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editorial

Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser,

wie halten Sie es mit dem Abstand? Vielleicht rollen Sie mit den Augen, seufzen, sprechen von einer Notwendigkeit, von Anstrengung. Wenn wir zurzeit von Abstand reden, sprechen wir von den Regeln der Pandemie, die uns nun schon seit fast genau einem Jahr in die Beschränktheit unserer privaten Räume einsortiert. Hier haben wir Abstand von allem – außer von uns selbst vielleicht. Es ist also verzeihlich, wenn wir genug haben von der Entfernung zu unseren Mitmenschen, zur Kultur und uns wieder ein wenig mehr Distanz zu uns selbst wünschen.

Wie notwendig ein gebührender Abstand ist, um einen Sachverhalt beurteilen zu können oder das Große und das Ganze eines Gegenstandes zu erfassen, lehrt uns hingegen die Wissenschaft. Kunst und Kultur zeigen uns die Vielfalt der Abstände, sie haben die Freiheit, uns in neue Verhältnisse zu setzen, verdrehen und verfälschen gewohnte Perspektiven: Sie schaffen Nähe, wo keine ist, machen unsere Distanziertheit im Beisammensein offensichtlich und bieten uns – selbst in digitaler Form – etwas Abstand von uns selbst.

Wir freuen uns sehr, diese wichtige Arbeit mit einem neuen Kulturförderprogramm und Brückenstipendien gemeinsam mit dem Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst weiterhin unterstützen zu können. Ab Mitte März können sich freischaffende Künstlerinnen und Künstler aus Hessen wieder bewerben!

Wir hoffen außerdem sehr, dass in nicht allzu ferner Zukunft die beiden Ausstellungen, die wir Ihnen in dieser Ausgabe vorstellen, auch besucht werden können. Prehns Bilderparadies: Die einzigartige Sammlung eines Frankfurter Konditors der Goethezeit zumindest lässt sich auch mit Abstand genießen, da die Sammlung von 32 Kabinettschränken mit über 800 klein- und kleinstformatigen Gemälden und Fragmenten auf der Internetseite des Historischen Museums in Frankfurt auch digital zugänglich ist.

Die retrospektive Ausstellung zum zehnten LICHTER Art Award, die aufgrund der Pandemie erst in diesem Jahr stattfinden soll, zeigt die bereichernde Nähe von Film, bildender Kunst und Performance.

In der Sammlung Nekes, die sich mit der Vor- und Frühgeschichte des Kinos beschäftigt und die jetzt anteilig für das DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum in Frankfurt erworben werden konnte, dreht sich alles um den Zauber, der zwischen den Bildern entsteht, in dem für unsere Augen nicht mehr wahrnehmbaren Abstand zwischen einem Moment und dem nächsten.

Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre

Eva Claudia Scholtz
Geschäftsführerin der Hessischen Kulturstiftung

retrospective

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