© Syracuse University, Special Collections, Marcel Breuer Papers
Paul Harnischmacher in front of the ter­race of his house, 1954 ©

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raum und zeit

„… einen von der Muse geküßten Entwurf, der die Wiesba­dener Spießer überzeugt“, schreibt Marianne Harnischmacher an den jungen Architekten und Designer Marcel Breuer (1902–1981). Haus Harnischmacher I (1932) in Wiesbaden wird der erste Auftrag an den am Bauhaus ausgebildeten Künstler, der in Deutschland heute vor allem für seine Stahlrohrmöbel bekannt ist. Sein Clubsessel B3 ist eine Ikone des Bauhaus-Designs und seit den 1960er Jahren unter dem Namen Wassily-Chair ein Verkaufsschlager. Technische Innovationen ermöglichten Breuer eine formale Reduktion, die sich in komplexen, spannungsreichen Konstellationen aus Linien und Flächen äußert, die er später auch als Architekt anstrebt.

Haus Harnischmacher I – ein von Säulen erhobenes, in die Tiefe gestaffeltes weißes Prisma – soll, ganz im Sinne der Bauherrin, radikales Manifest einer neuen, modernen Architektur sein. Im Jahr 1937 flieht Breuer vor den Nationalsozialisten in die USA. Hier wird er vorrangig als Architekt von Wohnbauten in Neuengland bekannt und entwickelt eine Formensprache, die häufig als „domestizierte Moderne“ wahrgenommen wird. Überkragende, zum Teil in Naturstein ausgeführte Mauern, außen liegende Treppen oder Pergolen und lange Fensterbänder verleihen den Häusern eine moderne, grafische Qualität, während der Raum in pragmatischen Boxen nebeneinandergesetzt und nur der Wohnbereich ineinander verschachtelt wird.

Haus Harnischmacher I verliert durch Zerstörungen im Krieg und Umbauten seine ursprüngliche Form. In direkter Nachbarschaft entsteht 1954/55 das ebenfalls von Breuer entworfene Haus Harnischmacher II, das, anders als sein Vorgänger, kaum Aufmerksamkeit erhält. Jetzt widmen das Center for Critical Studies in Architecture und das Kunstgeschichtliche Institut der Goethe-Universität in Frankfurt am Main dem wenig beachteten Bau eine Publikation, die ihn wissenschaftlich erfasst, seine Bedeutung für Breuers Werk und die Nachkriegsmoderne sowie seine Transformation seit dem Zweiten Weltkrieg kritisch untersucht.

Auch das dürfte Marianne Harnischmacher gefreut haben, schrieb sie doch 1955 über die beiden Häuser Harnischmacher an Breuer: „Der Verlust [Haus Harnischmachers I ] war damals schmerzlich, aber wir haben ein Besseres dafür eingetauscht und es wäre ein neues Buch Wert [sic], den Charme unseres jetzigen Hauses einzufangen.“

  • Goethe-Universität Frankfurt am Main und
  • Center for Critical Studies in Architecture
  • Mehr als ein Haus! Marcel Breuer in Wiesbaden.
  • CCSA Topics Bd. 4. Hg. von Matthias Brunner, Chris Dähne und Carsten Ruhl.
  • M BOOKS Verlag, Weimar, 2021
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