C-Prints, je 49 x60 cm © Lisa Jugert, Berlin
Lisa Jugert: Constructing History (The Real Life and the Freedom Cage), 2007 ©
C-Prints, je 49 x60 cm © Lisa Jugert, Berlin
Lisa Jugert: Constructing History (The Real Life and the Freedom Cage), 2007 ©
Dokumentarfilm, Filmstill, Interview mit Bruce Davenport © Lisa Jugert, Berlin
Lisa Jugert: Art in New Orleans ©
Fotografie © Lisa Jugert, Berlin
Lisa Jugert: Miss Rockaway Armada, 2007 ©
C-Print, 49x 60 cm © Lisa Jugert, Berlin
Lisa Jugert: Get Real Art Fag, 2007 ©

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stipendiatin
lisa jugert

Mit ihrem Reisestipendium hat Lisa Jugert (*1980) ausführlich die USA bereist: Sie ist für fast zwei Jahre durch New York, den Mittleren Westen, durch Chicago, Minneapolis, New Orleans, Los Angeles und San Francisco gestreift. Mit ihren Fotografien, Filmen und Installationen untersucht die inzwischen in Berlin lebende Künstlerin die Subjektivität von Bildern in einer repräsen­tations- und spektakelkritischen Lesart. Lisa Jugert hat 2006 als Meisterschülerin die Frankfurter Hoch­schule für Bildende Künste – Städel­schule abgeschlossen. Ihre Ausstellung mit dem Arbeitstitel Kultur und Kunst wird am 3. Juli 2 009 um 20 Uhr im Basso Ber­­lin eröffnet: Basso, Köpenicker Straße 187 / 188, 10997 Berlin. Sie wird bis zum 17. Juli zu sehen sein.

hks Frau Jugert, Ihre Fotos von der Miss Rockaway Armada sehen so wunderbar nach Tom Sawyer und Huckleberry Finn aus: Was haben Sie da getrieben auf dem Mississippi?

jugert Freunde von mir aus NYC hatten im Sommer 2006 ein Künstlerkollektiv gegründet mit dem Ziel, den Mississippi River mit selbst gebauten Booten zu befahren – DER Klassiker der Idee der Freiheit in der amerikanischen Kultur spätestens seit Mark Twain. Diese offene Gruppe nennt sich Miss Rockaway Armada (nach Rockaway Beach in Coney Island) und wollte sich vor allem mit der eigenen Entfremdung von der Bevölkerung der USA konfrontieren; dem Teil der Bevölkerung, der damals Bush und die Kriege unterstützte. Es gibt in den USA ja diese großen liberalen Metropolen an den Küsten und dazwischen ist ein riesiges Land (ein riesiger Sub-Urb) mit konservativen und stark religiösen Amerikanern. Und diese Bevölkerungsgruppen sind sich gegenseitig total fremd, obwohl viele heutigen Großstädter einmal irgendwo im Sub-Urb aufgewachsen sind. Ich habe im Sommer 2007 mit drei anderen Künstlern eines der Boote gebaut, das Teil der Armada war. Die Boote, auf denen wir lebten, fungierten als Kunstinstallation und die Bewohner des Mittleren Westens waren unser Publikum. Wir haben uns also unser Publikum selber gesucht, mit dem wir uns auseinandersetzen wollten, und das wir wiederum mit unserer Kunst und Lebenseinstellung konfrontieren wollten. Ich habe auf diese Weise einen sehr prägnanten und oft vergessenen Teil der USA kennen gelernt. Das war wie das Herz eines Landes und einer Kultur kennen zu lernen, die so vielfältig ist wie einfältig.

hks Sie situieren Ihre künstlerische Arbeit in sozial-politischen Kontexten mit dem Fokus auf die Bedingungen und die Wahrnehmung von Kunst- und Kulturproduktionen. Was waren Ihre Erfahrungen in Bezug auf Ihren inhaltlichen Schwerpunkt auf Ihrer Reise durch die USA? Sie haben ja relativ lange an verschiedenen Orten, nicht nur auf der Armada, in New Orleans zum Beispiel auch, gelebt.

jugert In NYC habe ich mich mit Geschichtsschreibung und unser­er Neigung zur selektiven Wahrnehmung beschäftigt. In Con­structing History (The Real Life and the Freedom Cage) habe ich Fotos, die ich in einem verlassenen Haus am Mississippi gefunden habe, mit Fotos, die auf unserer Floßfahrt entstanden sind, kombiniert. Die Protagonisten beider Bilder sind ungefähr im gleichen Alter, allerdings bewegen sie sich in anderen Zeiten: amerikanischer Alltag gegen Ende des Zweiten Weltkrieges und eine seltsam hippie-esk anmutende Abenteuerfahrt. Was wissen wir eigentlich von den Protagonisten und ihren Leben, außer ­unseren eigenen klischeehaften Vorstellungen? Die Verführung der Fotografie zu schnellen Schlussfolgerungen und die un­vermeidliche Subjektivität, mit der „Geschichte“ als unabänderliche Wahrheit bestimmt wird, das fasziniert mich. Die Fotoarbeit Get Real Art Fag beschäftigt sich unter anderem damit, wie „real“ denn unsere Vorstellung von Realität ist, und wie auswechselbar solche Annahmen sind. Parallele Welten spielen hier die Ebene der Straße / Innenraum, Galeriekunst / Street Art, konkre­te Abbildung / Abbildung einer Nachbildung. Ich versuche auch hier mit den Mitteln der Fotografie die Wahrnehmung zu verwirren und durch Verfremdung zum Nachdenken über Gedankenmechanismen anzuregen.

