Vinylfarbe auf Baumwolle, 200 x140 cm, © Kim Nekarda
Kim Nekarda: Denn ich wohne in einer Kammer aus Porzellan, 2007 ©
Vinylfarbe auf Baumwolle, 120 x 230 cm, © Kim Nekarda
Kim Nekarda: O. T., 2004 ©
Vinylfarbe auf Baumwolle, 140 x140 cm, © Kim Nekarda
Kim Nekarda: Alles, Alles, Alles, 2006 ©
Buntstift und Halskette auf Papier, 42x29,7 cm, © Kim Nekarda
Kim Nekarda: Walking on thin ice, 2008 ©
Vinylfarbe auf Baumwolle, 200 x140 cm, © Kim Nekarda
Kim Nekarda: O. T., 2007 ©
Vinylfarbe auf Baumwolle, 250 x140 cm, © Kim Nekarda
Kim Nekarda: Je m’en fous, 2006 ©

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stipendiat
Kim Nekarda

Kim Nekarda (*1973) hat 2003 die Akademie der Bildenden Küns­te München als Meisterschüler von Günther Förg abgeschlos­sen. Seine immer gegenständlichen Bilder entwickelt Nekarda aus collagierten Elementen, die Assoziationsfelder öffnen, eine stringente Erzählung aber verweigern. Während seines Stipendiums 2007 hat Kim Nekarda China bereist – Lhasa, Shanghai, Hongkong, Macau, Chengdu und die derzeit größte Stadt der Welt, Chongqing. Sein Ziel lag in Peking, wo er sieben Monate lang bei drei chinesischen Künstlern Unterricht in Kalligrafie genommen hat, eine strenge Übung in Zen offenbar.
    Nekardas aktuelle Ausstellung, eine Wandarbeit, ist im Neuen Kunstverein Gießen, Ecke Licher Straße/Nahrungsberg, noch bis zum 11. Januar 2009 zu sehen.

hks … Nachdem es eben um Tim und Struppi und einen gigantischen Fischteich ging, vielleicht zur Orientierung für unsere Leserschaft: Wo finden Sie, Herr Nekarda, die Stoffe für Ihre Bilder?

nekarda Im Moment lese ich ein Buch, das von einem Ritter handelt, den es nicht gibt. In seiner schillernden aber leeren Rüstung bewegt er sich sowohl im Lager als auch auf dem Schlachtfeld, kontrolliert, inspiziert, delegiert, erteilt Befehle und nimmt Befehle entgegen. Er bringt es fertig da zu sein, aber er ist nicht, was seine Umgebung im Übrigen mal mehr mal weniger erstaunt, aber zumeist belustigt aufnimmt.

Eine chinesische Geschichte aus dem 17. Jahrhundert erzählt dagegen von einer Figur, die zwar ist, aber nicht das, was sie zu sein vorgibt: „The monster had a paintbrush in its hand and was in the process of touching up the skin in lifelike colour. When the painting was done, it threw down the brush, lifted up the skin, shook it out like a cloak and wrapped itself in it – whereupon it was instantly transformed into his pretty young friend.“

Es gibt ein Bild von Roy Lichtenstein aus dem Jahr 1978 mit dem Titel Self-Portrait, das einen Spiegel zeigt, unter dem ein leeres ­T-Shirt liegt.

Noch einmal zurück nach China: „The traditional expression for pupil (tong ren) means literally man in the pupil, from the reflection of oneself that one sees in the eye of another.“

hks Den Spuren, die Sie da auslegen, folgend würde ich sagen, dass ich solchen Rittern zum Beispiel schon verschiedentlich begegnet bin. Auch in Ihren Arbeiten kommen sie häufiger vor, in unterschiedlichen Verbindungen. Die auf den ersten Blick sehr heterogenen Sujets, die Sie aus der Malerei, aus der Literatur, dem Film und dem Comic heranziehen, irritieren, weil sie nicht die eine Geschichte erzählen, nicht das eine Thema variieren. Vielmehr findet da etwas statt, das an das Konzept der rhizomhaften Strukturen erinnert, die vor langer Zeit Deleuze und Guattari als ästhetisches Ordnungssystem vorgeschlagen haben.

