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früher und später

Bürgerschaftliche Initiativen in Kunst und Kultur basieren auf den emanzipatorischen Forderungen der Revolutionsbewegungen von 1789 und 1848. Zahlreiche Vereinsgründungen mit unterschiedlichsten gesellschaftlichen Zielen und Zwecken datieren in diesen Zeitraum. Der Verein für hessische Geschichte und Landeskunde 1834 e. V. ist eine dieser frühen bürgerlichen Gründungen; die unter dem Dachverband zusammengeschlossenen, regionalen Zweigvereine sind bis heute sehr aktiv in der Erforschung und Doku­mentation hessischer Landes-, Kultur- und Wissenschaftsgeschichte, mit Schwerpunkt im Bereich des früheren Kurfürstentums Hessen und des hessischen Hinterlandes. Aktuell fördert die Hessische Kulturstiftung zwei umfangreiche Forschungs- und Publikationsprojekte des Zweigvereins Kassel. Zentrale Themen für beide Vorhaben sind die Traditionen künstlerischer Praxis und Produktion.

Seit der frühen Neuzeit war künstlerische Betätigung Erziehungsbestandteil und Alltagsaufgabe fürstlicher Herrscherinnen und Herrscher. Ein solcher uomo universale nach bestem Renaissance-Ideal war Landgraf Moritz von Hessen-Kassel (1572 – 1632), genannt der Gelehrte. Er beherrschte mehrere Sprachen, war hochmusikalisch, künstlerisch talentiert, naturwissenschaftlich und städteplanerisch interessiert. Bislang wenig bekannt war ein Konvolut eigenhändiger Zeichnungen des Landesfürsten, das 1786 in die landgräfliche Bibliothek Kassel gelangte und heute in der Handschriftenabteilung der Universitätsbibliothek Kassel verwahrt wird. Bei den rund 400 bekannten Blättern handelt es sich um Federzeichnungen, so genannte Abrisse von bestehender und geplanter Architektur (Abbildung oben). Neben topografischen Bestandsaufnahmen des eigenen Territoriums finden sich auch Planungsideen für Um- und Neubauten damals existierender Objekte etwa in Kassel, Kaufungen, Melsungen und Eschwege. Die Ansichten mit außergewöhnlichen Perspektivführungen setzen ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen voraus. Diese raren, aus der Zeit vor dem Dreißigjährigen Krieg stammenden Blätter wurden in einem DFG-Forschungsprojekt 2009 bis 2011 erstmals ausgewertet. Sehr empfehlenswert zur näheren Betrachtung ist die Online-Präsentation des DFG-Projektes auf der Webseite der Kasseler Universitätsbibliothek.

Die Historikerin Dr. Ulrike Hanschke zeichnet verantwortlich für dieses Forschungsprojekt; die Ergebnisse daraus werden, zusammengefasst mit neueren Untersuchungen zu den Handzeichnungen, in einer Printpublikation in der Schriftenreihe des Vereins für Hessische Geschichte und Landeskunde 1834 e. V. veröffentlicht. — Ebenfalls in der Kultur- und Wissenschaftsgeschichte der Aufklärung verortet ist das zweite Projekt des Kasseler Vereins, das sich mit der Entwicklung der Kasseler Kunstakademie beschäftigt. Die 1777 von Landgraf Friedrich II. gegründete Künstlerausbildungsstätte gehört nicht zu den ältesten in Europa, wohl aber, als Vorläuferin der Kunsthochschule Kassel, zu den bis in die Gegenwart einflussreichen Standorten. Ihre 240-jährige Geschichte war bisher, im Vergleich etwa zu den Akademien Stuttgart, Hanau und Frankfurt am Main, nur unzureichend aufgearbeitet. Der Kasseler Geschichtsverein legt jetzt umfangreiche Forschungsergebnisse, insbesondere auch zur Quellenlage der Gründung, nahezu vollständige Listen der Lehrenden und Studierenden, der Lehrinhalte und der Verbindungen mit anderen Akademien und Künstlerbünden vor. Die große Ausnahme im späten 18. Jahrhundert: Als einzige derartige Institution in Europa nahm die Kasseler Akademie offiziell Frauen als Studentinnen auf, die auch einen regulären Abschluss erhalten konnten. Zu diesem Thema liegen ebenfalls neue Studien vor. (Abbildung unten: Johann Heinrich Tischbein d. Ä.: Allegorie auf die Gründung der Kasseler Kunstakademie, um 1778). Die Forschungen der vergangenen fünf Jahre wurden vor Kurzem in einem wissenschaftlichen Symposium gemeinsam mit der Universität Kassel – Kunsthochschule vorgestellt und diskutiert. Zur Sprache kamen dort in Vorträgen und Workshops sowohl die Spezifika der hessischen Akademiegründungen als auch die soziale Etablierung von Künstlern im Lauf des 18. Jahrhunderts. Künstlerförderung etwa durch Vergabe von Stipendien hatten schon Landgraf Moritz von Hessen-Kassel und Nachfolger gezielt betrieben. Die Professionalisierung von Künstlern, Ausstellungs- und Vertriebspolitiken im historischen Prozess bis hin zur aktuellen Situation der (Kasseler) Kunsthochschulen waren weitere Schwerpunktthemen.

Die Ergebnisse der Expertengespräche und die Symposiumsbeiträge werden in einer umfassenden Publikation veröffentlicht werden.

  • Publikation · Ulrike Hanschke: „Abriss“ und „Invention“.
  • Nordhessen in den Zeichnungen des Landgrafen Moritz
  • Schriftenreihe Kasseler Beiträge zur Geschichte und
  • Landeskunde Bd. 6: Kassel University Press
  • Erscheinungstermin Ende 2017
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  • Symposium · Die Kasseler Kunstakademie.
  • Diskurse aus der Gründungsphase vor 240 Jahren.
  • Gleichnamige Publikation, (Hg.) Martina Sitt, Bd. II,
  • Kassel University Press
  • Erscheinungstermin Anfang 2018
  • Verein für Hessische Geschichte und Landeskunde 1834 e. V.
  • Zweigverein Kassel, Theaterstraße 1, Kassel
  • www.geschichtsverein-kassel.de
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  • Online-Präsentation des DFG-Projektes:
  • www.uni-kassel.de/ub/ueber-uns/projekte/dfg-landgraf-moritz-online-praesentation.html
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