Versuchslabor der Wahrnehmung und als Fundus für Nekes’ eigenes filmisches Schaffen. In diesem Sinne wünschte er sich den Erhalt seiner Sammlung für nachfolgende Generationen. Nun haben sich das Theaterwissenschaftliche Institut der Universität zu Köln, das Filmmuseum Potsdam und das DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum Frankfurt – bei dessen Einrichtung 1984 Werner Nekes die Frankfurter maßgeblich unterstützte – zusammengetan, um die spektakuläre Sammlung einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Es ist geplant, sie zwischen den drei Standorten aufzuteilen und eine Wanderausstellung zusammenzustellen.

In jedem Fall halten die Objekte der Sammlung mehr als eine unterhaltsame und anregende Reise in die Geschichte der Bildmedien und des Kinos bereit. Die Magie der bewegten Bilder vor dem Kino, wie wir es heute kennen, speist sich aus einer spannungsvollen Ambivalenz von verzauberter Wahrnehmung und Desillusion, die Betrachterinnern und Betrachter während der Benutzung durchleben. Nicht umsonst dienen Camera obscura, Laterna magica, aber auch Wunderscheibe und Wunderrad als philosophische und literarische Denkfiguren für Erkenntnisprozesse.

Das optische Verwirrspiel kommentiert Merian in seinem Vexierbild mit einer kleinen knienden Figur, die gerade aus ihrer Büchse einen Schuss auf das fast exakt in der Bildmitte liegende Augenastloch abgibt, das so als Erkenntnisorgan ausgeschaltet würde. Ist dem Auge nicht zu trauen? Oder provoziert der Künstler mit seinem gezeichneten Schuss ein Zwinkern, einen Augenschlag, der ausreicht, die eine Realität in die andere kippen zu lassen? Neurologisch konnte man nachweisen, dass sich bei der Betrachtung von Vexierbildern das Erlangen von Gewissheit nicht einstellt, gleichwohl man den Wechsel des Bildes immer wieder als neue Gewissheit zu erleben scheint. Unsere Wahrnehmung bleibt auf dem Sprung.

Es dauert im Übrigen mehr als 200 Jahre, bis das Auge buchstäblich zurückschießt. 1883 erfindet Étienne-Jules Marey die chronofotografische Flinte, einen transportablen Apparat für Hochgeschwindigkeitsfotografie. Nur kurze Zeit später, nach der Erfindung des flexiblen Rollfilms, häufen sich die Patente für Filmkameras, unter denen sich der Kinematograph der Brüder Lumière zunächst durchsetzt. Der Magie zwischen den Bildern und ihrer langjährigen Geschichte hat Werner Nekes seine Sammlung gewidmet, und es ist überaus erfreulich, dass ihr erkenntnisstiftender Zauber bald für Besucher erfahrbar wird.

  • DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum
  • Sammlung Werner Nekes
  • Schaumainkai 41, 60596 Frankfurt am Main
  • Telefon +49 69 961220220
  • www.dff.film
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