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editorial sommer 2020

Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser,

gewöhnlicherweise würden Sie an dieser Stelle etwas lesen über den kommenden Sommer und was er für uns an unbeschwerten Freuden aus Kunst und Kultur bereithält; aber von der Selbst­­­ver­ständlichkeit des Gewohnten, unserem komfortablen und sicheren Alltag, mussten sich viele im März verabschieden. Ganz zu schweigen von den Menschen, denen Sicherheit und Komfort schon vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie Fremdwörter waren.

Marcel Proust hat aus der Einsamkeit seines Zimmers heraus – das kommt uns bekannt vor – auf vielen Seiten über das Verhältnis von Wahrheit, Gewohnheit und Erinnerung, unsere intellektuelle und sinnliche Wahrnehmung der Welt reflektiert. Dabei brechen Krankheit, Kunst und Tod in der Suche nach der verlorenen Zeit mit Macht in den Alltag ein. Sie haben das Potenzial, die Wahrnehmung der Welt zu verändern. Im sommerlichsten Teil der Recherche – Im Schatten junger Mädchenblüte – stellt Proust den fiktiven Maler Elstir vor, der dem jungen Protagonisten mit seiner Kunst die Augen für eine Realität neben dem Tunnelblick des Gewohnten öffnet, für die Kraft der Illusion als wirklichkeitsformendes Werkzeug. Hier und heute formt die Pandemie noch immer eine neue Wirklichkeit für uns alle und suspendierte nicht zuletzt die Künstler, die Kunst aus unserer Lebenswelt.

Wir stellen Ihnen in diesem maecenas zwei geförderte Projekte vor, die Sie auch noch zu einem späteren Zeitpunkt besuchen können. Auf Schloss Erbach im Odenwald inszenierte Graf Franz I. seine Sammlungen als mittelalterliche und antike Lebenswelten. Im letzten Jahr glückte der Ankauf der gräflichen Ahnengalerie mit Gemälden Anthonis van Dycks oder Gerrit van Honthorsts. Solange die Museen noch geschlossen sind, kann man die Arbeit des Museums medial unter #schlosserleben verfolgen.

Der Ankauf eines Portfolios von Märchenschulwandbildern aus der Sammlung Dathe für das Museum Steinau und das dortige Brüder-Grimm-Haus ermöglicht zukünftig einen Einblick in den Zusammenhang von Märchen und Pädagogik, Imagination anregender Bildung und domestizierter Fantasie.

Christin Berg – Stipendiatin in unserem Atelier in Paris – berichtet im Interview von ihrer Arbeit dort, dem Schreiben, dem flanierenden Erkunden der unbeachteten Ecken, des verborgenen oder widerständigen Lebens der Stadt und ihrer Bewohner – und dem Film, der daraus entstehen wird.

Der asthmakranke Proust, der in seiner Selbstisolation keine finanziellen Sorgen hatte, ließ das Leiden zu seinem Alltag, den schmerzlichen Bruch – aus dem er kreatives Potenzial schöpfte – zum Dauerzustand werden. Es ist jedoch ein verhängnisvoller Trugschluss zu glauben, dass Kunst und Leid immer zusammengehören! Wir freuen uns deswegen, dass der Zugang zu Kunst in Teilen wieder gewährt wird, und hoffen, mit unseren dieses Jahr wieder ausgeschriebenen Stipendien für bildende Künstler, zumindest was den finanziellen Rahmen angeht, für einige Zeit genügend Freiraum zum Arbeiten zu ermöglichen. Denn Kunst schafft einen zweiten Blick auf die Wirklichkeit, dessen wir als kritisches Korrektiv bedürfen.

Ich wünsche Ihnen eine unterhaltsame Lektüre

Eva Claudia Scholtz
Geschäftsführerin

retrospective

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