Still, HD Video, 14 Min. 56 Sek., Loop, stumm © Martina Wolf, Frankfurt am Main
Martina Wolf: Tag des Sieges Moskau, 9. Mai 2009 ©
Still, HD Video, 14 Min. 56 Sek., Loop, stumm © Martina Wolf, Frankfurt am Main
Martina Wolf: Tag des Sieges Moskau, 9. Mai 2009 ©
Still, HD Video, 14 Min. 56 Sek., Loop, stumm © Martina Wolf, Frankfurt am Main
Martina Wolf: Tag des Sieges Moskau, 9. Mai 2009 ©
DV-Cam / DVD, 28 Min. 56 Sek., Loop, stumm © Martina Wolf, Frankfurt am Main
Martina Wolf: LENIN, Sankt-Petersburg 2009 ©
DV-Cam / DVD, 28 Min. 56 Sek., Loop, stumm © Martina Wolf, Frankfurt am Main
Martina Wolf: LENIN, Sankt-Petersburg 2009 ©
DV-Cam / DVD, 28 Min. 56 Sek., Loop, stumm © Martina Wolf, Frankfurt am Main
Martina Wolf: LENIN, Sankt-Petersburg 2009 ©
Aufnahmen 16, 18 (2), 39, Videoserie aus 13 Videos, HD Video, Länge variabel, Loop, stumm © Martina Wolf, Frankfurt am Main
Martina Wolf: Pielfeld, Moskau 2009 ©

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stipendiatin
martina wolf

Die Foto- und Videokünstlerin Martina Wolf (*1967) hat in Ros­tock Grafik sowie in Dresden Neue Medien studiert. 2005 hat sie ihre Ausbildung als Meisterschülerin bei Lutz Dammbeck an der Dresdner Hochschule für Bildende Künste abgeschlossen. Für ihre konzeptuelle Arbeit hat Wolf bereits verschiedene Stipendien und Preise erhalten, unter anderem den Penta-Park-Fotopreis und das Internationale Künstleraustauschprogramm Columbus / USA der Stadt Dresden, ein DAAD-Stipendium Paris sowie Arbeits­sti­pen­dien der Kulturstiftungen der Dresdner Bank und der DEFA. Martina Wolf arbeitet zurzeit in Moskau im Rahmen des erstmals für diesen Standort ausgeschriebenen Reisestipendiums der Hessischen Kulturstiftung.

Noch bis zum 21. Januar 2010 können Sie aktuelle Arbeiten ­unserer Stipendiatin in der Ausstellung Ohne uns! in der Motorenhalle Dresden sehen. Die Galerie Baer, ebenfalls Dresden, zeigt vom 22. Januar bis 6. März 2010 ihre Moskauer Videoarbeiten unter dem Titel Lenin, Sieg und Wahrheit.

hks Martina, du hast in den vergangenen Monaten, sommers wie winters, aus dem Fenster deiner Moskauer Atelierwohnung geschaut – nicht mit einem Sofakissen unter den Ellbogen, sondern mit der Kamera. Was hat dich an diesem Ausblick auf die Welt so interessiert?

wolf Das Geschehen, was vor meinen Augen abläuft, als Ausschnitt einer Welt, in die ich als Künstlerin mit einem Stipendium gekommen bin. Ich kenne vieles nicht, vieles bleibt mir verschlossen oder es braucht Zeit zum Verstehen. Es gibt aber auch ein unvoreingenommenes Sehen, Überraschungen.

Und ich mag diesen Ausblick. Die vielen Elemente darin sind mir wichtig: der Platz, eingerahmt von einer typischen sowjetischen Architektur; die Wege und Bäume. Dann noch die Menschen, die über den Platz laufen. Manche kenne ich inzwischen schon vom Sehen, vor allem die Hundebesitzer und die Kinder, die regelmäßig da sind. Trotzdem weiß ich nie, wann was passiert. Und wie sie laufen – anders als in Deutschland, gelassener, hinnehmender und in sich zurückgezogener. Es erscheint auch angebrachter so, denn das Leben hier ist härter, schon alleine durch die Witterungsbedingungen und die riesigen Dimensionen.

Ich habe die Möglichkeit, nach meinem Tempo zu arbeiten, nicht um Erlaubnis zu fragen, keine Rücksichten zu nehmen. Und die Grenzen des eigenen Vermögens zeigen sich. Aber ich will auch nicht immer filmen.

In der Videoserie Spielfeld spiele ich mit den Möglichkeiten der Wiederholung nicht nur innerhalb einer Sequenz, sondern innerhalb mehrerer Videos. Diese Serie ist in dem Sinne keine Dokumentation des Geschehens vor meinem Fenster, sondern die Suche nach einer bildnerischen Struktur für eine begrenzte Zeit an einem Ort. Es ergibt sich eine Art Kaleidoskop.

Ich filme also nur zu bestimmten Zeiten. Und da gibt es dann auch die Erkenntnis, die Kamera nicht in der richtigen Zeit in Funktion zu haben. Richtig, das meint, wie alle Zufälligkeiten und Bewusstheiten zusammen eingehen in ein Bild.

Den Ausschnitt habe ich natürlich nach meinen Gesichtspunkten untersucht. Der abgesteckte Rahmen ist nicht allzu groß, aber komplex im Aufbau und in seiner Veränderungsmöglichkeit durch die Fensterdrehung. Damit verschiebe ich die Archi­tektur, die Bäume, also die Bildstruktur, und ich verändere den Zeitpunkt der Wiederholung. Hinzu kommen noch die äußeren Veränderungen des Wetters, des Lichts und der Jahreszeiten, die ich in meinem Videorahmen viel intensiver beobachtet habe. Vor allem aber die große Unbekannte: die Bewegung der Menschen.

