Fotografie
Porträt Harry Fuld, 1920er Jahre ©
Öl/Lwd., 38 × 46 cm, Foto: Axel Schneider
Henri Matisse: Paysage – Le Mur rose ©
Fotografie, Landesarchiv Berlin, LAB B Rep. 025-07, Nr. 4884/59, Bl. 15, Foto 4B
Salon der Berliner Villa Fuld, nach 1929 ©

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zurück gekommen

Gut sechzig Jahre nach Kriegsende sind die Debatten um ei­nen angemessenen Umgang mit den während der NS-Zeit aus jüdischem Besitz enteigneten Kunst- und Kulturgütern noch immer weit reichend und kontrovers. Diese extrem schwierige Situation entsteht nicht zuletzt aus der Tatsache, dass potenziell alle deutschen und viele internationale Museen, der Kunsthandel, Archive und Bibliotheken, private wie öffentliche, mit historischen Beständen betroffen sein können. Mit dem aktuellen Stand der Provenienzforschung und der Rückgabe von Kulturgütern an die Erben der europäischen Juden hat sich auch ein wissenschaftliches Team aus den Jüdischen Museen Frankfurt und Berlin befasst. Die Ergebnisse wurden ab 2008 in Ausstellungen beider Häuser und dem gleichnamigen Band Raub und Restitution. Kulturgut aus jüdischem Besitz von 1933 bis heute veröffentlicht.

Das Gemälde Paysage – Le Mur rose, ein frühes Werk von Henri Matisse (1869–1954), das wir Ihnen hier vorstellen möchten, steht mit seiner inzwischen eingehend recherchierten Geschichte exemplarisch sowohl für die Bedeutung jüdischer Sammler in der frühen Moderne als auch den Kunstraub der Nationalsozialisten und die komplizierte Restitution in der Nachkriegszeit. Es wurde dem Jüdischen Museum Frankfurt im Kontext der genannten Ausstellung zum Kauf angeboten.

Das farbintensive Bild entstand 1898 während eines Korsika-Aufenthaltes von Matisse und zeigt das ehemalige Hospice Eugénie in Ajaccio. Der in Frankfurt ansässige jüdische Gründer der Telefon- und Telegraphenwerke AG, Harry Fuld sr. (1879 – 1932), kaufte Le Mur Rose vermutlich 1917 für seine umfangreiche Kunstsammlung, die er in enger Verbindung mit dem damaligen Direktor des Frankfurter Städel Museums, Georg Swarzenski, aufbaute. Swarzenski publizierte mehrfach über die Sammlung Fuld: 1918 erwähnte er das Matisse-Gemälde in einem Aufsatz. Nach dem Tod Harry Fulds 1932 gingen das europaweit erfolgreiche Unternehmen und die Kunstsammlung auf seine beiden Söhne und seine Witwe über. Bereits ein Jahr später wurden die Erben in der Folge der rassistischen NS-Politik enteignet und zur Emigration gezwungen. Der Familienkonzern wurde „arisiert“ und konnte schließlich von dem Hauptkonkurrenten übernommen werden.

Das Matisse-Gemälde gehörte zum Erbteil des ältesten Sohns, Peter Harry Fuld jr. (1921 – 1962), er lagerte verschiedene Kunstobjekte vor seiner Flucht bei einer Berliner Spedition ein. 1941 beschlagnahmten die Berliner Finanzbehörden Fulds Besitz und ließen das Konvolut 1943 von dem Berliner Auktionshaus Hans Wolfgang Lange versteigern. Le Mur rose erwarb Lange (1904 –1945) – außerhalb der Auktion – selbst. Aus unbekannten Gründen übergab der Kunsthändler den Matisse an seinen Schul­freund Kurt Gerstein (1905 – 1945), einen hochrangigen SS-Offizier, dessen umstrittene Rolle im Holocaust Rolf Hochhuth in seinem Drama Der Stellvertreter thematisiert hat.

Nach dessen Selbstmord in französischer Haft wurde das Gemälde aus dem Besitz von Gersteins Ehefrau 1948 in Tübingen von der französischen Armee beschlagnahmt. Da damals keine Vorbesitzer bekannt waren, wurde ohne weitere Nachforschun­gen das Werk eines französischen Malers dem französischen Staat in die Obhut des Musée National d’Art Moderne überstellt.

Erst im Rahmen der 2008 in Jerusalem und Paris gezeigten Ausstellung A qui appartenaient ces Tableaux? konnten sich die rechtmäßigen Nacherben der Familie Fuld, die israelische Wohltätigkeitsorganisation Magen David Adom, melden: Sie erhielt das Gemälde im November desselben Jahres restituiert.

Das Jüdische Museum Frankfurt wird es in der geplanten Dauer­ausstellung zur kulturellen Bedeutung jüdischer Mäzene und Sammler präsentieren.

  • Jüdisches Museum
  • Untermainkai 14/15
  • 60311 Frankfurt am Main
  • Telefon 069 / 21 23 50 00
  • Öffnungszeiten Di – So 10 – 17 Uhr, Mi 10 – 20 Uhr
  • www.juedischesmuseum.de
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