© Julian Irlinger, Galerie Wedding, Fotos: GRAYSC
Julian Irlinger: Gift, 2020, Ausstellungsansicht Galerie Wedding ©
© Julian Irlinger, Galerie Wedding, Fotos: GRAYSC
Julian Irlinger: Gift, 2020, Ausstellungsansicht Galerie Wedding ©
© Julian Irlinger, Galerie Wedding
Julian Irlinger: Detailaufnahme der Schenkung an das Wende Museum of the Cold War in Los Angeles, 2020 ©
© Julian Irlinger, Galerie Wedding
Julian Irlinger: Detailaufnahme der Schenkung an das Wende Museum of the Cold War in Los Angeles, 2020 ©

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stipendiat julian irlinger

Wie und in welcher Form konstituieren sich nationale Identitäten? Welchen Einfluss haben Institutionen oder Konzerne auf unsere Wahrnehmung von Kunst? Wie gestaltet sich Geschichtsschreibung? Diese Fragen beschäftigen Julian Irlinger in seiner Arbeit als Künstler. Als Material für seine künstlerischen Analysen dienen ihm gefundene Artefakte wie Geldscheine, im Internet frei verfügbare Bilder und zuletzt auch persönliche Dokumente aus dem Familienbesitz. Irlinger sammelt und ordnet dann sein gefundenes Material nach den Prinzipien, die sich in den Artefakten selbst transportieren.

So untersucht der gebürtige Erlangener in seiner Serie Fragments of a Crisis von regionalen Künstlerinnen und Künstlern gestaltete Notgeldscheine (über 100 000 Motive) der Weimarer Republik aus den Krisenjahren 1918–1923 auf ihr Verhältnis von Ästhetik und Ideologie. Indem er einzelne Gestaltungselemente der Scheine in vergrößerten Ausschnitten präsentiert, rückt er die bildlichen Elemente der Geldscheine, die sonst im Austausch gegen Waren nur flüchtig betrachtet werden, in den Fokus und hinterfragt ihre gestalterische Absicht.

Irlinger hat diese analytische, konzeptionelle Herangehens­weise an seinen Gegenstand auch in Bezug auf seine neueste Arbeit Gift beibehalten. Im Interview berichtet er von der Entstehung der Schenkung für das Wende Museum of the Cold War in Los Angeles und der Funktion des Archivs für Geschichtsschreibung und nationale Identität. Der Historiker Justinian Jampol gründete dieses außergewöhnliche Museum vor zwei Jahrzehnten, um die Kunst, Kultur und Geschichte des Kalten Kriegs aus den Ländern der Ostblockstaaten zu bewahren, ihr Erbe zu erforschen und zu vermitteln.

Neben seiner Ausbildung als Kunsthistoriker und Pädagoge absolvierte Julian Irlinger ein Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig und an der Städelschule in Frankfurt am Main, wo er 2017 bei Willem de Rooij seinen Abschluss machte. Anschließend war er für ein Jahr Teilnehmer des Whitney Independent Study Program in New York.

Sylvia Metz Julian, bis Ende Juli war deine Ausstellung Gift in der Galerie Wedding in Berlin zu sehen. Sie beschäftigte sich mit dem Wahrheitsgehalt von Geschichtsschreibung, dem Ablauf von institutionellen Prozessen, Eigentumsfragen in der BRD und der DDR. Wie bist du auf dieses komplexe Ausstellungsthema gekommen?

Julian Irlinger Die Ausstellung in der Galerie Wedding ist Teil eines Prozesses, der verschiedene Stationen eines größeren Projekts miteinander verknüpft. Alles, was dort zu sehen war – Dokumente und Reproduktionen von Fotografien –, ist Teil einer Schenkung, die später an das Wende Museum in Los Angeles geht. Dort werden die Ausstellungsstücke noch einmal präsentiert, aber letztlich als Artefakte verwahrt. Sie stehen dann für die Forschung und den Ausstellungsbetrieb bereit. Mich interessiert bereits seit vielen Jahren, wie Geschichte geschrieben wird. Welche Institutionen spielen dabei eine Rolle, welche Mechanismen greifen? Seit etwa zwei Jahren beschäftige ich mich in diesem Zusammenhang mit der Konstruktion von nationaler Identität. Ich habe verschiedene Arbeiten dazu gemacht und untersucht, welche Rolle Archive bei der Geschichtsschreibung spielen. Bei meinen Recherchen bin ich auf das Wende Museum in den USA gestoßen, das die größte DDR-Sammlung der Welt in seinem Archiv beherbergt. Mich hat zunächst verblüfft, dass es ein Museum gibt, das in den USA deutsche Geschichte ausstellt. Es kooperiert zwar mit europäischen Institutionen, wie aber die Ausstellungsobjekte historisch verortet werden, entscheidet das Museum. Diese Verortung ist etwas, was mich ganz grundlegend interessiert hat und das ich näher untersuchen wollte.

Metz Du bist dann nach Los Angeles gereist und hast mehrere Wochen intensiv im Archiv des Wende Museums gearbeitet. Wie hat sich diese Reise auf deine künstlerische Arbeit ausgewirkt?