Das Hinausblicken aus dem Fenster und meine Aufnahmen, das Fassen-Können und das Nichtfassen-Können als existenzieller Zustand. In dem von mir Gesehenen spiegelt sich auch meine Zeit. Das Bedürfnis festzuhalten und wiederzuholen, was ja illusionär ist und doch oft vorhanden, übertrage ich gerne in die künstlerische Arbeit, ohne das Private in den Vordergrund zu rücken. Ich will allgemein bleiben beziehungsweise werden, jedoch im Konkreten.

hks Die Videoserie Spielfeld, von der wir gerade gesprochen haben, aber auch deine in städtischen Außenräumen entstandenen Arbeiten LENIN und Tag des Sieges basieren auf einem stehenden Bild, innerhalb dessen Bewegung stattfindet. Welche Bedeutung hat das Fenster, der Rahmen, sei er architek­tonischer und/oder kameratechnischer Art, in deiner Arbeit? Du beschäftigst dich ja schon länger mit diesem Motiv. Gibt es diesbezüglich in deinen Moskauer Produktionen Veränderungen gegenüber früheren Perspektiven?

wolf Das Fenster oder der gerahmte Blick ist für mich ein Bild von einem anderen Raum. Der Betrachter / Voyeur kann eine klare Position davor einnehmen. Der Rahmen definiert die Grenzen. In meinen Fenster-Videos verweist der Fensterrahmen auf die Ausschnitthaftigkeit der Arbeit. Jedoch ist das Format nie von einem Fensterrahmen umschlossen. Der Rahmen, als Senkrechte erscheinend, ist eine Achse im Bild, die zwei Wirklichkeitsebenen nebeneinander stellt: den Ausblick und die Spiegelung des Ausblickes. In der Videoarbeit geht beides eine bewegte Verbindung ein, denn durch die Drehung des Fensterrahmens verändere ich die Spiegelung und somit das gesamte Videobild. Die Abfolge entsteht durch die aufeinander folgenden Möglichkeiten. In den neuen Moskauer Arbeiten gehe ich weg vom Fenster. Es sind Objekte, die im Bild fixiert werden und die darauf verweisen. Dadurch entsteht eine Verhältnismäßigkeit, die das Video bestimmt.

Bei der Arbeit Tag des Sieges gibt es durch den zentralen Videobildschirm ein Bild im Bild und zusätzlich, neben der politischen Dimension, noch einen Rückschluss zum Aufnahmemedium. Bei der Arbeit LENIN ist es ein Zusammentreffen von verschiedenen Bewegungen. Es entstehen verschiedene Zeitmaßstäbe und daraus die Interpretationsräume. Ich habe in Moskau vor allem die Schichten der Information­en innerhalb des Stadtraumes benutzt, die jedoch genauso die Mög­lichkeiten der Variation und Interpretation innerhalb eines festen Rahmens tragen. Mit meiner Aufnahmeweise kann ich die Dinge kurzzeitig getrennt voneinander wahrnehmbar machen und eine distanziertere Sicht anbieten. Die fremde Sprache und die andere Geschichte spielen eine weitere wichtige Rolle für diese Distanz.

hks Ich würde abschließend gerne noch auf eine mehr kulturpolitische Einschätzung zu sprechen kommen: Die Hessische Kulturstiftung hat das Moskau-Stipendium im Turnus 2007/08 probeweise neu eingerichtet, du bist die erste Stipendiatin für diese Destination. Wie schätzt du aktuell die Möglichkeiten beziehungsweise Bedingungen für eine freie künstlerische Arbeit in der Stadt ein? Du hast selbst internationale Erfahrungen gesammelt und kannst vergleichen; andere Stipendiaten berichten zum Bespiel über deutlich restriktivere Arbeitsbedingungen in Amerika nach 9/11.

wolf Moskau ist kein Gewächshaus. Aber nach meiner Erfahrung entsteht der große Teil der Schwierigkeiten innerhalb eines Stipendiums eher aus Missverständnissen und weniger durch Einschränkungen der Arbeitsmöglichkeiten. Ich beziehe das natürlich auf eine künstlerische Arbeit und nicht auf eine regimekritische Berichterstattung. Dafür herrschen andere Regeln.

Ich habe eine ganze Zeit gebraucht, um den Mut zu haben, meine Kamera in der Öffentlichkeit einfach aufzubauen. Ich wusste nicht, was passieren wird. Jetzt ist mir klar: Auf jeden Fall kommt jemand und fragt, was man macht. Neben den Moskauern, verwundert über die Banalität oder Hässlichkeit des Aufgenommenen, ist es meistens ein Wachmann. Die Sorge um ein schlechtes Bild nach außen erscheint insgesamt recht groß. Aber auch die Polizei fragt nach oder ein Mitarbeiter des Ministeriums für Innere Angelegenheiten. Wenn keine „Gefährdung“ der Öffentlichkeit gesehen wird und man ein erklärendes Schreiben bei sich hat, ist die Weiterarbeit möglich. Die härteste Konsequenz war der Abbruch der Arbeit, sehr ärgerlich, aber nur zu ändern mit dem entsprechenden Erlaubnisschreiben. Für „strategisch wichtige Orte“, wie Bahnhöfe, Flughäfen, die Metro, gibt es keinen anderen Weg als den langen über das Papier.

Moskau ist ein spannender Ort für einen Arbeitsaufenthalt. Die vielen Formen der Leerräume und die unverhüllten Widersprüche sind herausfordernd. Daraus ergeben sich viel deutlicher Distanzierungsmöglichkeiten.

Das Gespräch führte Karin Görner.

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