© Marcel Broodthaers, Privatsammlung, Fridericianum, Foto: Nils Klinger
Marcel Broodthaers: Parle Écrit Parole, 1972–1973 ©
© Marcel Broodthaers, Privatsammlung Brüssel, Estate Marcel Broodthaers
Marcel Broodthaers: Panneau de moules, 1965, Katalog Marcel Broodthaers ©

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Sie lesen. Jetzt gerade lesen Sie einen Text über den belgischen Literaten und bildenden Künstler Marcel Broodthaers. Sie lesen und begreifen, dass sich dieser Text um die Arbeit von M. B. drehen wird und dass die Art und Weise, wie diese Einleitung gestaltet ist, ein Verweis darauf sein möchte, wie der Künstler (1924–1976) arbeitete. Sie vermuten bereits, oder wissen es schon, dass Broodthaers’ künstlerische Praxis mit Sprache verbunden ist, mit Schrift und der ambivalenten Lesbarkeit der Zeichen und der Bilder, vielleicht mit dem Verhältnis von Autor und Text, Künstler und Werk und am Ende mit Ihnen, dem lesenden Betrachter, betrachtenden Leser und der Bedeutung, dem letztlich finanziellen Wert, den Sie einem Kunstwerk zuschreiben.

Der belgische Autodidakt Marcel Broodthaers erklärt sich mit 40 Jahren zum bildenden Künstler. Bis dahin hatte der Poet, Essayist und Journalist Broodthaers mit seinen literarischen Arbeiten wenig Erfolg. Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte er dem Kreis der belgischen Surrealisten an, dessen Protagonist René Magritte und seine Pfeife (La Trahision des images, 1929) Referenz, Thema und Motiv für ihn bleiben werden.

Sein Schaffen erstreckt sich von Kurzfilmen über Objektassemblagen mit vorgefundenem Material bis hin zur Anordnung, Neuordnung oder Überlagerung von Buchstaben, Objekten und Textfragmenten (Mallarmé, Rimbaud, La Fontaine) in den verschiedensten Medien. Eines seiner Hauptwerke ist das Musée d’art moderne mit seinen diversen Sektionen. Dabei handelt es sich um eine Ausstellungspraxis, die eigene und fremde Werke, Zeichen und Text im Original, in Kopie oder Projektion, als Ausschnitt oder Repräsentation vorübergehend an einem Ort in mehr oder minder musealer Inszenierung zusammenbringt. Diese geläufig als Institutionskritik verstandene Praxis, in der die Bedeutung und Werte schaffenden Eigenschaften des Kunst- und Kulturbetriebs sichtbar – oder lesbar? – gemacht werden, dokumentiert Broodthaers in zahlreichen Künstlerbüchern und Katalogen. Sie ist auch das Thema des vorliegenden Katalogs, der im Zuge einer Ausstellung im Fridericianum in Kassel 2016 entwickelt wurde.

Vielleicht darf man das Lesen (die vielfältige Wortbedeutung des Lesens wird Broodthaers durch den lateinischen Stamm legere und das in seiner Bedeutung dem Deutschen entsprechende flämische lezen bewusst gewesen sein) mit seinem semantischen Feld als eines der zentralen Erkenntnisprinzipien in Marcel Broodthaers’ Werk verstehen, das über eine literarische, buchstabengetreue Aneignung der Welt hinausführt.

So tragen Broodthaers’ Eierschalenassemblagen, Muschelakkumulationen und Kohlefelder – fast intakte Eierschalen werden aufgereiht, leere Muscheln oder Kohle dicht an dicht gestreut – ebenfalls den Begriff des Lesens in sich: als das einzelne Auflesen und Auswählen aus einer Vielzahl annähernd gleicher Formen. Der Akt des Lesens im Sinne von ernten, der Auswahl und des Aufhebens von Gestaltungsmaterial, verleiht dem intellektuellen Erkenntnisprozess des Lesens eine sinnliche, haptische Qualität.

Ein Gedanke, der sich nicht nur in den ausgewählten Materialien selbst niederschlägt – die allesamt in einem Prozess des Auf- und Auslesens gewonnen werden –, sondern auch in ihrer Anordnung, die für die Augen die kaskadische Bewegung des Lesens simuliert, sich abtastend über die verschiedensten Strukturen erstreckt. Zugleich überlagern sich unsere assoziativen Zuschreibungen, die wir in seinen Materialien aufeinanderschichten: der sinnbildliche Verweis von Ei, Muschel und Kohle auf die Materialien der bildenden Kunst als Bindemittel, Pigment oder Zeichenmaterial, das Wortspiel in moule (Muschel/Form) oder œuf und seine lautliche Verwandtschaft mit œuvre, bis hin zum humorvollen Verweis auf das belgischen Nationalgericht Moules Frites.
Marcel Broodthaers hat in Bezug auf sich und seine Arbeiten von einem Rebus gesprochen, einem Bilderrätsel, in dem sich Bild- und Schriftebene einander überlagernd, ersetzend und verbindend zu einer neuen Bedeutung verschieben, während ihre ursprüngliche Form dabei immer sichtbar bleibt. Ein zentraler Aspekt für Broodthaers, der sich selbst in seinem Werk als Funktion sichtbar gemacht hat – als Abbild, als Signatur und als Kurator –, ist es, strukturierende, Bedeutung oder Wert generierende Prozesse und Konstellationen – Missverständnis, Witz und Fehler inbegriffen – sichtbar zu machen.

  • Marcel Broodthaers: Ausstellungsgeschichte 1964–1975
  • und ausgewählte Werke 1957–1975 (Katalogförderung)
  • Susanne Pfeffer, Fridericianum [Hrsg.]
  • Koenig Books Ltd.
  • ISBN 978-3-96098-408-5
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