GL mit Cloud Walk-Ausrüstung auf dem Dach, im Hintergrund das -Chrysler Building. Fotografie mit Genehmigung von Tishman Speyer Property, L.P., Foto: Manfred Reiff © Gerhard Lang
Gerhard Lang: Ortsbegehung imMetLife Building am 11. Dezember 2012 ©
© Gerhard Lang
Gerhard Lang: Composite-Aufnahme, Astor Place, Manhattan, 2012 ©
Fotografie entstanden mit einem alten Phantombildgerät der Polizei © Gerhard Lang
Gerhard Lang: Wolkenphantom WA-281112, 2013 ©
Performance, GL an der Ecke Christopher Street / Bedford Street, Foto: Manfred Reiff © Gerhard Lang
Gerhard Lang: Through the Looking Glass II, Manhattan, 2012 ©
Blick in den Claude-Lorrain-Spiegel, Foto: Manfred Reiff © Gerhard Lang
Gerhard Lang: Through the Looking Glass II, 2012 ©
Fotografie © Gerhard Lang
Gerhard Lang: Wolkenphantom WA-120113, 2013 ©

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stipendiat
gerhard lang

Das New Yorker Atelier der Hessischen Kulturstiftung ist derzeit Basisstation von Gerhard Lang (*1963). Der ansonsten überwiegend im Odenwald lebende Künstler widmet sich hier wie dort der Erkundung des umgebenden Raumes unter Verwendung von Ansätzen aus der Spaziergangswissenschaft oder Promenadologie, im Englischen bezeichnet mit dem schönen Begriff Strollology.

Lang hat an der Kunsthochschule Kassel bei Floris M. Neusüss und Lucius Burckhardt studiert als auch an der Slade School of Fine Art, University College London, bei Stuart Brisley und Stephan Bann einen M. A. erworben. Seine Arbeiten, wie die ritualisierten Wolkenspaziergänge, bewegen sich zwischen performativen, fotografischen und zeichnerischen Praktiken – immer mit dem Ziel, die Konstruktion dessen, was wir als Landschaft denken, in Frage zu stellen.

Seit den 1990er Jahren sind Langs künstlerische Untersuchungen zu den Grundlagen des Sehens im Hinblick auch auf soziale und politische Dimensionen von Gestaltung bei zahlreichen internationalen Ausstellungen, darunter die Biennale Venedig und das New Yorker PS1, vertreten; Stipendien, Auszeichnungen und Einladungen zu Lehrtätigkeiten im In- und Ausland folgten. 

Zu seinen aktuellen Stipendiumsprojekten im New Yorker Stadtraum haben wir den Künstler im interview befragt.

Darüber hinaus möchten wir Sie gerne auf die kommende Ausstellungsbeteiligung von Gerhard Lang im Frankfurter Kunstverein hinweisen: Vereinzelt Schauer – Formen von Wetter wird dort ab 8. März 2013 zu sehen sein. In Vorbereitung sind zudem zwei Wolkenspaziergänge in den Schweizer Alpen, mehrere Serien von Phantombildern mit den in New York entstandenen Fotografien sowie eine Videoarbeit über die Performance Through the Looking Glass II in Kooperation mit dem Institut für Kunstgeschichte der New York University (NYU).

 

hks Herr Lang, Sie sind der erste praktizierende Spaziergangswissenschaftler, den ich jemals getroffen habe. Von der Promenadologie habe ich zwar schon gehört im Zusammenhang mit Lucius Burckhardt (1925 – 2003) und seiner Lehrtätigkeit im Fachbereich Architektur, Stadtplanung, Landschaftsplanung (ASL) an der Gesamthochschule Kassel, aber was genau tun Sie als Künstler damit, was ist Ihr Metier?

