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verwirklicht

„Mit einem Schritt tritt man aus der Gegenwart in die Vergangenheit“, beschreibt Helmina von Chézy (1783 – 1856) ihren ersten Eindruck vom Rittersaal auf Schloss Erbach im Odenwald. Durch das farbige Licht der mit „alter Glasmalerei ausgezierten Fenster magisch beleuchtet“, stehen Ritterrüstungen unter einem hohen, feingliedrigen Gewölbe. Dies alles entziehe uns der Gegenwart und „führt uns unwiderstehlich in eine Zeit zurück, welche wir wohl zu ahnden, aber nicht zu fassen vermögen“. Helmina besuchte Schloss Erbach erstmals im Jahr 1812 und blieb für mehrere Wochen. Dem Dichter Friedrich de la Motte Fouqué schreibt sie später in einem Brief, dass sie plane, neben den Frankfurter Kunstsammlungen von Holzhausen und von Gerning auch die Sammlung in Erbach zu beschreiben. Die umtriebige Schriftstellerin, Publizistin, Kunsthistorikerin und Übersetzerin gehörte zu einem illustren Kreis deutscher Frühromantiker. Sie lebte als Korrespondentin in Paris und war befreundet mit Dorothea und Friedrich Schlegel, die sie ihrem zweiten Ehemann, dem Orientalisten Antoine-Léonard de Chézy, vorstellten, besuchte den Salon Julie Récamiers und erwarb sich ein profundes Wissen über Malerei, Antike und die Kunst des Sammelns.

Nur wenige Jahre nach ihrem Besuch finden ihre Eindrücke aus Erbach Eingang in den erstmals 1816 publizierten Reiseführer Gemälde von Heidelberg, Mannheim, Schwetzingen, dem Odenwalde und Neckarthale: Wegweiser für Reisende und Freunde dieser Gegenden. Als gleichermaßen einfühlsames wie kenntnisreiches Zeugnis romantischer Reise- und Kunstlust beschreibt der Führer die verschiedenen Sammlungen, die der begeisterte Antikenkenner, dilettierende Elfenbeinschnitzer und Archäologe Graf Franz I. zu Erbach-Erbach auf dem Schloss inszenierte. Aus diesem Text stammt nicht nur die oben zitierte Passage zum Rittersaal, dessen neugotische Kulisse erst kurz zuvor realisiert worden war. Es ist auch das erste Mal, dass die heute berühmte Sammlung etruskischer, römischer und griechischer Kunst des Grafen, die er in antikem Ambiente in seinen Wohnräumen arrangierte, öffentlich beschrieben wurde. Helmina von Chézys Darstellung erfasst die ordnende und zugleich intime Umsetzung der Sammel- und Bildungsleidenschaft Franz I. präzise. Sie skizziert auf wenigen Seiten kulturhistorische Panoramen antiker und mittelalterlicher Lebenswelten, die sich vor einem klassisch geprägten und romantisch erweiterten Bildungsideal auf Schloss Erbach verdichten.

Ein Element der gräflichen Sammlung erwähnt Helmina von Chézy nicht, weil er Reisenden als Teil der Privatgemächer seinerzeit kaum zugänglich war: die Ahnengalerie der Familie. Gemälde von Künstlern wie Anthonis van Dyck, Gerrit van Honthorst oder Wybrand de Geest bebildern die genealogische Legitimation und die Verbindungen des Erbacher Adelsgeschlechts zum niederländischen Königshaus Oranien-Nassau. Die bis dato unerforschte Sammlung repräsentativer Bilder und Miniaturporträts reicht zurück bis in das 16. Jahrhundert. Für uns heutige Besucher und für die Forschung ist es ein besonderes Glück, dass neben der Antikensammlung nun auch die Ahnengalerie für die Öffentlichkeit gesichert wurde. Dass eine Sammlung derart vollständig am Ort ihrer Inszenierung bestehen bleibt, darf man als eine kultur- und kunsthistorische Sensation feiern.

Ein weiterer Teil des Ankaufs findet in Helminas Schilderungen Erwähnung: reich illustrierte Kataloge, in denen Franz I. seine Sammlung dokumentierte. Dieses einmalige Konvolut ermöglicht es heute, Geschichte und Provenienz der Erbacher Sammlung nachzuvollziehen. Es sind einmalige kulturhistorische Quellen zur Rekonstruktion der Sammlung und ihrer ursprünglichen Aufstellung durch Franz I.

Denn alles, was sich lohne, gesehen zu werden, finde man hier vereint, schreibt Helmina von Chézy, und „wer die Luft dieser reinen Sphäre von Geist, Kunstsinn,Gemütlichkeit, Edelsinn und Zartheit der Formen […] eingeatmet, wird sich […] von Sehnsucht ergriffen fühlen“. Auf Schloss Erbach vereint sich heute in den bedeutenden Sammlungen ein Panorama der Gedankenwelt des beginnenden 19. Jahrhunderts mit einem Einblick in die genealogische Verankerung der Adelsfamilie Erbach im regionalen und europäischen Kontext. Am Ende, muss man Helmina von Chézy zustimmen, bleibt der Besucher sprachlos zurück.

  • Gemäldesammlung der Grafen zu Erbach-Erbach
  • Schloss Erbach
  • Marktplatz 7, 64711 Erbach im Odenwald
  • Telefon +49 6062 809360
  • Aktuelle Öffnungszeiten bitte erfragen
  • www.schloss-erbach.de
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