Wie gehen Sie formal, technisch um mit diesen Quellenmotiven, wie entsteht das Bild, oder auch der Text – Sie haben ja erwähnt, dass Sie auf der Reise nach China mit dem Schreiben experimentiert haben?

nekarda „I would have to think for two or three months before deciding to do something which would have significance. It couldn’t be simply an impression, an amusement. It would have to have a direction, a sense. That’s the only thing that would ­guide me. I’d have to find it, this sense, before I started.“

„Der endgültige Vorschlag, die endgültige Aussage, darf keine bewusste Aussage sein, sondern muss eine hilflose Aussage sein. Es muss das sein, was zu sagen man nicht umhin kann, und nicht das, was zu sagen man sich vorgenommen hatte. Ich glaube, man sollte alles einsetzen, was man nur einsetzen kann, alle Energie sollte beim Malen aufgebraucht werden, so dass man keine Kraftreserven mehr hat, um diese Dinge benutzen zu können. Man sollte eigentlich nicht wissen, was man damit machen soll, denn es sollte dem entsprechen, was man schon ist; es sollte nicht einfach nur etwas sein, was man mag.“

hks Das führt mich gleich zur nächsten Frage, nämlich: Was hat Sie, als Maler und lebenslanger Leser von Comics und alten und neuen Geistergeschichten, an der chinesischen Schriftkunst in­teressiert? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht als pupil?

nekarda „Aus dem Wort mo (Tusche) haben sich im Leben der Literaten viele bildhafte Ausdrücke herausgebildet, die in den allgemeinen Sprachgebrauch übergingen: mohai (Tuschemeer: umfassende Bildung), mozhi (Tuschelösung: Talent, schriftstellerische Ader). In taoistischen Praktiken ist die Tusche anstelle von Kohle auch als Medizin verwendet worden, man hat ihr sogar einen Geist angedichtet (moshen).“

Die Linie der Tusche bleibt unbeweglich fixiert auf dem Bild erhalten, in seiner Unbeweglichkeit aber auch die Bewegung des Pinsels und darin der Pulsschlag der lebendigen Hand, des Handgelenks und übertragen gesehen des Lebens / Herzens.

Bei Hergé, dem Erfinder von Tim und Struppi, wurde in der Fachliteratur für seinen Zeichenstil der Begriff der „Demokratischen Linie“ geprägt. Ob Vordergrund oder Hintergrund, groß oder klein, von Bestand oder flüchtig, zu Vernachlässigendes oder Wichtiges, alles wird mit derselben schwarzen Umrisslinie versehen.

Während des Kalligrafiekurses sagten meine Lehrer zu mir, meine Linien seien „stubborn“, also starrköpfig, hartnäckig, störrisch und stur, und dass ein Europäer niemals vollständig die ­chinesische Malerei und Kalligrafie begreifen könne. Dazu ein Gleichnis von He Wei Ming: „Den Europäer juckt es am Fuß und, um sich Erleichterung zu verschaffen, beginnt er sich zu kratzen. Nun trägt er aber Lederschuhe und kann mit seinen Fingern die eigene Haut nicht erreichen.“

Obwohl sich das hier vielleicht etwas anders anhört, habe ich immer das Gefühl gehabt ernst genommen zu werden, und an Hand der Äußerungen meiner chinesischen Freunde zu meiner eigenen Arbeit habe ich begriffen, wie fremd ich ihnen erscheinen muss. Dieses ständige Nicht-Verstehen habe ich als etwas unglaublich Produktives erlebt.

hks Es gibt ja dieses wunderbar abgedrehte Video von Pipilotti Rist als Flugbegleiterin, deren Durchsage in der Kabine ich an dieser Stelle als Ausblende benutzen möchte:
(dingdong:) „Mesdames et Messieurs
Bienvenue a bord de notre vol a destination
To nowhere … to you … deep inside.
Auch wenn Sie verletzt sind,
auch wenn es schwierig erscheinen mag
sind wir vor 5 min. abgehoben.
Die Liebe ist unklar,
darum bleiben Sie bitte angeschnallt.
Beachten Sie den Orbit, Mondaufgang, Sternenstaub.
Beachten Sie links und rechts Ihre Nachbarn.
We are on the way to find you,
so please forget who you are.
Nous vous remercions de choisir, choisir, choisir …“
(Aus: Pipilotti Rist, Pamela, Videoinstallation, 1997)

Eine E-Mail-Korrespondenz zwischen Karin Görner
und Kim Nekarda.

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