Irlinger Zunächst dachte ich, das ist wahrscheinlich eine Art „Hollywood-Geschichtsschreibung“, die dort betrieben wird, und bin skeptisch an das Museum herangetreten. Ich befürchtete, es könnte sich um eine Form von Spektakel handeln, und dachte an Trabis unter Palmen. Also an eine Fantasie, die noch viel extremer ist, als wir sie von Westdeutschen über die DDR kennen. Dann aber hat sich mein Verständnis der Institution grundlegend verändert. Ich habe das Wende Museum und sein Archiv genau kennengelernt und Zugang zu einzelnen Teilbereichen erhalten, auch zum Forschungsarchiv. Dort hatte ich für mehrere Wochen einen festen Platz für meine Recherchen und wurde mit Archivmaterial versorgt. Ich bin etliche Dokumentenkisten durchgegangen, bekam Einblicke in Korrespondenzen, Schulmaterialien, wie Grundschulbücher, und konnte Negative und Schwarz-Weiß-Fotos durchstöbern.

Metz Gab es Momente im Archiv, die dich überrascht haben?

Irlinger Bei der Materialsichtung habe ich erfahren, wie das Archiv aufgebaut ist. Durch diesen ersten sorgfältigen Zugang habe ich einen Eindruck davon bekommen, wie ein solches Archiv strukturiert ist, wie etwa die Verwaltung funktioniert, oder auch, wie das Archiv durch Schenkungen und Ankäufe wächst und sich Bedeutungsverschiebungen ergeben. Während meines Aufenthalts sind des Öfteren Schenkungen eingegangen, über die im Archiv beraten wurde. Es wurde hinterfragt, welchen Kriterien sie entsprechen, welcher Sektion der Sammlung sie zuzuordnen sind, ob sie gesammelt werden sollen oder nicht. Abgelehnt wurde eine Aufnahme in die Sammlung etwa, wenn ähnliche Dinge bereits im Bestand sind. Durch meine Arbeit im Archiv habe ich mehr und mehr begriffen, wie das alles miteinander zusammenhängt. Dadurch ist tatsächlich ein ganz anderer Prozess innerhalb meiner künstlerischen Produktion entstanden. Die Zutaten meiner künstlerischen Arbeit sind gleich, aber der Prozess ist neu – und dadurch ist es eine ganz andere Arbeit. Gift ist die aktive Beeinflussung eines Archivs und damit die potenzielle Veränderung von Geschichtsschreibung. So sind die Materialien meiner Schenkung die ersten über Enteignungen in der DDR im Wende Museum. Dieses Projekt zu realisieren ging nur, weil ich das Stipendium der Hessischen Kulturstiftung hatte. Das hat mir den Rücken freigehalten und mich wirtschaftlich unabhängig gemacht. Für mich und meine Kunst war diese Reise elementar wichtig. Und in der Folge der Reise kam mir die Idee der Ausstellung Gift in der Galerie Wedding. Alles hängt also sehr eng miteinander zusammen.

Metz Worum geht es in der Ausstellung genau?

Irlinger Die Ausstellung baut auf einem Fund von alten Dokumenten auf, die ich zufällig während des Umzugs meines Vaters gefunden habe. Die Unterlagen stammen aus dem Nachlass meiner Großmutter und werden in der Ausstellung künstlerisch verwendet. Durch diesen Prozess durchlaufen sie eine Transformation vom Fundstück zum Kunstobjekt. Es handelt sich um Dokumente, die Auskunft geben über Eigentumsdelikte und Eigentumsübertragungen im Zusammenhang mit einem Haus in der DDR. Manche Dokumente stammen auch aus früheren Zeiten, so gibt es einen preußischen Hypothekenbrief. Die jüngsten Unterlagen stammen aus der frühen Nachwendezeit in der BRD. Die ganzen Unterlagen wurden durch die Ausstellung in der Galerie Wedding in einem Kunstkontext verortet, institutionell und ästhetisch. Später werde ich dieses Material als Schenkung ans Wende Museum geben. Dann werden wir erneut mit dem Material konfrontiert als historisches Artefakt.

Metz Wurde innerhalb deiner Familie vorher bereits über das Haus in der DDR gesprochen, oder war der Zufallsfund der Auslöser für das Gespräch darüber?

Irlinger Nein, darüber wurde vorher nie in der Familie gesprochen. Tatsächlich wurde mir das auch erst durch diesen Fund bewusst. Meine Großmutter wurde in Schönebeck an der Elbe in Sachsen-Anhalt geboren. Das war mir natürlich bekannt, aber mehr nicht. Beim Umzug fielen mir die Unterlagen zu einem Haus in Schönebeck in die Hände sowie etliche Urkunden, da­runter auch das Testament, in dem festgelegt wurde, dass das Haus innerhalb der Familie vererbt wird, außerdem Vollmachten, die sichergestellt haben, dass das Haus in der DDR weiter verwaltet wird, obwohl meine Großmutter nicht mehr in der DDR lebte, und dass Erträge davon in die BRD überwiesen wurden. Es gibt auch Dokumente, aus denen hervorgeht, dass es eine Rückübertragung und eine Enteignung gegeben hatte, und Fotos, die das Haus von innen wie von außen zeigen. Ich habe am Anfang gar nicht verstanden, was das alles war.

