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stipendiatinnen jenny kropp & alberta niemann fort

Jenny Kropp (*1978) und Alberta Niemann (*1982), Absolventinnen der Hochschule für Künste Bremen und der Hochschule für Bildende Künste Hamburg, arbeiten seit 2008 zusammen (bis 2013 auch mit Anna Jandt), seither als Künstlerduo FORT. In ihren Installationen, Performances und Videoarbeiten bringen sie vertraute Wahrnehmung ins Wanken, bauen gefundene Situationen, Interieurs und Alltagsgegenstände im Ausstellungsraum wieder auf oder nach, gemischt und verfremdet mit fiktiven Elementen. Scheinbar Vertrautes, das kann schon mal eine komplette Tankstelle oder eine Drogeriemarkt-Einrichtung sein, entwickelt in ihren Kompositionen eine andere Seite, eine surreale und fast unheimliche Atmosphäre.

Ab August 2016 arbeiteten die beiden für ein Jahr im New Yorker Atelier der Hessischen Kulturstiftung. Angeregt durch die neuen Eindrücke, die sie von ihren ausgiebigen Streifzügen durch die Stadt mitbrachten, ist unter anderem die Einzelausstellung im Casino Luxembourg – Forum d’art contemporain (Luxembourg) entstanden, die im Januar 2017 eröffnet wurde. Mit einer Reihe von neuen Arbeiten beschäftigte sich Night Shift mit dem Thema Nacht und Dunkelheit und dem Bedürfnis von Mensch und Natur, darin Licht zu schaffen. In völlig unbeleuchteten Ausstellungsräumen gehörte dazu das Video Hello Darkness, eine abstrakte Collage aus selbst gefilmten und ge­fundenen urbanen Szenen sowie Aufnahmen biolumineszenter Tiefseetiere. Diese Bilder entstanden im Kontakt mit dem New Yorker Meeresbiologen und Tiefseetaucher David Gruber, der biolumineszente Lebewesen erforscht.

Für die darauf folgende Einzelschau in der Langen Foundation, einem privat gestifteten Ausstellungshaus auf dem Gelände einer ehemaligen NATO-Raketenbasis bei Neuss, arrangieren FORT in den puristischen Raumkuben des japanischen Architekten Tadao Ando verschiedene Werkgruppen zu der atmosphärisch dichten Installation Limbo. Auch in diesen Szenarien stehen das Verschwimmen von Grenzen, zwischen Realität und Unbewußtem, von Innen und Außen, im Zentrum, die eher erfahren als begrifflich bezeichnet werden können. Über diese Arbeit haben Jenny Kropp und Alberta Niemann im folgenden Interview mit der künstlerischen Leiterin der Langen Foundation, Christiane Maria Schneider, gesprochen.