lang Im Zentrum meiner Arbeit steht die Auseinandersetzung mit Landschaft. Ich arbeite mit dem Ansatz des l’intervento minimo, den Lucius Burckhardt mit dem Pariser Landschaftsarchitekten Bernard Lassus entwickelte. Die darin enthaltenen planungstheoretischen Betrachtungen vollzogen eine fundamentale Kritik am unverantwortlichen Umgang mit den begrenzten Ressourcen. Es geht um die Frage, wie sich mit möglichst wenig Aufwand unsere Wahrnehmung verändern lässt. Der Gedanke vom kleinstmöglichen Eingriff steckt in nahezu all meinen performativen Arbeiten, so auch im Wolkenspaziergang oder in der Arbeit Through the Looking Glass II in New York.

hks Mir kommt dazu ein weiterer leidenschaftlicher Wanderer, nämlich Hans Jürgen von der Wense (1894 – 1966) in den Sinn, der, so scheint mir, in seinen seismografischen Beobachtungen über die Verhältnisse von Landschaft, Sprache, Literatur, Musik etc. eine ähnliche, aufs Ganze gerichtete Perspektivenerweiterung versuchte. Eine geschärfte Wahrnehmung sozusagen an den Schnittstellen dessen, was und was nicht von Menschen geformt ist … Wohin gehen und sehen Sie in New York?

lang Es geht um das Erleben und Wahrnehmen. Das Spazieren – die Bewegung durch den Raum – wie das Wandern von Wense in Nordhessen sind unmittelbare Methoden hierfür. Dem Atelierstipendium der Stiftung verdanke ich meinen Aufenthalt in New York, der mir dazu dient, die Stadt umfassender in meine Landschaftsarbeit einzubeziehen. Das geschieht auf der Grundlage der Überlegung, dass ich Landschaft weder berühren noch betreten kann. Ich verstehe Landschaft als einen kurzen Moment, in dem sich das Außen mit dem Innen zu einer Einheit verbindet. Es handelt sich also um eine aktive Wahrnehmung. Wenn ich von Landschaft spreche, spreche ich auch immer über mich, mein Wahrnehmungsvermögen und meine kulturellen Voraussetzungen. Demnach ist Landschaft unsichtbar. Sie hat die Eigenschaft, flüchtig zu sein und verfügt über eine zusammenführende Kraft. Mit Landschaft verbinde ich darum die Ferne, das Fremde. Es sind solche Qualitäten, die meine Arbeit in New York inspirieren. Dabei greife ich zum Teil auf Methoden zurück, die ich bereits auf dem Land einsetzte, zum Beispiel den Wolkenspaziergang. In New York City bereite ich zur Zeit den ersten Wolkenspaziergang in einer Stadt (Cloud Walk 10) vor.

Landschaft als ästhetisches Phänomen und das natürliche Phänomen Wolke haben einige übereinstimmende Eigenschaften: In beiden finden wir das Flüchtige, das Unfassbare, die Ferne. Die Wolke ist also meiner Vorstellung von Landschaft extrem nahe. Ein Unterschied ist, dass ich die Wolke betreten kann, Landschaft aber, wie oben erwähnt, nicht. …Bisher wurden die Wolkenspaziergänge auf unwegsamem Gelände in den Bergen unternommen. Der Wolkenspaziergang in New York City führt mich auf das Dach des MetLife Buildings, das sich hinter der Grand Central Station befindet. Wie bisher, trage ich einen Rucksack, in dem sich eine Eichenkiste mit Gerätschaften befindet. Sobald sich in den nächsten Wochen die geeigneten Wolkenformationen in New York einfinden, spaziere ich mit zwei Stöcken durch die Straßenschluchten Manhattans. Im MetLife Building geht es die Treppen hinauf zum 58. Stockwerk, von dort auf das einzigartige Dach, auf dem ich in die Wolke hinein spaziere. Nach meinen Beschreibungen und Messungen entnehme ich der Wolke eine Probe, indem ich 2 Liter von ihr in einen Scheidtrichter ziehe. Danach geht es auf derselben Route zum Apartment der Stiftung in 112 Hudson Street zurück. Diesen Teil meiner Arbeit, in dem ich tendenziell nach oben schaue, sehe ich im Zusammenhang mit der Landschaftsmalerei.