Metz Mit der Ausstellung hast du einerseits die Geschichte deiner Familie erforscht und zugleich einen Teil der deutsch-deutschen Geschichte rekonstruiert. Wenn du diese Prozesse nun als Kunstwerk in Form einer Schenkung an das Wende Museum gibst, dann schreibst du selbst die Geschichte. Du entscheidest, was das Museum erhält und was nicht. Was mich zu der Frage bringt: Glaubst du, dass es eine authentische, echte Geschichtsschreibung gibt – oder nur eingeübte historische Narrative?

Irlinger Ich denke, jede Geschichtsschreibung ist letztlich immer eine Konstruktion. Das ist eindeutig im Falle eines Archivs, denn in dem Moment, in dem etwas aufgenommen oder abgelehnt wird, verändert sich die Möglichkeit der Erinnerung. Genau dieser Moment interessiert mich so an der Idee einer Schenkung. Es ist eine aktive Lenkung und zugleich ist es ein Moment des Loslassens, denn ich gebe das Material in andere Hände. Über die Rezeption entscheiden andere. Sie tragen nun die Verantwortung dafür, müssen Bezüge generieren und sich auf der inhaltlichen Ebene mit dem Material auseinandersetzen. Hier sieht man, wie wichtig und bedeutsam die Vermittlung im Museum ist. Im Grunde ist das Archiv ein Schauplatz, in dem ein Kampf über die Bedeutung und die Repräsentation der Vergangenheit in der Gegenwart und der Zukunft stattfindet.

Metz Vor diesem Hintergrund erhält der Ausstellungstitel Gift eine ganz andere Bedeutung … Das englische Wort für „Geschenk“ und das deutsche Gift eröffnen einen weiten Interpretationsraum.

Irlinger Das sehe ich auch so.

Metz Mich beschäftigt aber noch, warum du die Unterlagen eigentlich nicht einem Archiv oder einer anderen kulturellen Institution in Deutschland schenkst. Gibt es dafür Gründe?

Irlinger Ich bin in den USA auf die Projektidee gekommen, in Deutschland wäre das nicht passiert. Das hat mir gezeigt, dass für mich eine geografische Distanz zu Deutschland nötig war – und dass diese Distanz vielleicht auch nötig sein könnte, um Geschichte aus einem anderen Selbstverständnis heraus betrachten und schreiben zu können. An einen anderen Ort zu gehen war und ist für mich als Künstler unerlässlich, um das eigene Schaffen infrage stellen zu können. So bekommt man Impulse und Ideen, die eben nicht aus immer derselben statischen Routine entstehen. Es kommt aber natürlich immer darauf an, welcher Typ Künstlerin oder Künstler man ist. Ich jedenfalls brauche das Andere, andere Menschen, andere Kontexte. Und nach all diesen Erfahrungen, die ich durch die Reise und die Beschäftigung mit dem Thema gemacht habe, scheint mir das Wende Museum der richtige Ort für die Schenkung zu sein. Dennoch bin ich mir bewusst darüber, dass das Unterfangen nicht risikolos ist.

Metz Wir feiern dieses Jahr 30 Jahre Wiedervereinigung. Welche Bedeutung hat dieses Ereignis für dich?

Irlinger Es hat schon eine große Bedeutung, auf mehreren Ebenen. Einerseits gibt es meinen familiären West-Ost-Bezug. Dann habe ich selbst ein paar Jahre in Leipzig gewohnt. Dadurch ist mir bekannt, was dann in (Gesamt-)Deutschland von der DDR noch „übrig“ war. Ich war recht aktiv an der Hochschule, die hinsichtlich des Programms, das gelehrt wurde, stark von alten DDR-Strukturen geprägt war, etwa mit einer speziellen Betonung von Handwerklichkeit in den Kursen. Und auf gesellschaftlicher Ebene, glaube ich, hat es eine gewisse Zeit gebraucht, um sich überhaupt damit auseinandersetzen zu können, was da in Deutschland genau passiert ist. Mein Projekt steht auch für diese Reflexion. Und es passt zu der Tatsache, dass im Moment an mehreren Stellen in der Kultur ein starkes Bedürfnis vorhanden ist, über die DDR auch noch einmal anders nachzudenken, als es bisher in der BRD getan wurde; und auch über die Vereinigung beider Länder.

Metz Sagst du bewusst „Vereinigung“ statt „Wiedervereinigung“?

Irlinger Ja, ich persönlich verstehe die sogenannte Wiedervereinigung nicht als eine große, heroische Fusion. Für mich ist dieses Ereignis von 1990 eine Vereinigung, aber keine Wiedervereinigung, denn was zusammenkam, das war vorher nicht schon so zusammen gewesen. Es hat sich so viel verändert, und die Vereinigung hat gleichzeitig so viele neue Realitäten nach sich gezogen. Ich bin sehr gespannt, welche weiteren noch folgen.

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