Christiane Maria Schneider Seit September zeigen wir in der Langen Foundation die Ausstellung Limbo, für die ihr eine ganze Reihe neuer Arbeiten entwickelt habt, viele davon während Eures einjährigen New York-Stipendiums der Hessischen Kulturstiftung. Kernstück der Ausstellung ist eine fünf Meter hohe, zur Faust geballte Hand. Sie suggeriert Stärke und Machtwillen, gleichzeitig ist sie allerdings etwas marode. Ihre Monumentalität wird gebrochen durch das kleine, angelehnte Fahrrad der Marke Herkules. Wie kam es zu dieser Idee? FORT Zunächst einmal wollten wir mit unserer Ausstellung auf die Architektur der Langen Foundation eingehen, die von Tadao Ando entworfen wurde. Es war uns wichtig, die Arbeiten in Beziehung mit der Größe und Monumentalität der Räume zu setzen. Die beiden Haupträume sind acht Meter hoch und gaben uns, als wir die Räume zum ersten Mal sahen, das Gefühl ziemlich klein zu sein. Es war uns wichtig, mit diesem Gefühl zu arbeiten. Als wir durch Zufall über eine Annonce auf die Faust gestoßen sind, wussten wir gleich, dass wir das richtige Objekt für die Langen Foundation gefunden hatten und haben von der Faust ausgehend alle anderen Arbeiten entwickelt. Das Fahrrad haben wir hinzugefügt, weil wir damit eine Größenrelation herstellen und und die absurde Dimension der Faust betonen wollten. Gleichzeitig ging es aber auch darum, die Monumentalität der Faust zu brechen, indem ein so banaler Gegenstand wie ein Fahrrad angelehnt steht. Herkules haben wir gewählt, weil er als Mythenfigur heldenhaft die Natur bezwingt. In der Sage besiegt Herkules einen Löwen und wird so zur Gottheit. Diese Geschichte korrespondiert mit der Faust, die ja nicht nur für Widerstand steht, sondern in ihrer Überdimensionalität auch eine Geste der Überlegenheit ist, die den Menschen als Herrscher über Natur und Tier darstellt. Diese Naturbeherrschung ist tief verwurzelt im menschlichen Selbstverständnis, weil der Mensch immer darauf zustrebt, durch Wissen und Technik Natur und Lebewesen zu dominieren und zu manipulieren. Gleichzeitig bleibt die Faust durch die nach hinten sichtbar offen liegende Konstruktion auch verletzlich und fragil. Der Koloss ist in die Jahre gekommen, das Konstrukt menschlichen Machtstrebens nicht mehr stabil, es scheint bald in sich zusammenzubrechen. CMS Bei dem Mythos um Herkules möchte ich gleich an die beiden Löwenkäfige anknüpfen, die im Nebenraum stehen und wie die Ausstellung den Namen Limbo tragen. Damit ist nicht etwa der Tanz gemeint, sondern die Bedeutung ist ein Stück weit programmatischer: Im Englischen kann Limbo sowohl Gefangenschaft bedeuten als auch einen imaginären Ort verlorener und vernachlässigter Dinge bezeichnen. Und genau zwischen diesen Vorstellungen und Zuständen spielt die Atmosphäre und Thematik der Ausstellung. Was meint ihr ist verloren gegangen? FORT Der Zoo steht für uns für die Faszination am Nicht-Zivilisierten, am Wilden, Ungezähmten, also an dem, was dem Menschen in den letzten Jahrhunderten abhanden gekommen ist.

Und so wird versucht, das Wilde und Ursprüngliche in Zoos einzusperren und zur Schau zu stellen. Dabei geht die Ursprünglichkeit verloren, die Natur wird durch den Zoo domestiziert und ästhetisiert: Käfige sehen aus wie sorgfältig komponierte Arrangements und wirken eher wie Showrooms als eine natürliche Umgebung. Der Palmwedel, der dekorativ im Seil steckt oder die Baumstämme, die auf Fliesen befestigt sind, all dies sind Accessoires, die einen natürlichen Lebensraum simulieren sollen. Das sind im Übrigen keine Erfindungen, sondern entspricht dem realen Zustand der Raubtier-Käfige im Berliner Zoo. Natürlich scheitert dieser Versuch den natürlichen Lebensraum nachzuahmen komplett. Die Tiere leben in Unfreiheit und entwickeln Stereotypien, menschliche Krankheiten wie Depression.