In der Arbeit Through the Looking Glass II schaue ich bevorzugt in die Horizontale. Hierfür verwende ich ein Instrument im städtischen Umfeld, das im ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhundert von Landschaftsmalern auf dem Land eingesetzt wurde: einen Claude-Lorrain-Spiegel – eine schwarze, leicht konvexe Linse, die ein äußerst feines Spiegelbild erzeugt. Mit einem solchen Spiegel studierten die Landschaftsmaler pittoreske Motive und versuchten, an die Farb- und Lichtstimmung Claude Lorrains (1600 – 1682) heranzukommen. Den Landschaftsmalern mit dem Claude-Spiegel ging es nicht um das, was sich unmittelbar vor ihren Augen offenbarte, sondern um das Spiegelbild, ein mittelbares Abbild des Umfelds hinter ihrem Rücken. Mit dem auf diese Weise mehrfach überformten Blick wurden die Dinge anders erlebt und wahrgenommen. Diese Qualität des Claude-Lorrain-Spiegels spielt in der Performance Through the Looking Glass II eine wesentliche Rolle. In New York City kommt allerdings noch etwas hinzu: die Bewegung, das Spazieren durch die Stadt, und zwar rückwärts. Die Stadt wird von mir rückwärts gehend in ihrem Spiegelbild wahrgenommen. Meine Bewegung rückwärts setzt sich von der allgemeinen Vorwärtsbewegung ab. Alle Performances finden ohne Ankündigung statt. Mein Publikum ist die „Walking City“, die Öffentlichkeit der Fußgänger. So viel zu dieser Arbeit, in der das Absurde mit subtiler Kraft nach außen wirkt.

Eine andere Arbeit erstreckt sich auf alle Stadtteile New Yorks: die Bronx, Brooklyn, Manhattan, Queens und Staten Island. Hier schaue ich vorwiegend nach unten. Bis Ende Oktober sammelte ich Blätter von Pflanzen, die auf Fußwegen, Trottoirs und an Straßenrändern als urbane Spontanvegetation wachsen. Die entstandene Sammlung dient mir als Ausgangsmaterial für eine Serie von Frottagen. Normalerweise bildet die Frottagetechnik auf der oberen Seite des Papiers den Gegenstand, der sich unter dem Papier befindet, getreu ab. Durch meine Vorgehensweise entstehen jedoch Blätter, die bisweilen nur auf den ersten Blick aussehen wie eine getreue Wiedergabe. Es handelt sich aber um hybride Blattdarstellungen. Jede Arbeit ist eine Komposition aus Blättern mehrerer oder aller Stadtteile New Yorks. Ich nenne sie unbeschriebene Blätter, sie sind noch unbekannt. Für mich sind diese Blätter Phantombilder, Bilder, die etwas zeigen, was so noch nicht gesehen wurde, aber denkbar und vielleicht möglich ist. In Analogie zum kriminalistischen Vorgehen arbeite ich daher mit einem alten Phantombildgerät der Polizei, das ich seit 1991 in meiner Landschaftsarbeit einsetze und nun mit New York erstmals in einer Stadt verwende. Mit der besonderen Spiegeltechnik des Gerätes entstehen Phantombilder aus städtischen Motiven und architektonischen Strukturen. Mir geht es um die Erkundung der Wahrnehmung städtischer Situiertheit und nicht um einzelne Fakten. Die Stadt ist keine Summe von Teilen. Darum wird eine künstlerische Perspektive dem Phänomen Stadt eher gerecht als eine Datensammlung.

hks Herzlichen Dank, Herr Lang, für diese außergewöhnlichen neuen Perspektiven. Und möge sie bald kommen, die passende Wolke!

Die E-Mail-Korrespondenz führte Karin Görner.

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