In New Orleans habe ich mich mit der Fotografie als voyeuristisches Medium beschäftigt, mit dem man aus sicherer Distanz genussvoll das Leiden anderer beobachten kann. Es gibt eine perverse Gier nach Abbildern von Unglück, wie zum Beispiel nach Hurricane Katrina. Gleichzeitig gilt die Argumentation, dass die Fotografie helfe, das Ausmaß einer Katastrophe sichtbar zu machen, um Empathie und Hilfe zu wecken. Das ist ein Widerspruch, mit dem sich zum Beispiel Susan Sonntag in ihren Aufsätzen On Photography beschäftigte. Der eine Hintergrund des Modell-Raums in meiner gleichnamigen Arbeit ist die Abbildung eines durch Armut und Sturm total zerstörten Hinterhofes in New Orleans. Dort ein alltäglicher Anblick.

Erschreckend ist das extreme soziale Gefälle zwischen Arm und Reich, das nicht nur Klassen, sondern auch Rassen, überall in den USA, trennt. Der tägliche Rassismus hat auch zur Folge, dass man als weißer Europäer automatisch fast nur weiße Freunde hat. New Orleans hat einen Bevölkerungsanteil von 80 % African-Americans. Ich wollte bei all dem Krisenbewusstsein Fotografie auf eine persönliche Ebene bringen und dabei versuchen zu zeigen, wie subjektiv eine Stadt wahrgenommen wird – die Stadt, wie sie sich mir zum Beispiel zeigte, durch die Augen meiner Freunde, die sich von mir an ihrem Lieblingsort porträtieren ließen. So ist die Fotoserie Extremely Subjective entstanden.

Als dann im letzten Herbst die erste internationale Kunst­biennale Nordamerikas in New Orleans eröffnet wurde, wollte ich wissen, ob solch ein Event das Potential hat, eine Not leiden­de Stadt zu verändern. Ich habe dazu sehr unterschiedliche Interviews geführt: mit lokalen und ortsfremden Künstlern, Ver­an­stal­tern, Geldgebern, Anwohnern. Daraus entsteht ein als Lang­zeit­pro­jekt angelegter Dokumentarfilm, in dem es einerseits all­­gemein um das Potential von Kunst – positive und negative Aspekte von Kunst und Markt – und im Spezifischen um die Situation in New Orleans geht: um die Wirtschaftslage, Kriminalität, Rassismus, Politik – im Hinblick auf die Bedeutung, die Kunst in dieser Stadt hat. Der Moment war wirklich interessant (zeitgleich mit der Wahl von Obama zum Präsidenten), mit solch einer Hoffnung habe ich die Menschen dort nie von der Zukunft ihrer Stadt sprechen hören. Ich bin gespannt, was aus den vielen ambitionierten Projekten wird, die zeitgleich mit der Biennale aus dem Boden schossen.

hks Zum Abschluss Ihres Reisestipendiums organisieren Sie, zusätzlich zu den Projekten, über die wir gesprochen haben, noch eine Ausstellung, die in Berlin stattfinden wird. Was hat es damit auf sich?

jugert Die Ausstellung, die derzeit noch den Arbeitstitel Kultur und Kunstträgt, ist eine Zusammenarbeit zwischen mir und 15 Freunden aus den USA. Die Ausstellung wird aus zwei Teilen bestehen: der erste ist eine aufwendige musikalische Performance zur Eröffnung, in der Kultur auf experimentelle Weise Thema sein wird. Der zweite Teil ist eine Arbeit von mir, die allerdings erst ab dem folgenden Tag zu sehen sein wird, da sie aus der Performance entsteht. Die Arbeit wird ein Foto von dem Abend sein, das ohne Spuren der Veranstaltung im Ausstellungsraum präsentiert wird. Ich gehe hier einen Weg von Kultur zu Kunst, bei dem ich offen lasse, welcher Teil welchen bedingt. Ich arbeite sehr gerne im Kollektiv und habe in der amerikanischen Subkultur sehr viel kreative Energie und Leidenschaft für Kunst gefunden, die ich in der professionellen Kunstszene oft vermisse. In den USA kostet alles Geld; so ist auch der Zugang zu höherer Bildung, Kultur und Kunst beschränkt. Wer nicht zur Elite gehört, hat das Nachsehen. Aus diesem Grund sind Communities so wichtig, die wie eine soziale Sicherung wirken, und in denen eigene lokale Kulturen sich entwickeln und blühen können, die dem Markt gegenüber gleichgültig sind. Mich hat das sehr inspiriert und ich finde es wichtig, Gemeinschaftsgeist und Kultur innerhalb der Kunst zu fördern.

Das Gespräch führte Karin Görner.

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