CMS Diese Stimmung setzt sich fort in Eurer Installation Eye to Eye von 2015, einer Aufreihung von Türen, in denen nur die Fußmatten auf das Individuelle und Persönliche verweisen. Ich habe den Eindruck, es geht in der Ausstellung allgemein auch um Fragen ob und wie Freiheit in unserer postmodernen, zivilisierten Gesellschaft gelebt werden kann? FORT Es war uns wichtig, dass sich diese Thematik nicht nur auf Tiere im Zoo oder Haustiere beschränkt. Auch der menschliche Lebensraum ist künstlich geschaffen und gibt Regeln vor, die eingehalten werden müssen. Die Straßen in New York sind geometrisch angelegt, ein Raster, das befolgt werden muss. Im Central Park wird dann versucht die Natürlichkeit wieder herzustellen. Dort schlängeln sich die Wege organisch, fast als sollten die Menschen für das aufgezwungene Raster entschädigt werden. Auch die Wohnungen in großen Häuserblocks entsprechen nicht unbedingt den individuellen Bedürfnissen ihrer Bewohner. Die Türen sind alle gleich, aber die Menschen dahinter nicht. Die Türmatten sind wie ein letztes Indiz für Individualität in der Gleichförmigkeit, die die Architektur vorgibt. In unserer Installation war es uns wichtig, dass die verschiedenen Türmatten authentisch sind und Gebrauchspuren haben, deshalb haben wir sie über Wochen in verschiedenen Wohnblocks zusammen gesammelt bzw. eingetauscht. Wir sind mit einem ganzen Sack neuer Fußmatten um die Häuser gezogen und haben überall geklingelt, wo uns eine Fußmatte besonders gut gefiel. CMS Der Verlust von Individualität spielt auch in der Arbeit One In A Million eine Rolle, einem Schaufenster mit einer Gruppe kopfloser Damenbüsten. Auf tristeste Weise aufgereiht und in einem Display ausgestellt, entsteht auch hier ein Bild von Gefangenschaft und Domestizierung. Dieses Bild wirkt sehr unheimlich, obwohl die Köpfe fehlen, hat man das Gefühl angestarrt zu werden. Ihr habt mir erzählt, dass ihr dieses Fenster so ähnlich in Marienbad gesehen habt. Die Löwenkäfige sind ebenfalls ein Nachbau. Hat Eure Kunst häufig eine Vorlage in der Realität? Und nach welchen Kriterien wählt ihr die Motive aus? FORT Viele unserer Arbeiten entstammen unserem Alltag. Wir haben ein großes Archiv aus Fotos, die wir selber machen oder auf die wir im Internet stoßen. Auf dieses Archiv greifen wir häufig zurück, aber viele Arbeiten sind auch Mischformen aus unterschiedlichen Bildern und Erinnerungen, die irgendwie bei uns hängen geblieben sind. Es geht uns dabei aber nicht darum die Wirklichkeit 1:1 nachzubilden, sondern ein Gefühl zu vermitteln, das ein Objekt perfekt für uns eingefangen hat. CMS Wie seid ihr zu der Idee von Fake Five gekommen, der Garderobe mit den Leopardenmänteln? Gab es auch dafür ein Vorbild in der Realität? Und gibt es für Euch einen Zusammenhang mit den Löwenkäfigen? FORT Die Idee ist uns an einem Winternachmittag in New York gekommen. Wir besuchten ein paar Galerien in Chelsea und überall begegneten uns Frauen in Leopardenmänteln. Die Faszination am Wilden, Ungezähmten setzt sich ja auch in der Mode fort. Sie wird in Form von Pelzen übergestülpt, wie eine falsche Haut, die einem etwas leicht Gefährliches verleiht. Die Pelze sind aber nicht echt, wie der Titel schon verrät. CMS Auch die Werkgruppe der Hundehütten – allesamt Little Darlings, zeigen, wie die Natur zugerichtet und architektonisch eingehegt wird. Als Miniaturversionen menschlicher Behausungen mit ihren unterschiedlichen Baustilen zeugen sie vor allem von den Projektionen der Hundebesitzer. Ihr habt mir erzählt, dass auch diese Idee in New York entstanden ist. Wie kam es dazu? FORT Wir sind während unseres Stipendiums eigentlich ständig spazieren gegangen. Dabei sind uns viele interessante Hunde begegnet. Viele davon sind gezüchtet, vom Friseur gepflegt und mit menschlichen Attributen wie Schuhen oder Jacken ausgestattet. Es gibt eigene Spielplätze für Hunde, Geschäfte mit allen möglichen Arten von Spielzeug und Unmengen von Day Care’s, in denen die Hunde tagsüber betreut werden. Das Ganze ist eine Riesen-Industrie, die Vermenschlichung des Hundes wird auf die Spitze getrieben. Am Hund kann man am deutlichsten sehen, wie Menschen über Jahrtausende die Natur überformt und ein Haustier geschaffen haben, dessen Charakter und Aussehen zu ihren jeweiligen Bedürfnissen passen. So sind die unterschiedlichsten Hunderassen entstanden, die jagen, wachen, begleiten oder einfach nur als Freund oder Accessoire dienen.
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